Sommer-Leseliste

Es liegen nun also folgende Werke hier rum, die noch gelesen werden wollen. Eine private Leseliste, die eigentlich keine ist, da leider auch wieder sehr viel beruflich gelesen werden muss. Macht aber nichts, den privaten Spaß an Literatur sollte man sich ja nie nehmen lassen. Mindestens die ersten beiden Titel stammen zumal aus der Kategorie Klassiker, die man eigentlich kennen sollte.

Heinz Strunk – Fleisch ist mein Gemüse. Herrn Strunks neuestes Machwerk, Der Goldene Handschuh, brachte dem häufigen Gast der heute show kürzlich geradezu feuilletonesquen Ruhm ein. Das Stück muss ich also bei Gelegenheit auch mal lesen. Aber vorerst möchte ich meinen Lieblingsautor der Titanic (Lieblingsrubrik: Heinz Strunks Intimschatulle, stets vor allem anderen gelesen) chronologisch verarbeiten. Zumal der erste Absatz erst einmal schön das Scheitern eines Jugendlichen am Rasenmähen seziert. Der wirklich perfekte Beginn dieser Ferien.

Rocko Schamoni – Dorfpunks. Zu Herrn Schamoni muss ja allgemein nichts mehr gesagt werden. Meiner Meinung nach einer der besten deutschen Gegenwartsautoren, dessen Sternstunden der Bedeutungslosigkeit und das Sequel Tag der geschlossenen Tür als nihilistisch-legendär bezeichnet werden können. Auch das etwas weniger düster daherkommende Rentner-mit-Gewehr-Epos Fünf Löcher im Himmel hat mich im letzten Sommer überzeugt.

John le Carré: A Small Town in Germany. Keine Ahnung, Neuland für mich. Der Autor ist vor allem durch das Genre Agententhriller bekannt, wo er durch seine eigene Vergangenheit quasi vom Fach ist. Bekannt war er mir vorher nur durch seine berühmten Verfilmungen, etwa Tinker Tailor Soldier Spy (Dame, König, As, Spion). Das mir nun vorliegende Stück mit Kleinstadt im Titel ist konsequenterweise ebenfalls ein Agententhriller – einer, der in Bonn spielt. Auf die Idee gekommen bin ich durch diesen Blogbeitrag, in dem man noch weitere literarische Bonn-Empfehlungen serviert bekommt.

Sehenswert: Die Brücke [update]

Bühne und Zuschauerraum vor der Aufführung
Bühne und Zuschauerraum vor der Aufführung

In der letzten Woche stand Theater auf dem Programm. In Erpel am Rhein, eine Viertelstunde von Bonn entfernt, bekannter Stoff: „Die Brücke von Remagen“ – die Thematik müsste den meisten noch als amerikanische Nachkriegsverfilmung geläufig sein. Dabei bietet die Inszenierung der Romanvorlage von Rolf Palm ein kleines Feature, was sonst auf kaum einer offiziellen Bühne machbar ist: Sie findet am – oder besser gesagt: im – Originalschauplatz statt. Denn Bühne und Zuschauerraum befinden sich mitten in dem alten Eisenbahntunnel, von wo aus die damalige Rheinbrücke gegen die schnell vorstoßenden amerikanischen Verbände verteidigt werden sollte. Deswegen und wegen nicht zuletzt vieler positiver Empfehlungen hatte ich dann auch entsprechend hohe Erwartungen an das Stück.

Und die wurden beileibe nicht enttäuscht. Schon der Beginn reißt das Publikum mit – erkennbar daran, dass der ganze Zuschauerraum im Tunnel von einer Sekunde auf die nächste totenstill wird: Ein amerikanischer Soldat mit deutscher Abstammung („Zimmermann“) stellt sich vor die ZuschauerInnen, der Schweinwerferspot liegt nur auf ihm. Er berichtet mir ruhiger, aber fester Stimme über die Vorgeschichte der Erstürmung, wie seine Truppen in Kontakt mit der Zivilbevölkerung der umliegenden Dörfer kamen. Die schauspielerische Leistung des mir unbekannten Darstellers ist hochprofessionell, vermag er seine Rolle dermaßen glaubhaft und authentisch zu spielen, dass nach seinem kleinen Solostück erst einmal Applaus aufbrandet. Die spektakuläre Akustik des Tunnels unterstützt zudem die Stimme der DarstellerInnen – später werden dadurch auch bestimmte Szenen stark aufgeheizt. Beispielsweise, wenn sich einzelne Protagonisten gegenseitig anbrüllen. Verstärkt durch den Tunnel fliegen dann den ZuschauerInnen bei Streitereien auf der Bühne fast die Ohren weg – ebenso bei den eingespielten Einsturzgeräuschen der Brücke am Schluss des Stücks.

So spielt der Originalschauplatz auch selbst seine eigene Rolle in diesem Stück. Alle DarstellerInnen können sich zudem wirklich auf die Schulter klopfen, das Stück ist absolut erstklassig besetzt. Obgleich es mit grob 90 Minuten zwar eher kurz daherkommt, wird dem Publikum zu keinem Zeitpunkt langweilig – dabei geht es ja eigentlich nur um die banale Erstürmung einer einzigen Brücke. Aber die Struktur, die exzellenten DarstellerInnen und die unterschiedlichen Perspektiven, derer sich die Inszenierung bedient, machen „Die Brücke“ wirklich sehenswert.

Bedenkt man dann noch, dass die ganze Chose „nur“ von einem Verein getragen wird, dann ist das wirklich eine Leistung. Ebenso die ganze Organisation „drumherum“ und die Versorgung mit kleinen Snacks und Getränken, die vor dem Stück angeboten werden. Chapeau, ad Erpelle.

Karten gibt es hier, das Stück läuft bis zum 14.09. – also noch diese Woche.

 

#update 10.09.2014:

In einer ersten Version des Beitrags wurde der gleichnamige Roman von Gregor Dorfmeister als Vorlage angegeben. Das ist allerdings falsch: Tatsächlich war es „Die Brücke von Remagen“ von Rolf Palm.

Abriss der Gesellschaft: „Johann Holtrop“

Johann HoltropEin böses Buch. Eine niedergeschriebene, auf 343 Seiten (Paperback) messerscharf ins und durchs Herz der oberen Zehntausend der Gesellschaft schneidende Analyse der Verhältnisse. Obgleich ich von Rainald Goetz schon mehrfach gehört hatte – nicht zuletzt wegen seines Klassikers „Irre“ – kam ich bislang nicht zu der Gelegenheit, den Autor auch tatsächlich zu lesen. Bis mich dann, am vorigen Wochenende beim Stöbern durch Bonn, „Johann Holtrop – Abriss der Gesellschaft“ im Buchladen46 so dreist anlachte. Da das Verlassen von Buchhandlungen ohne Buch quasi unmöglich ist… naja, man kennt das. Jedenfalls habe ich es gekauft. Und gelesen. Und bin nun, nach der Lektüre, nachhaltig beeindruckt.

Denn Goetz verfasste hier nicht einfach irgendein Porträt eines Absturzes des typischen Top-Managers der 90er und 2000er  Jahre, wie das der Klappentext suggeriert. „Johann Holtrop“ ist die absolute Vernichtung einer Denkweise, einer Schule von Menschen, die uns alle von einer Wirtschaftskrise in die nächste geritten hat. Es ist eine Abrechnung mit Charakteren wie Gerhard Schröder, Josef Ackermann, Klaus Zumwinkel, Carsten Maschmeyer und anderen prominenten Handelnden dieser – womöglich gerade endenden – Epoche. Als Leser hat man unweigerlich das Gefühl, dass im Charakter des Protagonisten Holtrop all jene Eigenschaften kulminieren, die es braucht, um ungerechtfertigterweise reich zu werden und dabei Menschen zu zerstören. Es schleicht sich das Gefühl ein, dass man diesen Typen irgendwoher kennt – womöglich aus den Medien. Er ist die Personifizierung des Arschlochs, Pardon, des Oberarschs, und paradoxerweise macht das Buch die Lesenden selbst zu eben solchen. Denn es macht einen pervers und voyeuristisch anmutenden Spaß, dieser schonungslos und ohne jedwede Sympathie dargestellten Hauptfigur beim persönlichen Absturz über mehrere Ebenen hinweg zuzuschauen. Dazu trägt auch Goetz‘ Erzähltechnik bei, die zwar von langen – sehr langen, teilweise halbseitigen – Sätzen geprägt wird, aber durch ihren stakkatomäßigen Satzbau immer wieder Tempo aufbaut. Zumal der Text gerade durch die clever verschachtelten Sätze das Gefühl erzeugt, den Figuren direkt ins abgewrackte Hirn hineinzuschauen. Stream of Consciousness 2.0, in etwa.

Und dabei offenbart sich vor allem eines: Den Handelnden in der höchsten Ebene deutscher Konzerne geht es nicht immer nur um die Maximierung des eigenen Profits. So weit denken die Figuren gar nicht immer, weil sie selbst dazu viel zu verroht sind. Es geht auch um die Verachtung, Demütigung und Erniedrigung der jeweiligen Gegenspieler, auch der eigenen Partner. Wenn, wie es „Johann Holtrop“ meisterhaft vorführt, nun aber einfach jedeR so denkt, dann gibt es Opfer. Im Grunde ist jede Figur dieses Textes ein Opfer der Bedingungen, die sie selber dennoch absolut großartig findet. Finden muss, denn die ungebildet wirkenden Charaktere sind nicht in der Lage, ihrem eigenen Denksystem zu entkommen. Alle Figuren werden Stück für Stück demontiert und verschrottet; als Leser schaut man diesen während dieses Prozesses in den Kopf und wundert sich, warum diese ihre eigene Demontage zuerst gar nicht richtig mitbekommen. Später findet man die mögliche Erklärung: In der Welt eines Holtrop gibt es weder Herzensbildung noch Empathie.

Das Buch ist trotz dieses Negativbildes ein Genuss zu lesen – es gehört wohl zu den wenigen längeren Texten, von denen man trotz durchweg unsympathischer Figuren auch noch recht gut unterhalten wird. Durch die absurden, wirren, teilweise wirklich merkbefreiten und trotzdem realistisch wirkenden Gedanken der Charaktere und Goetz‘ genialer Erzähltechnik zeigt die Geschichte an vielen Stellen einen bissig-aggressiven Humor, der einem nicht selten ein mitleidsloses Grinsen ins Gesicht zieht. Man kann gar nicht anders, als beim Lesen über die Protagonisten dasselbe zu denken, was diese über andere denken. Prädikat: Geniestreich.

Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft.

Suhrkamp 2014.