Fragen an die Demokratie – mein Senf dazu

Hurra, wieder eine Blogparade – dieses Mal zu zehn Fragen an die Demokratie. Stopp, nein, nicht hurra. Dieses Thema ist so gar nicht hurra. Bob Blume fragt sich nämlich, was man tatsächlich tun kann gegen den zunehmenden Verfall dessen, auf dem wir alle mehr oder weniger aufbauen. Gegen den Verfall unserer Demokratie. Die sicher nicht perfekt, aber sicher auch besser ist als das, was den Leuten von rechtsaußen so vorschwebt. Damit meine ich natürlich die antidemokratische AfD – das Kind sollte man beim Namen nennen. Zumindest solange es sich einem üblen, rassistischen Tonfall verschreibt und man allerorten Dinge wie „Lügenpresse“ hört (eine demokratische Partei, die pauschal gegen die Presse  oder die Mainstream-Medien agitiert, gibt es nicht). Solange einem im Diskurs so Sachen wie „wenn wir am Ruder sind, dann gnade euch Gott“ entgegengeschmissen werden. Von der von den Piraten kopierten Beleidigungskultur im Netz möchte ich gar nicht erst reden.

Zu diesem Phänomen gibt es nun zehn Fragen eines Demokraten – meine Antworten scheinen mir unvollständig, unpräzise, aber hoffentlich beteiligen sich mal ein paar mehr Leute an so etwas. Man muss den Rechten mittelfristig das (rhetorische) Handwerk legen, sonst werden sie diesen Staat irgendwann missbrauchen. Ganz so, wie sie das schon angekündigt haben. Und dann werden wir uns wirklich umgucken, denn es werden alle etwas zu verbergen haben.

1. Wie schafft man die Kehrtwende gegen den zunehmenden Rechtspopulismus?

Keine Ahnung. Es ist komplex. Wenn man zynisch ist, könnte man argumentieren, dass sich die Mitte-Links-Parteien nun auch die Fähigkeiten der Rechten in puncto Internet und vielleicht auch direkt zum Thema Big Data aneignen sollten. Ich halte es für keinen Zufall, dass Manager und Firmen aus diesem Bereich bei den britischen Leave-Kampagnen und bei Trumps Wahlkampf ziemlich aktiv mitwirkten. Auch wenn ich darin nicht die Ursache sehe – Internet: das kann Rechts ironischerweise derzeit besser als die Mitte und Links.

Weniger zynisch: Wir brauchen Europa und eine funktionierende EU, denn die über 70 Jahre Frieden auf diesem Kontinent sind nicht vom Himmel gefallen. Die EU finde ich verdammt gut – aber sie beweist nach den vielen Erweiterungen der letzten Jahre leider auch, dass ihr Modell mit so vielen Staaten nicht mehr  so effektiv funktioniert wie einst gedacht. Langsam, träge, zuweilen tatsächlich überreglementiert, undemokratisch strukturiert (v.a. die Kommission) und nicht selten entscheidungsunfähig. Das sind alles berechtigte Kritikpunkte, welche die Rechten übrigens nicht erfunden haben. Gerade Punkte wie fehlende Demokratie und Handlungsunfähigkeit müssen dringend angegangen werden – man stelle sich einmal vor, was gewesen wäre, wenn man die Flüchtlingskrise tatsächlich europäisch hätte managen können. Deutsche und europäische Politiker täten gut daran, diesen schon seit vielen Jahren erkannten Reformbedarf zu erkennen und anzugehen. Dass das europäische Parlament mittlerweile endlich einen Präsidenten hat und auch der Kommissionspräsident zum ersten Mal gewählt wurde, ist dabei nur ein erster Schritt.

Was wir auch brauchen: Mehr Europa. Mehr Begeisterung. Eine europäische Idee, einen Leitgedanken – oder: Ein Narrativ. Ich bin als Schüler damit aufgewachsen, heute hört man das kaum noch.

2. Warum bestimmen die Rechtspopulisten die wahlentscheidenden Themen?

Das hängt meiner Meinung nach mit einer ziemlich bösartigen Ironie zusammen. Die Rechte hat es geschafft, auf Twitter mit Bots und Troll-Accounts massive Dauer-Präsenz zu zeigen und alles automatisiert unter Feuer zu nehmen, was ihr nicht in den Kram passt. Dazu gehören eigentlich immer die Postings von Journalisten. Und gerade auf Twitter findet sich das journalistische Who-is-who dieses Landes, die gesamte Medienelite. Somit ist die vermeintliche Lügenpresse de facto der größte Wahlhelfer für die AfD, indem die Medienkanäle ihren Themen – möglicherweise durch den Präsenz-Effekt der sozialen Netzwerke – übermäßig viel Platz einräumen. Weil selbst die Presseleute aus ihrer eigenen Filterblase nicht heraus kommen.

3. Wie gewinnt man mit Fakten Wahlen?

Gabs das schon mal? Ich würde gerne mit einem Mix aus Sachlichkeit und Visionen Wahlen gewinnen. Nicht mit einer langen „dagegen“-Liste, oder einer „wir gegen die“-Mentalität, sondern mit einem lautstarken „dafür“. Und das auch im Wahlkampf betonen.

4. Wie bricht man die Hegemonie der organisierten Rechten in sozialen Medien?

Vermutlich gar nicht. Das Getrolle mit Bots und Fake-Accounts ist einfach zu viel, gerade die Großen, Twitter und Facebook, haben jegliche Kontrolle verloren und ihre leitenden Angestellten (ähm) wollen sich das nicht mal eingestehen. Dazu kommt die oben schon erwähnte Expertise der Rechten beim Thema Big Data. Es wird eine Weile dauern, bis die gesellschaftliche Mitte das begreift und damit umgehen lernt. Wenn sie es überhaupt lernt.

5. Wie verankert man langfristig und nachhaltig liberale Gedanken in der Bevölkerung?

Wenn man die technischen Aspekte mal hinter sich lässt: Was wir tun sollten, ist Werte dagegen zu setzen. Unsere Werte. Die Werte, auf denen dieses Land steht. Das Grundgesetz, vor allem dessen erste zehn Artikel. Das ist zutiefst konservativ und zugleich höchst liberal. An denen kommt auch die AfD nicht vorbei. Die lassen sich auch kaum umdeuten.

Und: Man muss rhetorisch sehr deutlich machen, womit dieser ganze Mist angefangen hat. Wenn man sich dann auf islamischen Terror, meinetwegen New York, einigt, wird man feststellen: Das Ziel der Terroristen war immer, die liberale Demokratie zu zerstören.

Wer rechts wählt und deren Parolen nachplappert, hilft also letztendlich nur den islamistischen Terroristen und spielt ihnen freudig den Ball zu. Denn die freuen sich über nichts mehr als den Zerfall Europas.

6. Wie schützt man Minderheiten vor Angriffen und politischem Missbrauch in Wahlkämpfen?

Leider hat es das bislang bei jedem Wahlkampf gegeben und wir uns auch 2017 nicht erspart bleiben. Mir fällt da leider auch nichts zu ein, Verbote o.ä. halte ich jedenfalls für keine Lösung. Die Auseinandersetzung müssen wir und leider auch die Minderheiten aushalten – und im Diskurs gewinnen.

7. Wie begeistert man eine Gesellschaft für differenzierte Debatten?

It’s education, stupid. (Soooo leicht gesagt…)

Weniger arrogant und wahrscheinlich realistischer: Ich bezweifle, dass es die „differenzierte Debatte“ außerhalb der akademischen Elfenbeintürmchen jemals wirklich gab. Gerade in Wahlkämpfen wurde schon immer ordentlich gehobelt. Hier glänzt – unabhängig von der politischen Position – besonders, wer rhetorisches Talent und Komplexitätsreduktion (!) mit einfacher, unprätentiöser Sprache kombinieren kann. Und gerade das fehlt vielen PolitikerInnen aus dem linken, liberalen und bürgerlichen Lager auf eklatante Art. Wer kann denn mit seinen Reden noch Menschen begeistern? Wer kann mal wenigstens einen Text so vortragen, dass er halbwegs frei gesprochen wird? So ein Höcke, und mag er noch so widerlich agitieren, reißt seine Leute mit. Das macht ihn so gefährlich.

Da kann man jetzt auch noch so lange (und mit Fug und Recht) dagegen halten, dass es auf dieser komplexen Welt keine einfachen Antworten gibt. Die AfD und ihre Wähler wissen davon nur nichts, sie gibt trotzdem ganz einfache Antworten und gewinnt damit Wahlen zweistellige Prozentzahlen. Und ich glaube nicht, dass man mit akademisch fein herausgearbeiteten Sachanalyse-Reden irgendeine Wahl gewinnt. Das war meines Wissens nach ebenfalls noch nie der Fall.

Natürlich bedeutet das nicht, dass man sich auf das plumpe Niveau der Rechten herablassen muss oder dass Sachdebatten nicht möglich seien. Aber mehr Reduktion und eine Sprache, die näher an den Menschen ist, scheinen mir dringend geboten.

8. Wie versieht man liberale Werte mit einer neuen Attraktivität / Anziehung?

Ich bin fast geneigt, dazu überzugehen, dieses Thema á la Böhmermann mit der deutschen Identität zu verknüpfen (auch wenn ich nicht viel von nationaler Identität halte). „Wir“ haben das Thema einfach jahrzehntelang ignoriert und es den Rechten als hübsch drapiertes Präsentkörbchen vor die Haustür gestellt.

Dabei ist das Grundgesetz in dieser Hinsicht eigentlich ein liberaldemokratisches Angebot sondergleichen, worauf man prima aufbauen könnte.

9. Wie bindet man Menschen an demokratische Institutionen, wie Parteien oder Vereine?

Nicht alle Fragen an die Demokratie lassen sich so leicht beantworten: Gerade Parteien fallen mir besonders schwer. Ich versuch es gerade selber mit einer Parteimitgliedschaft und bekomme es kaum hin, mir die Zeit dafür rauszunehmen. Ende offen.

10. Warum schenken wir den Wahlforschungsinstituten mehr Glauben, als den Gefühlen, die viele äußern und der offensichtlichen Kräfteverschiebung im Netz?

Das weiß ich auch nicht. Viele beherrschen wohl einfache Statistikgrundregeln nicht, selbst repräsentative Umfrageergebnisse haben immer auch einen gewissen Spielraum. Das wird aber so gut wie nie in den Politsendungen erwähnt.

Man entwickelt sich weiter (oder so)

Weniger ist manchmal mehr, und genau aus diesem Grund verabschiede ich mich von der Leitline, dieses Blog mit wöchentlichen Beiträgen zu befeuern. Es funktionierte eh nur mehr schlecht als recht und oftmals gefallen mir die Resultate bis heute nicht.

Stattdessen sollst du, liebes Blog, mehr Platz bekommen für ausführlichere, längere Texte, die aber dafür gerne mal wie ein abstoßender französischer Stinkekäse ein halbes Jahr (okay, Extremfall) auf dem Server reifen. Mehr schönes Schreiben, oder vielleicht – zur Abwechslung – überhaupt mal schönes Schreiben, indes weniger regelmäßig. So sollte es in Zukunft aussehen. Stelle ich mir vor.

Fokus auf das, was wichtig ist.

Wichtig sind derzeit: Geliebte Menschen, der Job, die Musik. In dieser Reihenfolge. Und da das Priorisieren im letzten Jahr bereits (leider) dazu führte, dass die absolut faszinierenden, aber mitunter auszehrenden Bunker-Stories einstweilen am Nagel hängen müssen, gibt es nun eben ein weiteres, äh, Opfer. Wobei dieses Blog genaugenommen gar kein Opfer ist, sonder eher meine IronBlogger-Mitgliedschaft, die – erwartbarerweise – verloren gehen wird.

Man stellt sich diesem dunklen Gefühl, irgendetwas verpassen zu können. Verpassen ist manchmal besser als durch alles nur oberflächlich hindurch rushen zu wollen. Mehr Zeit für das, was zählt.

“No matter how careful you are, there’s going to be the sense you missed something, the collapsed feeling under your skin that you didn’t experience it all. There’s that fallen heart feeling that you rushed right through the moments where you should’ve been paying attention.”
- Chuck Palahniuk

Vielleicht einfach erwachsen werden. Was weiß ich denn schon.

#MiMiMiMi – le Nachwort

Es gab da so eine Lesung. Mitten in der hübschen Bonner Südstadt, der Laden heißt übrigens Friedrichs Coffeeshop und soll auch sonst ganz empfehlenswert sein.

Letztes Jahr war ich noch als Gast dort, der wahrlich nicht schlecht staunte, wie gut sich die vier Blogger nicht nur im Internet, sondern auch auf der Bühne verkaufen konnten. Dieses Jahr war es anders, denn es wurden nicht nur vier, sondern elf AutorInnen eingeladen. Darunter ich. Verdammt. Und da einem eine solche Einladung natürlich nicht schlecht schmeichelt, lehnt man sie wider jeder Vernunft auch nicht ab. Zwar zählen manche Kurzgeschichten durchaus zu meinem Repertoire, aber vorlesewürdig sind diese aufgrund der Textlänge und der Themen nicht. Zumindest nicht für einen solchen Abend. Ich könnte ja wenigstens meine kleinen Vettweiß-Texte lesen, dachte ich mir. In denen bekommt jener Ort meiner Lehrerausbildung sein Vett (haha) weg, der mich bis zum Schluss genervt hat. Die Texte wären unter Umständen durchaus publikumstauglich und vielleicht lacht ja auch irgendwer, schwante es hoffnungsvoll. Mit diesem entspannten Gedanken sank die Einladung darauf im Posteingang nach unten; ein Urlaub und ein Arbeitsplatzwechsel folgten.

Und plötzlich steht er vor der Tür, der große Tag. Morgens noch Schule, mit der zehnten Klasse rede ich über englischsprachige Autoren. Zuhause angekommen schiebe ich mir eine Pizza in den Ofen und schaue mir noch einmal die Texte an. Dabei fällt plötzlich auf, dass ich ja eigentlich noch einen dritten Text schreiben wollte, ein Erklärstück, eine Kontextualisierung, eine Hilfe, damit Nicht-LehrerInnen überhaupt verstehen, was es mit diesem Ort so auf sich hat. Noch vier Stunden, bis es losgeht. Also setze ich mich mit der Pizza an den Schreibtisch und fange an zu tippen. In zwei Stunden springt so die besagte Erklärung heraus, völlig ungeschliffen, gedacht als ein Einzelstück, dann trenne ich sie, zerschneide, schiebe Versatzstücke hin und her, schließlich werden aus meiner Erklärung, die auch eigentlich nur ein paar Zeilen umfassen sollte, zwei neue Texte. Einer davon behandelt eine ganz neue Szene, eine Alltagsbeobachtung, die ich weder eingeplant noch bedacht habe, mein Kopf wirft sie mir an diesem Freitagnachmittag einfach auf den Tisch. Hier, friss, den Scheiß musst du gleich vorlesen. Die Macht der Überarbeitung. Die Macht des „Hier könntest du ja eigentlich doch noch erzählen, wie…“

Eine Überarbeitung, die eigentlich noch einmal überarbeitet gehört hätte. Keine Zeit, eine halbe Stunde noch, bis der Spaß anfängt, zwischendurch noch Emails mit Kollegen geschrieben, ich muss irgendwas Frisches anziehen.

Ein paar Lacher habe ich an diesem (grandiosen) Abend auf meiner Seite, auch wenn ich mir vollkommen seltsam vorkomme und in der anschließenden Videoanalyse deutlich wird, wie unkomfortabel ich da sitze, steif und nervös auf dem Platz herumrutsche und wie soll man eigentlich so ein scheiß Mikro halten? Souverän geht anders, denke ich mir beim Betrachten meiner selbst und frage mich, wer sich von den AutorInnen dieses Abends noch alles selbst angucken – und vor allem – aushalten kann. Irgendwann finde ich dann doch wieder meine innere Zufriedenheit. Denn auf dem Stream finde ich meinen Rhythmus, vor allem bei den beiden älteren Texten, die schon mehrere Überarbeitungen hinter sich haben. Dann: Pause, mit anderen Leuten quatschen, das Programm geht schlussendlich weiter und ich höre mir die restlichen AutorInnen des Abends an – allesamt mit wirklich guten, teilweise berührenden, oft zum Brüllen komischen Texten zur Hand.

Man muss das klar sagen: Ich empfinde ich diese kleine Veranstaltung als absolut großartig, so ein kleiner Rahmen mit doch großer Wirkung; und kann nur jedem empfehlen, der auch nur halbwegs gerne liest und vielleicht mal etwas schreibt, einen Auftritt in dieser Art oder zumindest den Besuch einer Lesung zu versuchen.

Für mich persönlich war das eine ganz neue Erfahrung und ein großer Gewinn.

Neumitgliedertag: Einer Partei beitreten

Eigentlich hatte ich diese Entscheidung schon länger gefällt. Eigentlich. Die Umsetzung folgte dann aber erst im Juni. Zumindest formal – offizieller Beitritt und so, mit Willkommenspaket, Mitgliedsausweis (!) und ein paar aus der Zeit gefallenen Gimmicks wie Sprüche-Postkarten. Der Kram sieht hübsch aus, liegt dann aber in dieser stressigen Ref-Zeit doch eine Weile in meine Wohnung rum, verschwindet schließlich in einer Schublade, ich habe einfach keine Zeit.

Bis jetzt. Zum denkbar allerungünstigsten Zeitpunkt, den es so geben kann – unmittelbar vorm großen, letzten Staatsexamen – dachte ich mir, dass es jetzt mal losgehen soll. Ich wollte mir eine einmalige Gelegenheit nicht nehmen lassen, denn die Partei veranstaltete einen Neumitgliedertag in der Landeshauptstadt und sowas findet ja nun nicht alle Tage statt. Und zwischendurch mal eine Auszeit von dem ganzen Stress schadet ja auch nicht. Also schloss ich mit Franziska, dem zweiten Neumitglied aus dem Rhein-Sieg-Kreis, kurz und wir fuhren gemeinsam zu diesem Treffen nach Düsseldorf.

Empfangen werden wir überaus freundlich durch zwei MitarbeiterInnen der Landesgeschäftsstelle, Anke und Wolfgang; direkt am Eingang mit Handschlag und per Du, bisschen quatschen inklusive. Wo kommt ihr denn so her, wie seid ihr zur Partei gekommen, kennt ihr schon Leute und so weiter. Drinnen bereits ein Haufen Menschen, teilweise noch schüchtern in der Ecke stehend, teilweise schon direkt in Gespräche vertieft, man hört Leute lachen, man spricht in gelöster Atmosphäre auch locker völlig Fremde an, denn hier kennt eh keiner keinen. Man sieht Jackets, Kapuzenpullis, kurze Hosen und Flip Flops – die Mode repräsentiert irgendwie auch Vielfalt. Ein paar Leute sind auch noch etwas schüchterner, die werden dann schließlich auch angeheizt durch Ankes „Find someone who…“-Spielchen, das die Gruppe erst mal ordentlich umrührt. Pädagogik goes politics, so wirds gemacht.

Danach geht es dann inhaltlich los, wir, so um die 25 bis 30 Neumitglieder, sollen wohl etwas lernen und hören uns erst einmal zwei Impulsvorträge zum Aufbau und zur Geschichte der Partei an. Das richtet sich vor allem an jene, die sich noch nicht wirklich mit dem Thema Politik beschäftigt haben. Mir fällt auf, dass man sich von Anfang an große Mühe gibt, alle mit ins Boot zu holen. Fragen werden geduldig beantwortet, man lässt die Leute ausreden und hört ihnen zu. Überhaupt ist die Stimmung sehr entspannt, die beiden MitarbeiterInnen der Landesgeschäftsstelle wirken einfach enorm sympathisch.

Hunger überkommt mich allerdings auch recht rasch und das ist kurzzeitig weniger sympathisch, schließlich musste ich für diesen Tag schon um halb sieben aufstehen. Irgendwie wird es dann aber doch schnell Mittag und wir werden mit überzeugendem Catering versorgt, was allerdings auch zum Image der Partei passt (ein derbes Holzfäller-Schnitzel darf man nicht erwarten). Auch während des Essens verfallen wir immer wieder in den Austausch und in Gespräche, ich merke mehr und mehr, dass es einer größeren Anzahl von Leuten so geht wie mir – nur wenige haben sich bereits voll in die Arbeit bei den Orts- und Kreisverbänden reingehangen. Einige dagegen schon, und hier fällt auf, dass jene häufig schon Ämter bekleiden. Nach gerade zwei, drei Monaten Parteimitgliedschaft. Das ist wohl auch ein Vorteil einer kleinen Partei: Wenn man will, kann man hier relativ schnell Fuß fassen.

Nach dem Essen dann kommen wir ins Gespräch mit Leuten aus den Landesarbeitsgemeinschaften – das sind 28 Gruppen innerhalb der (Landes-) Partei, die man sich im Prinzip als eine Art Motor hinter der parlamentarischen Arbeit vorstellen kann. Hier werden die Inhalte diskutiert, hieraus kommen auch die Vorlagen für das Wahlprogramm, man ist mit den Abgeordneten vernetzt. So interessiert mich natürlich besonders die Gruppe zur Bildungspolitik, aber auch das Thema Verkehr hat es mir angetan. Leider können sich nicht alle LAGs vorstellen, so ist aus meiner (natürlich subjektiven) Sicht vor allem die Abwesenheit der Netzpolitik zu beklagen. Trotzdem sind die Gespräche interessant, man wird dann auch direkt zu den nächsten Treffen eingeladen – anscheinend werden wir gebraucht. Oder zumindest ernst genommen. Das ist überhaupt der dominierende Eindruck dieses ganzen Tages. „Wir sind an eurer Meinung interessiert und wollen euch“ – so ungefähr nehme ich die Grundstimmung wahr.

Und das manifestiert sich auch, als wir zum Abschluss noch mit der Landesvorsitzenden Mona über anderthalb Stunden diskutieren. Auch hier ist man übrigens per Du und ich bin erstaunt, wie ausführlich sie auf jede Stellungnahme antwortet. Besonders deutlich wird das, als sie von einer anwesenden Neuntklässlerin in eine Diskussion über die Frauenquote verwickelt wird. Ja, richtig, neunte Klasse vs. Landesvorsitzende. Und obwohl der Ball mehrmals hin und her gespielt wird, habe ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass man sich streiten würde.

Jedenfalls muss man bei dieser Partei auch nicht immer auf Linie sein. Eine offene, streitlustige Gruppe, die Raum lässt, miteinander ins Gespräch zu kommen und Positionen durch Diskussion erarbeitet. Vielleicht ist das eine arg idealisierte Vorstellung von mir und es ist gut möglich, dass das in den nächsten Monaten wieder zerbröselt, gar in Enttäuschung mündet, denn naiv bin ich nicht mehr; aber zumindest am Neumitgliedertag hält man dieses Bild auf sehr angenehme Weise. Es ist einfach nicht der geschlossene Club der Hinterzimmer-Entscheidungen und Altherren-Runden in bleiverglasten Eckkneipen am Stammtisch des Ortsvereins, in dem man erst mal in der Jugendorganisation bis ins 30. Lebensjahr Karriere gemacht haben muss, um überhaupt etwas zu sagen zu haben. So überhaupt nicht.

Und egal wie sich das entwickelt: Ich habe mir zwar vorgenommen, beim Wahlkampf dabei zu sein, aber meine eigene kritische Distanz möchte ich nicht aufgeben. Ich bin nicht bei allen Themen einer Meinung mit der Parteilinie, bei weitem nicht; tatsächlich ist es eher so, dass sie für die politische Partizipation das am wenigsten üble Vehikel darstellt. Und das geht an diesem Tag auch mehreren Leuten so, mit denen ich ins Gespräch komme. Dass dieser Beitrag insgesamt recht wenig kritisch und eher extrem positiv daherkommt, liegt nun aber vor allem daran, dass er meine persönliche Begeisterung ob dieses einen Tages widerspiegelt. Und das ist eben auch nur ehrlich.

Wer jetzt noch nicht weiß, um welche Partei es sich handelt...
Überraschung.

Notiz: Verrückter Sommer

Sommerferien, erste Woche: Check. Und es zeichnet sich immer deutlicher ab: Unter Umständen wird mein Sommer 2016 genauso bescheuert, durchgeknallt und grenzwertig verrückt wie der letzte. Einige Anzeichen sprechen deutlich dafür. Eigentlich alle. Positiv wie negativ – es ist noch alles drin. Reinschnuppern in andere Bereiche, emotionales Achterbahn fahren, Konzerte, Albumaufnahmen, Kilometer fressen in Schottland und England, das zweite Staatsexamen an der Backe, endlich ein neues Tool-Album. Es fühlt sich alles nach Wahnsinn an. Und das nicht nur, weil das Wetter verrückt spielt. Oder um uns alle herum die Welt in Flammen steht. (Was ist eigentlich mit dieser Welt los?)

In der Zwischenzeit möchte ich das nicht existente Sommerloch mit einem Musiktipp überspannen. Kennt jemand Thrice? Ja? Gut. Nein? Hier. Sie sind sehr gut. Rockmusik aus der Kategorie nicht kategorisierbar. Nachdenklich, laut, melancholisch, heftig.

Listen abhaken

Neulich bei Facebook… Listen ankreuzen macht nicht nur dort Spaß.

Schule ✔️
Bei einer Geburt dabei gewesen
Jemanden beim Sterben begleitet
Mit einem Rettungswagen gefahren ✔ (wenn auch „Krankenwagen“ zählt…)
In Amerika gewesen
In anderen Ländern gewesen
Disneyland besucht
Legoland besucht
In einem Helikopter geflogen (aber dafür Segelflugzeug… selbst. Äätsch.)
Eine Kreuzfahrt gemacht (70000 tons of metal ist aber mal angedacht)
Im Regen getanzt ✔ (Festivals…)
In einer Band gespielt ✔️ ✔️ ✔️ (je nach Zählweise 3 oder 4)
Karaoke gesungen (das möchte niemand hören)
Telefonstreiche gemacht (das möchte grundsätzlich niemand)
Mehr gelacht als geweint ✔ (sofern debil grinsen auch zählt)
Eine Schneeflocke mit dem Mund gefangen
Kind(er) haben (um Himmels Willen)
Haustier(e) haben  (✔️) (hatte welche)
Mit Schlitten einen Hügel runtergefahren
Abfahrtslauf gemacht ✔️
Wasserski gefahren (kein Interesse)
Motorrad gefahren/mitgefahren (kein Interesse²)
Einen Fallschirmsprung gemacht (oh, relativ weit oben auf meiner Priority-Liste)
Im Autokino gewesen
Auf einem Kamel geritten
Auf einem Esel geritten (wozu?!?)
Auf einem Pferd geritten
Im Fernsehen gewesen ✔️ 
In der Zeitung gestanden
Im Krankenhaus gewesen
Blut gespendet
Ein Piercing haben
Ein Tattoo haben
Über 180 km/h gefahren ✔️
Alleine gewohnt
In einem Polizeiauto mitgefahren
Ein Ticket für zu schnelles Fahren bekommen ✔️ (soziale Ader, Kommunen finanzieren und so)
Einen Knochenbruch gehabt
Eine Wunde wurde genäht ✔️
Alleine verreist ✔️

10/10

Es gibt so einen Punkt in diesem Referendariat… den ich jetzt mal als 10/10 bezeichne (sprich: zehn von zehn). Halten wir das bisher Erreichte einmal kurz fest:

  • zehn Unterrichtsbesuche: Done. 10/10. Finito. Pflichtprogramm erledigt.
  • über ein Jahr mehr oder weniger guter Unterricht in
    • Ausbildungsklassen und -kursen, also denen, wo einem ständig ein/e Mentor/in auf die Finger schaut und man regelmäßig zerlegt wird
    • „bedarfsdeckendem Unterricht“ – also jenen Kursen, für die man selbstständig die Verantwortung über das ganze Schuljahr trägt und die dem Land die Einstellung von mehr Lehrern ersparen, da es ja auf absehbare Zeit immer genug Referendare geben wird…
  • zahlreiche Klassenarbeiten und Klausuren, die alle zeitnah korrigiert werden wollten. Was vor allem dazu führte, dass ich den Begriff „zeitnah“ völlig neu definieren musste. In der Tat: Die endlos scheinende Dauer für eine einzelne korrigierte Oberstufenklausur (aber auch zum Beispiel eine Deutsch-Klassenarbeit in einer 9. Klasse) ist mit die größte Überraschung, die der Lehrerberuf für mich mit sich brachte.
  • das Erkennen der eigenen Stärken – und der Tatsache, dass Classroom Management und Akzeptanz bei SchülerInnen jeglicher Altersgruppen wohl mein geringstes Problem ist. Wieder eine Überraschung: Ich erwartete das definitiv anders und auch Außenstehende sprechen einen, sobald das Thema Lehrer fällt, zumeist in einem suggestiven „Ist bestimmt krass mit den Kindern heutzutage, oder?“-Duktus an. Also halten wir das hier offiziell für alle fest: Nein, ist es nicht. Die Kinder heutzutage sind viel netter als wir in unserer eigenen Schulzeit.
  • die Einsicht, dass das Berufsbild unfassbar komplex und anspruchsvoll ist, enorme Selbstdisziplin und -Strukturierung voraussetzt, gleichzeitig aber auch richtig Spaß macht. Meistens kam ich zwar nie zu den Sachen, die richtig Spaß machen, aber egal. Theoretisch macht es wirklich richtig Spaß. Zum Beispiel Lektüren mit SchülerInnen durchnehmen. Super Sache.
    • bis auf Woyzeck. Woyzeck habe ich hassen gelernt. War bis dato gar nicht so klar. (Ja, auch Lehrer finden manche Bücher aus dem Lehrplan doof. Kommt vor.)
  • last but not least: Don’t even try to hide in the internet. They will find you. Ist aber in Ordnung. Meinen Umgang mit sozialen Medien habe ich nicht im Ansatz geändert. Auch das gehört für mich dazu: sich einfach nicht zu verstellen. Denn auch SchülerInnen können ruhig wissen, dass der komische Vogel vor der Tafel ein Mensch ist.

Wie geht es nun weiter? Ruhiger. Noch drei Wochen Schule, Gutachten hinterher rennen, Bürokratie meistern, Arbeiten fertig korrigieren, Noten festlegen, Sommerferien, Spaß mit Johannes und Sascha, Spaß in Schottland, Staatsexamen planen, und im September folgt dann der große Tag X mit zwei praktischen und einer theoretischen Prüfung. Läuft.

Laufen gehen II: Kondition aufbauen

Man sagte mir, dass man schnell Kondition aufbauen könne.

Man sagte mir auch, dass man recht schnell ohne Pausen durchlaufen könne.

Und was soll ich sagen: Es stimmt. Etwas über einen Monat versuche ich nun, mir ein paar Ausdauer-Grundlagen zu legen. Ohne wirklich ambitionierte Ziele, es geht nur darum, etwas fitter, etwas wacher zu werden, dabei die Distanzen und Längen zu steigern, daraus eine Regelmäßigkeit, ein Ritual zu schaffen. Bei winzig kleinen 1,3 Kilometern bin ich Mitte April gestartet, und selbst die konnte ich nur mit zwei Geh-Pausen und sehr langsamem Tempo bewältigen. Mein Körper reagierte völlig ermattet, mein Herz war auf Belastung überhaupt nicht eingestellt. Seitdem: Jeden zweiten/dritten Morgen lockeres Laufen, vor der Arbeit, manchmal um kurz nach fünf, dabei ab und zu die Strecke und die Zeit verlängert. Eine bessere Ernährung versuche ich mir auch anzugewöhnen, das geht schon ganz gut. Seit heute dann: 5,3 Kilometer ohne Pause. Und zum ersten Mal spürte ich das seltsame Gefühl in den Beinen, dass man ewig weiterlaufen könnte. Wie gesagt, das ist nur ein Monat. Und es ist auch nur eine kurze Momentaufnahme. Es geht wirklich enorm schnell und so langsam muss ich mir wohl doch mal richtige Laufschuhe kaufen, wenn ich die Distanzen weiter steigern oder etwas schneller laufen möchte. Was mir nur logisch erscheint.

Und noch so ein Nebeneffekt: Tagsüber ist man wacher, fitter, aufmerksamer, die Wirkung von einem Morgenlauf ist, zumindest mal bei mir, mit der einer großen Tasse Kaffee gleichzusetzen.

Fazit: Kondition aufbauen funktioniert in sehr kurzer Zeit auch ohne große Marathon-Ziele und man tut sich damit wirklich etwas Gutes.