The Man in the High Castle (#tmithc)

Habe ich jetzt angefangen zu gucken, nachdem man sich während des Kantinenessens auf dem Histocamp eher skeptisch dazu äußerte („wir hörten, dass das mit dem Buch nichts mehr zu tun hat…“). Skeptische Äußerungen machen mich ja immer irgendwie neugierig und da das gleichnamige Buch von Philip K. Dick sowieso eines meiner Lieblingsstücke schlechthin ist,  besteht auch keine Gefahr, dass mir eine Serie das versauen könnte. Also sah ich mir gestern Abend die erste Folge an und bin bislang jedenfalls beruhigt: Ein paar Figuren wirken zwar etwas abgewandelt und inhaltlich scheint es nicht zu 100 Prozent mit dem Buch kongruent zu sein, aber das muss es ja auch gar nicht. Überhaupt finde ich immer interessant, wie sehr Drehbuchschreiber und Filmregisseure selbst zu Akteuren werden, die bestimmen, wie stark ein Werk während oder durch einen Adaptationsprozess verändert wird. Das Wichtigste aus dem Roman greift die Serie jedenfalls definitiv auf: Das mysteriöse Buch im Buch, The Grasshopper Lies Heavy, spielt auch in der Serie eine Schlüsselrolle – nicht ganz zufällig adaptiert als Film im Film. Metafiction at its best, ich bin gespannt, wie dieses Motiv in den kommenden Folgen weiterentwickelt wird.

Ein erstes Fazit sollte jedenfalls lauten: Kann man sich auf jeden Fall anschauen.

Im Weinberg

Ein Serienplot wie ein kafkaesker Albtraum, Thriller und Film Noir, gewürzt mit einem Schuss The Ring und der englischen Schauerroman-Tradition der Gothic Novel (und auch ein bisschen E.A. Poe), tänzelnd auf der Grenzlinie zwischen rational und irrational und darüber hinaus, mit exzellenten DarstellerInnen, ruhigem Duktus und doch unfassbar packend erzählt – und das aus Deutschland? Vor ’nem Jahr hätte ich Vergiss es gesagt.

Vor einem Jahr.

Jetzt gibt es Weinberg. Läuft unter anderem auf TNT. Unfassbar: Eine deutsche Serie, die es gefühlt ganz locker mit den Qualitätsformaten aus dem anglo-amerikanischen Raum aufnehmen kann (jedenfalls bis jetzt, Stand: Folge 3).

Und wäre vor einem Jahr dann noch der Nachsatz Ach übrigens, das Setting ist deine Heimat gefallen, ich hätte jedem den Vogel gezeigt.

Aber: Das Setting ist meine Heimat. Das Ahrtal, ein Seitental des Rheins, südlich von Bonn gelegen. Bekannt hauptsächlich für Wein und Weinfeste. Gedreht wurde die erste Staffel im beschaulichen Mayschoss, das hier als Kulisse für den fiktiven Ort Kaltenzell dient – und für einen Gruselplott vom Allerfeinsten herhalten muss. Inklusive feindseliger, hinterwäldlerischer Bewohner (und natürlich Weinfesten). Inwiefern die Bewohner fiktiv sind oder nicht, sei mal den Ahrtal-BesucherInnen selbst zu bewerten überlassen. Die Serie jedenfalls hat mich jetzt schon gepackt. Nicht, weil ich da jede Ecke kenne. Sondern weil das Stück genau meinen Nerv trifft.

Und das alles läuft auf einem kleinen, winzigen Sender. Große deutsche TV-Produzenten bekommen derartige Leistungen anscheinend noch lange nicht auf die Kette. Sagt dann auch sehr viele über die Medienlandschaft hierzulande. Jedenfalls… was rede ich hier. Genießt doch einfach den Trailer oder schaut rein. Es lohnt.

Filmstart des Jahres.

Gerade angelaufen: Kung Fury. Kompromisslos gut. Der Streifen läutet nun endlich und endgültig die geistig-moralische Wende in der Filmkunst des 21. Jahrhunderts ein. Während die Kinos allenthalben nur Müll zeigen (die exzellente Ex MachinaErzählung einmal ausgenommen), startet das crowdgefundete (oder gecrowdfundete?) Machwerk von allerhöchster Güte, vielleicht auch gleich von Gottes Gnaden mal eben auf Youtube durch. Völlig kostenlos. Qualität hat dabei jedoch ihren Preis – die Sache kostete immerhin 630.000 Dollar, aber die Kohle war halt da. Und dafür hat man in die höchst kurzweiligen 31 Minuten Film so ziemlich alles reingehauen, was das Budget hergab. Maximaler Einsatz für die crowdfundenden Fans, die voll hinter der Sache stehen. Herausgekommen ist ein knallharter, hyperintelligenter 80s-Action-Revival-Streifen mit Dinosauriern, Kung-Fu-Getrete, Maschinengewehren, einem Lamborghini, reichlich Explosionen, Splatter, Stirnbändern und WikingerInnen. Fans von David Hasselhoff werden sich sowieso freuen und alle anderen eigentlich auch. Es ist schlicht großartig. Während ich noch darüber nachdenke, ob man in 20 oder 30 Jahren nicht schon krautfanden schreiben und ob es das Wort dann überhaupt noch geben wird, weil die GEMA die Rechte daran hat, sollte der Film einfach geguckt werden. Es handelt sich um 30 Minuten wohl investierte Lebenszeit.

Ex Machina

Ein exzellenter Film war das, den ich letzte Woche im Kino sah. Das Regiedebüt des Briten Alex Garland, der zuvor als Romancier (The Beach) und Drehbuchautor (28 Days Later, Sunshine) in Erscheinung trat, überzeugt mich persönlich auf ganzer Länge und ist nun auch ein Kandidat, später auf DVD orginal eingekauft zu werden (mehr kann mich ein Film eigentlich nicht überzeugen). Obgleich das Thema von Ex Machina nicht unproblematisch ist für eine Filmlänge: Es geht um nichts anderes als die moralischen Folgen der Entwicklung künstlicher Intelligenz. Dennoch diskutiert der Film die Problematik trotz der medial bedingten Zeitbeschränkung absolut gekonnt – auch dank der beiden Hauptdarsteller Alicia Vikaner (Inside Wikeleaks, Anna Karenina) und Domhnall Gleeson (True Grit, Never Let Me Go), um deren existenzielle Dialoge sich die Handlung in weiten Teilen dreht. Action, Spektakel? Nur ein bisschen, am Schluss. Ganz zart. Wer aufgrund des Titels ein Science-Fiction-lastiges Baller-Epos mit Maschinen erwartet, wird eher enttäuscht. Science Fiction ja, total,  aber die Eskalationsspirale erzählt der Plot ganz ruhig runter – mit zahlreichen Anlehnungen nicht nur an die in manchen Passagen explizit erwähnten philosophischen und historischen Vorbilder, sondern auch und vor allem an das große Thema, mit dem die gesamte britische Science Fiction – Tradition schlechthin begann: Den Frankenstein-Roman. Obgleich Shelleys Werk nicht wörtlich genannt wird, finden sich zahlreiche Anspielungen durch die gesamte Handlung hindurch. Der Archetyp des wahnsinnigen Wissenschaftlers Viktor Frankenstein ist jetzt eben kein Wissenschaftler mehr, sondern wurde zum modernen IT-Nerd-Hipster mit Hornbrille und Bart ummodelliert. Das Monster ist weiblich – und wie im Roman stellt sich auch die hier die Frage, wodurch sich eigentlich genau ein Monster definiert. Denn pauschal böse ist die Figur wie im Roman nicht von Beginn an. Garland hat seinem Stück also eine erzählerische Tiefe verpasst, die in dem Genre in dieser Form eher selten vorkommt. Davor kann ich nur meinen Hut ziehen und muss hier ganz dringend (absolut unbezahlte) Schleichwerbung machen. Denn ich war, zugegeben, etwas erschrocken darüber, dass man den Film schon in der dritten Woche nur noch um 21 Uhr im Godesberger Kinopolis anschauen konnte. Den Kinosaal teilte ich mir nur mit wenigen älteren Herren, die sich an einer Hand abzählen ließen.

Das hat so ein geniales Stück nicht verdient. Also: Anschaubefehl!