Resümee zu Rhein in Flammen 2015

Zentrale Erkenntnisse:

1. Die Bonner Ausgabe von Rhein in Flammen machte ihrem Namen alle Ehre: Ein schönes Feuerwerk gab’s allemal. Und besser als letztes Jahr. Deutlich besser. Regelrecht beeindruckend. So beeindruckend, dass ich es verpasste, Fotos davon zu machen. Keine Feuerwerks-Selfies. Omfg, und das als Digital Native? Nee, ist ja auch mal gut. Von wegen „den Moment genießen“ und so.

2. Die standardisierten „Shalalala“-Kölschrockbands von der Hauptbühne ließen sich ganz hervorragend ignorieren. Stattdessen gab’s auf der Rheinimpuls-Bühne guten Indie/Funk/Pop. Und SkaGB. Welche sich als äußerst exzellente Liveband entpuppte und richtig Bewegung in die Menge reinbrachte. Kein Wunder, zieht der Musikstil ja doch immer die richtigen Leute an.

3. 300.000 Menschen. Sagt Wikipedia. Also geschätzte 100.000 pro Abend. Es ist wahrlich interessant, wie sehr sich diese 100.000 Leute auf dem riesigen Gelände so verteilen können, dass stets genug Platz und Freiraum da ist und der Zugang zu Essen und Getränken nie mit Drängeln zu tun hat. Die Masse fiel mir bewusst gar nicht auf, es hatte eigentlich mehr was von Dorfkirmes, nur riesig verteilt und mit Bühnen. Die Besucherzahl wurde mir erst klar, als ich mich mit dem Auto auf den Rückweg begab. Es wollten dann doch recht viele Menschen gleichzeitig aus Bonn raus. Was wiederum in Bonn nicht geht.

4. Die allerdings fundamentalste Erkenntnis: Nie wieder werde ich mich auf eine Krake setzen. Wie üblich: Große Naivität bei der Vorabbewertung und -Einschätzung diverser Fahrgeschäfte.

Radfahren in Bonn

Der General-Anzeiger teilte heute mit, dass Bonn bei der Auswertung des Fahrradklima-Tests nur „im Mittelfeld“ landet und gerade einmal die Schulnote 3,9 erhält. Für eine Stadt mit grün angefärbter Koalition und dem Ziel Fahrradhauptstadt 2020 ist das eher eine Blamage. Mittlerweile kann ich die geäußerte Kritik sogar nachvollziehen – ganz anders war’s für mich im letzten Jahr: Als ich (Gelegenheitsradfahrer) von Trier nach Bonn zog, kam ich mir anfangs vor wie im Paradies. Ich meine, hey, yeah, Radwege! Fast überall! Gibt’s in Trier so gut wie gar nicht – oder wenn, dann nur mit Autos, Lastwagen und Bussen drauf und nur auf einer Länge von 50 Metern bis zur nächsten Kreuzung. Radfahren in meiner alten Stadt entsprach – zumindest im Stadtgebiet – dem Gefühl permanenter Lebensgefahr. An das war man zwar gewöhnt, aber schön war’s trotzdem nicht, wenn man sich eine zweispurige Fahrbahn nicht nur mit den Schlaglöchern teilen musste. Weshalb wohl nicht Wenige standardmäßig auf die Gehwege auswichen und regelmäßig Fußgänger über den Haufen fuhren. Auch nicht hübsch.

In Bonn dagegen existiert ein ziemlich gut ausgebautes Wegenetz, das die Mittelfeldnote 3,9 meines Erachtens nicht ganz rechtfertigt. Diese suggeriert, dass auch das Radfahren in Bonn so eine Sache ist. Hier werden wegen des Radwegenetzes allerdings andere Fragen als noch in Trier aufgeworfen. Prominent und bei vom GA erwähnt wird hier die gefährliche Situation an Kreuzungen. Das kann ich mehr als nachvollziehen – vor allem, wenn man abbiegen möchte, wird es an mancher Kreuzung in Bonn richtig gefährlich. So gibt es nicht bei allen separate Abbiegestreifen für Radfahrer, was dann öfter mal zu Hupkonzerten seitens der Autofahrenden führt. Auch das ist die Konsequenz eines Radwegenetzes: In Bonn existiert faktisch eine Art Illusion der Vollständigkeit – und Autofahrende denken, dass sie automatisch im Recht  sind, wenn sie sich über einen den Radweg verlassenden, weil abbiegenden Radfahrer aufregen. Dass dem ganz und gar nicht so ist, beweist §9 der StVO. Besser wäre es natürlich, wenn das Netz so ausgebaut wäre, dass es hier von vornherein nicht zu Verständnisproblemen käme. Meine eigene Erfahrung damit bestätigt das: Solche Abbiegesituationen sind richtig heikel. Einmal hielt ein Motorradfahrer sogar extra an, um mich mitten auf der Kreuzung zu stoppen und mit hochrotem Kopf anzupöbeln. Dabei wollte ich nur normal abbiegen und war im Recht – aber das dem armen Herrn in der Situation beizubringen, war hoffnungslos. So etwas ist unnötig, gefährlich und wird durch die Unvollständigkeit und Inkonsequenz des Netzes unnötig provoziert. (Aber immerhin: Besser, die Leute sehen mich und regen sich auf, als dass sie mich über den Haufen fahren.)

Ein weiterer Punkt, der die Note runterzieht, liegt laut GA in der schlechten Vereinbarkeit von öffentlichem Nahverkehr und Fahrrad. Und dieses Argument kann ich mehr als nachvollziehen: Möchte ich aus irgendwelchen Gründen (z.B. nicht enden wollender Sturzregen, Gewitter, Atombombenangriff) mein Rad mit der Stadtbahn nach Hause transportieren, dann kostet mich das mindestens 2,80 Euro pro Fahrt. Zusätzlich zum Ticket, das ich mir selbst noch kaufe – womit dann eine Fahrt in der Regel über 5 Euro kostet. Da wird man dann lieber doch richtig nass und ärgert sich schwarz über die unflexible und unpraktische Preisgestaltung. Tadaa, in Trier war das tatsächlich besser: Sofern die Busfahrer nicht extra weiterfuhren, wenn man mit dem Rad alleine an einer Haltestelle stand, nahmen sie einen ohne Aufpreis mit. Dort war dieser Service allerdings auch bedeutend wichtiger als im flachen Bonn: Zwischen Innenstadt und Campus gibt es knapp 120 Meter Höhenunterschied zu bewältigen – die fährt man auch mit Kondition nicht mal einfach so ab.

Verbesserungsbedarf wäre in Bonn also schon vorhanden. In Trier übrigens ebenso – auch wenn die Stadt laut Test als stärkster Aufholer gilt und zumindest nicht mehr auf dem viertletzten Platz landet.

#zuvielzutun

Es gibt diese Tage Wochen, in denen sich die anstehende Arbeit nicht nur physisch auf dem Schreibtisch stapelt, sondern auch in Form geöffneter Browsertabs und laufender Programme in der Taskleiste schlicht unübersehbar ist. Da hilft nur stückweises Durchwursten, Nerven behalten, Kaffee trinken. Klar, dass dann für den eigenen Blog auch mal weniger bei rumspringt, wenn man 100 Millionen andere Dinge – allen voran anstehende Abschlussprüfungen – im Kopf hat.

Allerdings habe ich mich relativ direkt nach dem, äh, Erschaffen dieses Blogs dazu entschlossen, bei den Bonner IronBloggern Mitglied zu werden. Und diese Gemeinschaft ist nun sozusagen Schuld daran, dass ich trotz der vielen Arbeit etwas schreibe, denn es gibt so eine Art Schreibzwang. Meine Idee ‚damals‘ war, dass ich dieses Blog nicht versauern lassen wollte, auch um mir selber ein bisschen Druck aufzubauen. Und wie man sieht, funktioniert es. Also schreibe ich nun konsequent über das Prinzip IronBlogging – wie es funktioniert und was es bringt. Naheliegend.

Ironblogger stehen für eine Schreibzwang-Bloggergemeinschaft in einer bestimmten Stadt – in diesem Fall eben für Bonn. Gibt’s aber auch woanders, derzeit sind neben Bonn eine ganze Menge anderer Städte und Regionen vertreten: BerlinBodenseeBraunschweigFranken — Hamburg — Hameln — KarlsruheKiel — KölnLeipzigMünchen — Münster —OWL — RuhrStuttgart. Ist eure Stadt oder Gegend nicht dabei, dann könnt ihr auch selber eine IronBlogger-Gruppe eröffnen.

Diese Gemeinschaften gibt es also in vielen Städten und basieren eigentlich auf einem ganz einfachen Prinzip: Jeder, der einmal pro Woche etwas schreibt, kann sich eintragen lassen – die eigenen Beiträge erscheinen dann auch auf der IB-Seite. Wer sich mal nicht an diese goldene Regel hält, fliegt allerdings nicht raus. Der ‚Zwang‘ kommt von woanders: Denn die kleinen Ausrutscher und nicht geschriebenen, vergessenen Beiträge finanzieren das regelmäßige Gemeinschaftserlebnis der Ironblogger – so feiert man diese in Form eines dekadent opulenten Gelages. Das funktioniert, weil jeder ‚Nicht-Beitrag‘ den ‚Nicht-Postenden‘ pro Woche fünf Euro kostet – was nicht die Welt ist, aber eben für das zu feiernde Gelage zu durchaus stattlichen Summen führen kann, wenn entsprechend viele Blogger mitmachen und manch einer schon mal schludert. Die Kohle trägt dann bei eben jenem Gelage einen Teil der Rechnung. Wer also fleißig und regelmäßig bloggt, bekommt hier ein gutes Essen, ziemlich viele Getränke und heitere MitbloggerInnen fast für lau serviert. Wer schon mal aussetzt, muss eben einen Teil des Gelages bezahlen. Allerdings darf man nur bis zu 30 Euro individuelle Schulden anhäufen, danach ist erst einmal Schluss. Eine Möglichkeit der ‚Beurlaubung‘ gibt es ebenfalls.

Da ich bisher einmal das Vergnügen des Gelages hatte, lässt sich zusammenfassen: Muss man erlebt haben. Zumal man wirklich nette und lustige Menschen dabei kennenlernt und sich ganz nebenbei ein Stück weit in eine neue, bis dato weitgehend unbekannte Szene integrieren kann. (Wer also neu in einer Stadt ist und niemanden kennt: IronBlogger suchen und mitmachen. Hilft.)

Pegida Bonn / Köln: Aus, Schluss, vorbei [update!]

[+++ update: Pegida-Aus auch für Düsseldorf, s.u. +++]

[+++ update, Klappe die 2.:  Zoff bei Pegida – Melanie Dittmer organisiert trotz offizieller Absage ihre eigene Demo in Düsseldorf – s.u. +++]

Nachdem Pegida am gestrigen Abend in Köln noch spektakulärer scheiterte als bei den beiden Versuchen in Bonn, gibt es nun gute Nachrichten für alle, die sich dagegen gestellt haben. Denn nach offiziellen Ankündigungen auf den Seiten der Rechten sind die Demos in Bonn und Köln für die nächste Zeit abgesagt:

Offizielle Bogida-Absage am 06.01.2015

Und das, obwohl eine dritte Auflage von „Bogida“ mitsamt Gegendemo für den 19. Januar bereits in Planung war. Vor allem den massiven und zahlenmäßig überlegenen Gegenprotesten ist wohl zu verdanken, dass die Rechten hier keinen Fuß in die Tür bekamen und nach dem gestrigen Desaster spontan entschieden, sich vorerst auf eine Stadt zu konzentrieren – das dafür aber jeden Montag. Der Rheinischen Post zufolge ist Pro-NRW-Funktionärin Melanie Dittmer zudem nicht mehr Pressesprecherin der zertrittenen Pegida-NRW. Die Meldung ist allerdings (noch) mit Vorsicht zu genießen, denn noch heute gegen zehn Uhr erschien ein Beitrag auf Facebook, in dem sie von „PegidNRW“ als eben solche bezeichnet wird.

Das Thema sollte man in jedem Fall weiter im Auge behalten – trotz des Erfolgs in Bonn und Köln.

[update 06.01.2015]

Ich komme nicht mehr mit. Wie die Ruhrbarone glaubhaft berichten, wurde die nächste Pegida-Demo in Düsseldorf ebenfalls abgesagt. Zudem trennte man sich von Melanie Dittmer als Pressesprecherin. Ich wollte das nachrecherchieren, aber die offizielle „Dügida“-Seite auf Facebook wurde bereits gelöscht. Indes gibt es Neuigkeiten von „Bogida“, die ein Hinweis auf internen Streit sein könnten:

„Wir Distanzieren uns zu weiteren DüGiDa – Düsseldorf gegen die Islamisierung des Abendlandesia Veranstaltungen die von Melanie Dittmer angemeldet werden. Des weiteren Distanzieren wir uns von der Seite Bogida!

Zukünftiger Pressesprecher für PEGIDA NRW wird Sebastian Nobile sein.“

Davon abgesehen, dass man nach wie vor nicht in der Lage ist, selbst offizielle Beiträge ohne Rechtschreibfehler zu publizieren, ist Nobile wie schon seine Vorgängerin Dittmer kein Unbekannter. Der Beitrag erschien in Gänze vermutlich beim mittlerweile gelöschten Dügida als auch auf der von Dittmer geführten Facebookseite von „Bogida“, nicht aber bei „PegidNRW“, wovon er ja stammen soll. Was so wirr anmutet, ist es wahrscheinlich auch:

Bogida-Screenshot

[update Nr. 2, 07.01.2015, es wird noch skurriler:]

Eine Pegida-Demonstration in Düsseldorf findet nun doch am 12.01. statt, wohl aber unter falscher Flagge. Nachdem gestern Pegida und Pegida NRW nicht nur von einer Distanzierung zu Dittmer, sondern gar von einem „Rausschmiss“ sprachen und die Anzeichen für Knatsch nicht zu übersehen sind, weicht diese nicht von der Organisation ihrer eigenen Demo in Düsseldorf ab. Dabei kommt ihr anscheinend entgegen, dass sie nach wie vor die Facebookseite von „Bogida“ managt und darüber weiter am rechten Rand mobilisieren kann. Wie das gestrige und mittlerweile wieder gelöschte Posting zustande kam, bleibt derweil der Spekulation überlassen. Fassen wir also zusammen: In Köln und Bonn ist Pegida vorerst tot, in Düsseldorf nur als inoffizielle und von Pegida als „Fake“ bezeichnete Veranstaltung unterwegs.

Eine Gegenveranstaltung des Bündnisses Düsseldorf stellt sich quer ist übrigens ebenfalls angekündigt.

Bonn mag keine Nazis. Und auch nicht Bogida.

und das ist auch verdammt gut so. Während ein Bogida-Blog auf tumblr mittlerweile unzweifelhafte Aussagen der Bogida-Fans auf Facebook sammelt, hat Volker Lannert meiner Meinung nach das beste Foto des Bonner Pegida-Ablegers machen können – da auf dem Bild sowohl die Veranstaltung der „Wir sind keine Nazis, aber…“-Fraktion als auch die mächtige Gegendemo aus der Vogelperspektive zu sehen ist:

© Volker Lannert / http://panoist.blogspot.de/
© Volker Lannert / http://panoist.blogspot.de/

Zur Erläuterung: Bogida / Pegida hält sich links von der Säule auf, die Gegendemonstration ist die das Bild füllende Menschenmasse.

3000 gegen 250, die Rechten mussten für dieses kleine Häuflein Elend gar Hools aus dem Saarland rekrutieren, damit es irgendwie nach mehr aussieht:

Es manifestiert sich also langsam der Eindruck, dass die „–gida“-Bewegungen im Westen keinen Fuß auf den Boden bekommen und selbst für ein paar hundert Leute massiv aus allen Landesteilen mobilisieren müssen. Währenddessen standen auf der Gegendemo tatsächlich viele BonnerInnen und zeigten den Rechten deutlich, wie willkommen stumpfer Rassismus und dämliche Vorurteile selbst in einer internationalen Stadt wie Bonn sind. Nämlich gar nicht.

Schon wieder Bogida

Man könnte denken, dass nach der überwältigenden Ablehnung des ersten Bonner Pegida-Ablegers am letzten Montag nun genug sei und die Rechten sich wieder zurückziehen. Das ist nicht der Fall, denn man gedenkt – mit stetem Verweis auf den Osten des Landes – nun erst einmal zu wachsen. Am kommenden Montag ereilt Bonn also noch einmal dasselbe „Bogida“-Spektakel, dieses Mal dann auch gefeatured von bundesdeutscher Prominenz aus der, äh, „medienkritischen“ Verschwörungstheoretikerszene:

ulfkotte-bogida
Ulfkottes Thesen gelten übrigens als umfassend widerlegt

Neben Ulfkotte scheinen sonst wohl wieder die üblichen Verdächtigen vor Ort zu sein. Über die Organisatorin von „Bogida“ und deren Querverbindungen zu Gruppen wie „Hogesa“, Pro NRW, der NPD und skurrilen Verschwörungstheoretikern habe ich mich bereits lang und breit mit einer kommentierten Linkliste geäußert. Bei der eigentlichen Demo am letzten Montag waren dann auch noch deutlich radikalere Redner mit vulgären Beiträgen vor Ort, so war unter anderem die Rede vom „heiligen Deutschland“ und dem „sozialistischen Dreckspack“, welches uns regiert. Die vermeintlich besorgten Bürger entpuppten sich als größtenteils stramm Rechte, unter ihnen auch ein gewisser Herr Mannheimer, der neben einem eigenen Blog gegen den „Linkstrend“ auch das Hetzportal Nürnberg 2.0 betreibt (+ Artikel des Deutschlandfunks) und vor Gewaltaufrufen ebenfalls nicht zurückschreckt. Noch Fragen? Wer also lediglich als besorgteR BürgerIn an „Bogida“ teilnimmt, muss sich wirklich nicht wundern, wenn einem dann die schreckliche „Nazikeule“ entgegen schlägt. Das geschieht in diesem Fall vollkommen zu Recht, denn nach all den Medienberichten, Youtube-Videos von Bogida-RednerInnen und deren Facebook-Seiten kann kein Zweifel mehr über die Intention dieser Veranstaltung bestehen.

In diesem Zusammenhang noch spannend ist das zuerst von einigen Leuten auf und nach der großen Gegendemo auch von der Bogida-Seite aufgeworfene Thema der scheinbar bezahlten Gegendemonstranten:

bogida-screenshot-mietdemonstranten

Soso, „aus internen Kreisen“ habe man das also erfahren – einen Beleg bleibt man natürlich schuldig. Daraus spricht dann schon, neben den üblichen Anschuldigungen, eine gewisse Verzweiflung. Zumal der von Bogida verlinkte ZDF-Beitrag rein gar nichts mit dem Pegida-Phänomen und seinen Gegenprotesten zu tun hat. Heiße Luft: Für den Bonner Raum gibt es außer leeren Behauptungen keinen einzigen ernstzunehmenden Hinweis dafür – denn gäbe es diesen, kann ich mir kaum vorstellen, dass die Rechten ihn nicht umgehend posten würden. (Sofern natürlich tatsächlich jemand für den Bonner Raum konkrete Hinweise für diese steile These vorweisen kann, würde ich mich über eine kurze Mail durchaus freuen. Denn ich würde mich auch gerne für’s in der Kälte rumstehen bezahlen lassen.) So viel Verschwörungsgeschwurbel bereitet die Bogidafans derweil prima auf Ulfkotte vor, der am kommenden Montag bei Bogida zu Gast sein wird.

Indes gilt wie auch am letzten Montag: Die Gegenveranstaltung (auch: Die Guten) findet wieder um 18 Uhr statt und freut sich über zahlreiches (leider unbezahltes) Erscheinen. Da „Bogida“ nun vor dem Rathaus demonstrieren möchte, wird sich auch die Gegendemo dort einfinden.

Impressionen von „Bogida“

Das war also die erste der „Bogida“ Demos in Bonn – ein paar Deutschlandfahnen, ca. 100 Rechtsextremisten und absoluter Stillstand. Da sich anscheinend die ganze Stadt – Rentner, Weihnachtseinkäufer, Familien, Studis, Kinder – gegen die Veranstaltung zur Wehr setzte. Wow. Unter den paar Rechten befanden sich unbestätigten Angaben zufolge auch das „Aktionsbüro Mittelrhein“ und einige aggressive Hools, die ich selber kurz am Rande der Demo erleben durfte. Mit Akif Pirinçci und Melanie Dittmer als akustisch weitgehend untergehende RednerInnen ließen die Rechten dann auch jedwede bürgerliche Fassade fallen. Die BonnerInnen selbst wussten das: Rundherum sah man sonst nur Gegendemonstationen und auch zahlreiche überraschte PassantInnen, welche die Veranstaltung der Rechten zumeist mit einem Kopfschütteln quittierten. Einige schlossen sich sogar den Gegendemonstrationen an und halfen dabei, die Rechten aus nächster Nähe niederzubrüllen.

Eine kleinere Gruppe besonders engagierter AntifaschistInnen brüllte dann auch kurz mal Parolen wie „deutsche Polizisten helfen den Faschisten“. Das war komplett überflüssig und tat der sonst generell friedlichen Atmosphäre keinen Abbruch – auch die Polizeibeamten vor Ort (mit denen ich nicht tauschen wollte) machten m.E. einen sehr guten Job an diesem Abend. Sie reagierten besonnen auf die wenigen Provokationen von beiden Seiten und schafften es auch irgendwie, die Rechten aus der Szenerie wieder herauszuschaffen. Allerdings war es lange wegen der vielen PassantInnen unmöglich, eine klare räumliche Distanz zwischen „NoBogida“ und „Bogida“ aufrecht zu erhalten. In der Vorweihnachtszeit ist auch ohne Demos einfach zu viel los in der Stadt, ein so riesiges Gebiet hätte wohl kein Einsatzleiter der Welt absperren können. Der von den Rechten geplante Marsch durch die Stadt wurde aus Sicherheitsgründen unmöglich.

Die Demo der Rechten - man blieb weitgehend unter sich, vorbeiströmende Passanten neigten dazu, ihre Abneigung zu deutlich zeigen
Im roten Kreis: Die Demo der Rechten – man blieb weitgehend unter sich. Viele der vorbeiströmenden PassantInnen neigten dazu, ihre Abneigung deutlich zu zeigen (vor dem roten Kreis)
Die große, angemeldete Gegendemonstration im Hintergrund. Laut Polizei ca. 3000 Menschen, die den Rechten die Show versauten.
Die große, angemeldete Gegendemonstration im Hintergrund. Laut Polizei ca. 3000 Menschen, die den Rechten die Show stahlen.

Pegida in Bonn: Linksammlung zu „Bogida“ (update 14.12.2014)

bogidabonnDamit niemand behaupten kann, dass das ja gar keine Rechten seien. Weiterführende Links, Recherchetipps, Medienberichte und zahlreiche Gegendemo-Aufrufe, von der Antifa bis zur CDU. All das soll der Information über unsere „besorgten Mitbürger“ dienen (soweit wie möglich nach Aktualität sortiert):

1. Hintergründe / Recherche zu den Hintermännern (-frauen) und Strukturen von Bogida

Lesetipp: Melanie Dittmer – eine extrem rechte Aktivistin unter der Lupe – sehr ausführlicher Artikel der Zeitschrift Lotta zur Organisatorin der Bonner „Bogida“-Demos. Klärt über ihre Aktivitäten bei NPD, JN, RockNord, Identitären und Verbindungen zu anderen bekannten Nazikadern auf. (NRW rechtsaußen / Lotta, 11.12.2014, Stand Mitte Oktober ’14)

D/BN/K: DÜGIDA, BOGIDA und KÖGIDA retten das “Abendland” – die „identitäre“ Veranstalterin von „Bogida“, Melanie Dittmer, wurde anscheinend als Beisitzerin in den Vorstand von „Pro NRW“ gewählt (NRW rechtsaußen, 10.12.2014, Update 11.12.2014)

Besagte Melanie Dittmer trat auch bei „Dügida“ auf und wird dafür von ihrem neuen Chef Jürgen Elsässer (verschwörungstheoretisches und prorussisches Compact-Magazin) ziemlich abgefeiert. Dittmer selbst schwadronierte während ihrer Rede irgendwas von Kriegern aus Sparta, die bei der Reconquista die Muslime aus Griechenland geschmissen hätten. Mmh, genau. Kann man ja schon mal durcheinander bringen, wenn man das Abendland verteidigt.

Bericht des General-Anzeigers (21.10.2014) zu anonymen Gewaltandrohungen aus dem neonazistischen Umfeld gegen SPD-Ratsfrau Loubna Aharchi – just nachdem diese Melanie Dittmer in einer Bornheimer Facebook-Gruppe aufgrund ausländerfeindlicher Äußerungen kritisierte. Der GA berichtete bereits zu diesem Zeitpunkt von einer Nutzerin mit dem Pseudonym „Mel Hunter“, die nach Aharchis Kritik aus der Gruppe ausgeschlossen wurde – gleichzeitig ist das auch Dittmers Pseudonym in dem Netzwerk.

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Unmissverständliche Ansagen auf der Facebook-Seite von „Bogida“

Ahu, Ahu, das Abendland kippt sich zu – ein hilfreicher Beitrag der Aktion Refugees Welcome Bonn mit Hintergründen zum Phänomen „XYZ-gida“ und dessen Urhebern (07.12.2014)

Bonn: PEGIDA-Demo am 15.12., kurze Infos über den Hintergrund und die Urheberin der Veranstaltung (Indymedia, 04.12.2014)

Nazi-Mob(i) 2.0 und unsere Antwort – lesenswerter Hintergrundtext der Antifa Köln zu „XYZ-gida“ und einer Reflexion der bislang schwierigen Organisation der Gegenwehr wie auch zum eigenen Umgang mit dem Thema Salafismus (Antifa Köln, 29.11.2014)

Neues vom rechten Rand – Kurztext über Melanie Dittmers Übergang von der „German Defence League“ zur „Identitären Bewegung“ (Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten – Kreisvereinigung Köln, 05.11.2014)

 

2. Pressetexte mit mehr oder weniger starkem Bonner Bezug (wo ist eigentlich der General-Anzeiger?):

Gewerkschafter zieht es zur Gegendemonstration (General-Anzeiger Bonn, 14.12.2014)

Demonstration gegen islamfeindlichen Aufmarsch (General-Anzeiger Bonn, 13.12.2014)

Bonn bleibt bunt: Rat verabschiedet Resolution (PM der Stadt Bonn, 12.12.2014)

Stadtrat verurteilt „Bogida“-Demo mit rund 500 Teilnehmern (Kölner Stadtanzeiger, 12.12.2014)

Die neuen Demo-Parolen im B.Z.-Check (Berliner Zeitung, 11.12.2014)

Drei Montagsdemonstrationen in Bonn geplant (Rheinische Post, 10.12.2014)

„Pegida“ in Düsseldorf floppt mit 400 Teilnehmern (ZEIT Störungsmelder, 09.12.2014)

Gegendemonstranten formieren sich gegen „Bogida“ (Kölner Stadtanzeiger, 09.12.2014)

Rechte wollen mit Fackeln durch Bonn ziehen (Express, 08.12.2014)

Rechts orientierte Wutbürger (Süddeutsche Zeitung, 03.12.2014)

 

3. Aufrufe zur Gegendemo

Aufruf zur Gegendemo und Statement des evangelischen Kirchenkreises Bonn (12.12.2014) (Interessant, bei den **-gida-Demos ist ja häufig vom Christentum die Rede…)

Aufruf von Katja Dörner (Grüne), Ulrich Kelber (SPD) und Claudia Lücking-Michel (CDU), sich an den Gegenprotesten zu beteiligen

Aufruf zur Gegendemo (stetig aktualisierte Fb-Veranstaltung) von der Linksjugend [solid] und der Initiative Bonn stellt sich quer >> hier finden sich die jeweils aktuellsten Informationen zum Gegenprogramm

DGB ruft Bonner Bevölkerung zur Kundgebung auf Pressemitteilung des DGB Nordrhein-Westfalen

Aufruf zur Gegendemo der Antifa Bonn

Wer noch mehr lesenswerte Texte mit einem Bezug zum Bonner Phänomen kennt, kann mir die Links gerne zukommen lassen. Ich würde diese dann hier einpflegen.

Nachtrag: Pegida, Bogida, irgendwergida

Bei „HoGeSa“ hatte ich diesen Gedanken direkt, bei „Pegida“ scheint er wohl auch mehr als berechtigt: Wenn DAS diejenigen sind, die das Abendland verteidigen wollen, dann gibt es hier schon lange nichts zu mehr zu verteidigen. Ein Beitrag der Sendung „Die Anstalt“ (s.u.) machte mich noch einmal auf den Organisator des Dresdner Vorbilds aufmerksam. Im vorigen Beitrag schrieb ich noch von einem Kleinkriminellen – wenn man sich die Person allerdings einmal näher anschaut, dann fällt die Sache noch etwas heftiger aus. Wie folgt äußert sich die Wikipedia – mit Quellenbelegen – zum Strafregister des Pegida-Initiators Lutz Bachmann:

„Bachmann ist wegen Einbruch, Diebstahl, falscher Verdächtigung, Anstiftung zur Falschaussage, Verletzung der Unterhaltspflicht, Trunkenheit am Steuer und Körperverletzung vorbestraft.[2][3] Bachmann wurde 1998 wegen Einbruch zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Er entzog sich der Justiz und flüchtete nach Südafrika, wo er sich an der Universität Kapstadt unter falschem Namen einschrieb und angeblich Grafik und Design studierte. Nach drei Jahren spürte ihn die dortige Einwanderungsbehörde auf und wies ihn aus. Nach zwei Jahren Haft in Deutschland wurde er wegen guter Führung entlassen.[4] 2008 wurden bei ihm 40 Gramm Kokain und ein weiteres Mal 54 Gramm gefunden. Bachmann ist derzeit wegen Drogenhandel auf Bewährung frei (Stand 2014).“

Durchaus interessant, wie also ein Krimineller unser schönes Abendland vor kriminellen Asylbewerbern retten möchte. Und wie ihm die zahlreichen „bürgerlichen“ Demonstranten die Masche abkaufen. Auch in Bonn gibt es – allerdings nicht belegte – Spekulationen, dass Mitglieder der „Identitären Bewegung“ bei der Verwüstung zweier Bonner Kneipen beteiligt waren. Die Sektionsleiterin der Identititären in Bonn organisiert „Bogida“.