„Neues“ Zivilschutzkonzept des Bundes?

Das Bundesinnenminsterium präsentiert also am Mittwoch ein neues Zivilschutzkonzept. Da alte Bunkerbauten, vor allem die aus dem Kalten Krieg, ein Hobby von mir sind, interessiert mich so eine Meldung natürlich. Und vielleicht kann man sie auch besser einordnen, wenn man sich schon etwas öfter mit der Materie beschäftigt hat. Vor allem interessiert mich die Frage, was davon die eigentliche Neuigkeit darstellt – dass man Vorräte bunkern sollte, ist es nämlich nicht.

Zunächst ist im Konzept wohl tatsächlich die Rede von Bevorratung. Das ist gerade das Thema, auf das sich die deutsche Medienöffentlichkeit stürzt – vor allem auf Twitter unter dem Hashtag #Zivilschutzkonzept. Okay, das ist legitim, denn wenn man sich noch nie damit beschäftigt hat, mag das zunächst einmal krass klingen. Laut FAS heißt es im Papier konkret, dass die Bevölkerung dazu angehalten werden solle, für fünf Tage Wasser vorzuhalten. So weit, so wenig neu. Empfehlungen zur Notfallbevorratung von Lebensmitteln gab es von Seiten des Bundesamtes für Bevöllkerungsschutz- und Katastrophenhilfe schon immer. Wenn man das vorher nicht auf dem Schirm hatte, kann man unter Umständen durchaus überrascht sein, ja.

Was mich an der Diskussion hingegen stört, ist, dass zwei wesentliche Aspekte völlig untergehen. Denn zum einen wird, sofern die Meldungen stimmen (!), der bisherige Standard des BBK, einer Behörde aus dem eigenen Hause, damit erheblich aufgeweicht. Hier werden bislang nicht fünf Tage Wasservorrat nahegelegt, sondern 14. Vierzehn. Im Grunde würden bisherige Zivilschutzszenarien durch das neue Konzept also eher geschwächt. Zumindest in puncto Vorräte. Das ist eine Neuigkeit.

Der andere Punkt, über den man m.E. mehr diskutieren sollte: Im eingangs verlinkten FAS-Artikel finden sich Formulierungen wie beispielsweise diese hier:

„Erörtert wird außerdem die Notwendigkeit eines verlässlichen Alarmsystems, einer Härtung von Gebäuden und ausreichender Kapazitäten im Gesundheitssystem.

(…) Eingriffe in die Verkehrslenkung, wenn die  Bundeswehr Kampfverbände verlegen muss.

(…) sind Vorkehrungen zu treffen, um die Aufgabenwahrnehmung einer Behörde an einen anderen, geschützteren Platz (Ausweichsitz) verlagern zu können. (…) kam bei einer internen Bestandsaufnahme heraus, dass die bisherigen Vorkehrungen gänzlich unzureichend sind.“ 

Auch das sind Neuigkeiten. Denn diese Aussagen brächten nicht unerhebliche Konsequenzen mit sich.

Ein paar (vielleicht überspitzte) Fragen, die ich mir dazu stelle:
Reicht die Warn-App NINA nicht aus? ( = Kommen die Warnämter aus dem Kalten Krieg zurück? Wie soll das konkret ablaufen?)
Wie härtet man denn bestehende Gebäude? ( = Einbau von Bunkertüren und drucksicheren Räumen in den Kellern? Reaktivierung der Zivilbunker und Schulschutzräume?)
Was sind ausreichende Kapazitäten im Gesundheitssystem? (Werden die Notkrankenhäuser wieder betriebsbereit gemacht?)
Was bedeuten Eingriffe in die Verkehrslenkung? (  = könnte es sein, dass hier auch auf das Thema Autobahn-Landeplatz angespielt wird?

Und last but not least wird die Ausweichsitzplanung explizit angesprochen. Mein Quasi-Lieblingsthema. In der Dokumentationsstätte Regierungsbunker erzählen wir den Leuten seit dem Jahr 2013, dass unser Kenntnisstand von einer weitgehend abgeschlossenen Ausweichsitzplanung des Bundes ausgeht; die Bundesregierung und die Behörden also über entsprechende, aktuelle Liegenschaften dafür verfügen. Die Angabe basiert unter anderem auf Aussagen von Bundestagspräsident Lammert und des BBK. Nun ist das laut neuem Konzept offenbar völlig unzureichend und es muss nachgebessert werden. Oder ist gerade einfach eine gute Gelegenheit, diese (auch finanziell) heiklen Planungen endlich mal in Gesetzesform zu gießen?

Würde ich derzeit als Journalist arbeiten, wären das meine Schwerpunktlegungen bei diesem Thema. Und nicht die Frage, wie viele Liter Wasser oder wie viele Powerbanks man für den Katastrophenfall im Keller rumfliegen haben soll.

Update: Als ob mein Gemoser erhört worden wäre, hat sich die FAZ einer doch recht sachlichen Hintergrund-Beleuchtung angenommen.

Drucktor in der Trierer Tiefgarage am Viehmarkt. Eine der modernsten Bunkeranlagen Deutschlands, fertiggestellt 1993.
Drucktor in der Trierer Tiefgarage am Viehmarkt. Eine der modernsten Bunkeranlagen Deutschlands, fertiggestellt 1993.

Ausweichsitz Rheinland-Pfalz: Führungen am 1. November

alzey-treppeAus Gründen weise ich mal unauffällig auf meinen Beitrag aus dem letzten Jahr hin. Denn an diesem Sonntag, dem ersten November, finden wieder die einmal im Jahr stattfindenden Führungen durch den Ausweichsitz der rheinland-pfälzischen Landesregierung in Alzey statt, gute 30 Minuten von der Landeshauptstadt Mainz entfernt. Zu sehen gibts einen Atombunker im Spardosenformat, nicht vergleichbar mit dem monströsen Moloch der Bundesregierung im Ahrtal, aber deswegen seinerzeit lange nicht unwichtig. Zumal man genau wie im Ahrtal auch hier alles vorfindet, was es zur Apokalypse braucht.

Schwerpunkt der Führungen in diesem Jahr wird die Flüchtlingskrise sein. Nicht die, die uns gerade alle mehr oder weniger beschäftigt – sondern jene, die Westdeutschland und Europa zu Zeiten des Kalten Krieges erwartet hätte. Hier geht es also um eine Situation, die aus heutiger Sicht kaum noch im kollektiven Bewusstsein steckt: Deutsche, die im Angesicht eines heraufziehenden Atomkrieges die Koffer packen und alles hinter sich lassen.

Infos zu den Führungen, Preisen und Zeiten gibt es hier.

Notizen: Zu Gast in Leipzig

Schon wieder ein Wochenende in Leipzig. Und es war nicht das letzte für dieses Jahr in dieser wunderbaren Stadt. Dieses Mal gab es sogar mal gutes Wetter, das natürlich für ein paar Klischeefotos genutzt werden musste.

Vor allem waren wir aber im Umland unterwegs. Genauer gesagt in Machern. Noch genauer: Unter der Erde. Bei der Stasi. Dort – in der alten Ausweichführungsstelle des Bezirks, dem „Stasi-Bunker“ – organisiert der Verein Bürgerkomitee Leipzig e.V. am jeweils letzten Wochenende eines Monats Führungen durch den imposanten Atombunker. Mein Besuchsdatum war natürlich kein Zufall, denn nach einem Rundgang über das große Außengelände liefen wir bei einer Führung mit und waren sichtlich beeindruckt. Nicht nur von der Anlage selbst, die in einem technisch wirklich bemerkenswerten Zustand ist. Sondern wir sind auch von der guten Führung und der Aufarbeitung des Vereins begeistert, der ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis eine ganz tolle und wertvolle Arbeit macht. Einen Besuch kann man also wirklich empfehlen!

Westdeutsche Flüchtlinge an der luxemburgischen Grenze

Klingt absurd?

Gar nicht mal so sehr. Denn so wie im Moment über Flüchtlinge geredet wird und gleichzeitig Grenzen „kontrolliert“ werden, sollte man nicht vergessen, dass es uns Deutsche bis vor kurzem selbst locker hätte erwischen können. Und die Rede ist hier nicht vom Zweiten Weltkrieg.

Tatsächlich reden wir über den Kalten Krieg. Und den gab’s bis 1989 und vielleicht auch bald wieder. Jedenfalls: Bis zu eben jenem historischen Jahr gehörte auch das Szenario mit massiven deutschen Flüchtlingsströmen gen Westen zu den ganz normalen, alltäglichen NATO-Planungen. Zwar wollte man die Bevölkerung über die Stay Put Doktrin an der Flucht hindern – aber gelungen wäre das wohl nicht, wie einige Unterlagen der Fallex– und Wintex-Manöver belegen. Denn wenn es Krieg gibt, gerade einer mit Nuklearwaffen, dann packen die meisten die Koffer. Die Frage wäre in diesem Fall viel mehr, ob das Packen noch rechtzeitig geschieht. Denn Frankreich und die Niederlande hätten aus Überforderung (kommt bekannt vor, oder?) und aus historischen Gründen ziemlich rasch die Grenzen geschlossen. Bleiben den verzweifelten Westdeutschen also nur noch Luxemburg und Belgien, um sich abzusetzen. Ein schmaler, gerade mal 120 Kilometer breiter Korridor für ziemlich viele Menschen. Oder für alle, die noch leben. Nach Süden fliehen wäre zwecklos, zumal Österreich selbst als Aufmarschgebiet des Warschauer Pakts betrachtet wurde.

Was dann geschieht, sieht in den Unterlagen dann trotz geschlossener französischer Grenze so aus:

fluechtlingefallex62-luxembourgWir reden hier nur vom Anfang des Desasters, denn später stranden die Deutschen allesamt in Luxemburg, da Frankreich komplett dicht macht. Schon in der Manöverauswertung zu Fallex ’62 war den Regierenden also klar, dass es bei der Fluchtthematik weniger darum ginge, irgendwelchen Anordnungen in puncto Grenzübertritt Folge zu leisten. Die westdeutschen Flüchtlinge agieren mehr nach dem Motto „Rette sich, wer kann.“ Auch das kann man als Parallele zur heutigen Situation sehen.

Wer mehr darüber wissen möchte, findet hier einen ausführlichen Text zum westdeutschen Fluchtthema.

Filmtipp: „Geheimnis Regierungsbunker“ online

Morgen Abend (20.15 Uhr, Primetime vom feinsten) strahlt der WDR eine ganz neue Doku über den ehemaligen Regierungsbunker der Bonner Republik aus. Gedreht wurde der Streifen in diesem Winter bei uns im Museum, aber eben nicht nur. Denn im Gegensatz zu allen anderen bisherigen Fernsehaufnahmen hat sich das Fernsehteam dieses Mal ziemlich weit vorgewagt. Auch in den Bereich, der öffentlich nicht zugänglich ist – ein von der Verschrottung zurückgelassenes, immer noch über 17 Kilometer langes System aus zigfachen Höhlen und leergeräumten Betonröhren, durch die heute teilweise unterirdische Flüsse und Bäche fließen. Ein anderer Ort, ein nicht existierender, dunkler, verdammt einsamer Ort, an dem man tatsächlich tagelang rumlaufen könnte, ohne dass irgendjemand davon Notiz nähme. Ein Ort, der nicht einmal in Michel Foucaults Raumtheorie so richtig hineinpasst. Dazu gibt es dann auch noch zahlreiche Zeitzeugeninterviews, unter anderem mit Gerhart Baum, der einst als Innenminister den Bundeskanzler übungshalber (üb) spielen musste und von dem Bauwerk nicht schlecht überrascht war. Wer es nicht abwarten kann oder verhindert ist: Die komplette Sendung ist bereits jetzt online auf der Seite des WDR abrufbar.

Vermutlich wird es wie immer beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk die üblichen zwei Wochen dauern, bis das Dokument aus dem Netz verschwindet.

Nicht minder interessant finde ich übrigens, dass der WDR seine eigene Geschichte – die auch mit diesem Bauwerk zusammenhängt – vollständig außen vor lässt. Denn nicht nur im hauseigenen Bunker der Bundesregierung gab es ein Rundfunk- und TV-Studio des Westdeutschen Rundfunks, der Sender unterhielt auch an einigen anderen Orten in Westdeutschland verbunkerte Fernsehstudios.

Kalter Krieg in den Köpfen

Gestern gab es wieder ein Bunkerereignis: Der Film „Geheimakte Regierungsbunker – der Film“ feierte in Ahrweiler seine Premiere. Jörg Diester zeigte mit der 80-minütigen Dokumentation einen sehr aktuellen Blick auf eine der größten Festungen des Kalten Krieges. Aktuell heißt dabei, dass ein Schwerpunkt des Films bei der jüngeren Aufarbeitung der Bunkergeschichte liegt und Diester hier auch wesentlich genauere Daten vorlegen kann als bislang bekannt. Gerade den Kuriositäten und Absurditäten rund um Aufgabe und Rückbau der monströsen Festung wird viel Aufmerksamkeit beigemessen. In dem Stück geht es aber nicht ausschließlich darum, denn auch das Thema Kalter Krieg an sich spielt zwangsweise eine Rolle. Dabei kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort, darunter der kürzlich verstorbene Übungsteilnehmer Wolfram Dorn (FDP), der mit So heiß war der Kalte Krieg – Fallex 66 seine Erfahrungen aus dem Bunker verschriftlichte (Lesetipp für die Geschichtsnerds, by the way). Auch Ernst Benda (CDU) und Annemarie Renger (SPD) sind in älteren Interviews zu hören, sie waren 1966 ebenfalls bei der ersten Übung in der Bunkeranlage dabei und damit an der Erprobung der geplanten Notstandsverfassung beteiligt.

Richtig spannend wird der Film aber vor allem, weil er keine rein westdeutsche Perspektive auffährt – denn auch der ehemalige Spion Dieter Popp bekommt als Zeitzeuge viel Redezeit. Dieser war seinerzeit Kontaktmann („Resident“) von Spitzeln des Militärischen Nachrichtendienstes der NVA und übermittelte zahlreiche Papiere zu Bunkerbau und Übungen per Kurier in die DDR. Unter anderem gelang ihm das auch, weil sein Lebensgefährte erfolgreich im Bonner Verteidigungsministerium platziert werden konnte. Laut Popp waren die wichtigen Unterlagen zur Bunkeranlage stets sehr schnell im Osten, und so hätten Stasi und NVA diese schneller bearbeitet als manche Abteilungen in Bonn. Diesters Doku offenbart dadurch, wie groß das Interesse und die Kenntnis des Warschauer Pakts an den vermeintlich geheimen westdeutschen Bunkerplänen war. Popp, der neben Jürgen Freitag – ehem. Kommandant des „Honecker-Bunkers“ und mittlerweile an dessen historischer Aufarbeitung beteiligt – persönlich bei der Premiere zu Gast war, sieht seinen damaligen Job auch heute noch als den eines Friedensbotschafters. Frei nach dem Motto: Alles, was dem Warschauer Pakt einen Vorteil verschaffte, sorgte auch für Frieden. Da kann und sollte man durchaus anderer Meinung sein – die Affäre um den Top-Spion Topas und die Übung Able Archer in den 80er  Jahren zeigt aber, dass diese Sichtweise zumindest in einigen Fällen zutreffen könnte. Wirklich wissenschaftlich bestätigt ist das aber nicht.

25 Jahre nach der Wiedervereinigung dagegen könnte man dieses Thema nüchtern und vorurteilsfrei aufarbeiten – ganz so, wie es Diesters Film leistet. Gegenseitige Spionage gehört zur deutsch-deutschen Geschichte ebenso untrennbar dazu wie der Bunkerbau auf beiden Seiten. In der anschließenden Fragerunde richtete sich das Publikumsinteresse dann auch ausschließlich auf den persönlich anwesenden Dieter Popp. Teilweise aus berechtigter Neugier – das Feld der DDR-Spionage im Westen gilt nach wie vor als nicht gut bearbeitet – , teilweise aber auch aus offener Feindseligkeit. Die Frage, ob er denn von seiner Arbeit heute eine nette Rente bekäme, gehörte sicherlich dazu. Auf die teils persönlichen Angriffe reagierte Popp gelassen und mit ausführlichen Antworten, die manchen (älteren, weißhaarigen, männlichen) Besucher  dazu veranlassten, die Veranstaltung kopfschüttelnd zu verlassen. Der Ex-Agent verneinte die Zahlung einer Rente – die er seiner Meinung nach von der NVA-Nachfolgeorganisation, der Bundeswehr, eigentlich bekommen müsse – und verwies auf die vier Jahre Haft, die er in den 90er Jahren in verschiedenen Gefängnissen verbrachte.

Viel Geld habe er nicht, sagte er abschließend noch, und im Gegensatz zu den verbeamteten und gut bezahlten westdeutschen Spionen in der DDR sei er auch nur ein „Überzeugungstäter“ gewesen. Er, der heute Mitglied der Kommunistischen Plattform der Bonner Linkspartei ist und Gorbatschow einst als den „größten Verräter des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete, hat seine Sicht auf die Welt offenbar ebenso wenig geändert wie viele ältere Herrschaften aus dem Westen. Der Kalte Krieg, das geteilte Deutschland und seine Feindbilder – in den Köpfen vieler Menschen ist das alles immer noch Realität.

Ausweichsitz Rheinland-Pfalz – ein „Atombunker light“

"Atombunker light" im beschaulichen Rheinland-Pfalz
„Atombunker light“ im beschaulichen Rheinland-Pfalz

Kurze Eigenwerbung: An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass wir am 2. November unsere jährlichen Führungen durch den ehemaligen Ausweichsitz der rheinland-pfälzischen Landesregierung anbieten werden. Der Anfang der 80er Jahre entstandene zweigeschossige Atombunker mit etwas über 1100 Quadratmetern Nutzfläche liegt in Alzey – circa eine halbe Stunde entfernt von der Landeshauptstadt Mainz – ganz unauffällig unter der Turnhalle des Staatlichen Aufbaugymnasiums. Die Kreisverwaltung Alzey verwendet die ausgeräumte Anlage heute als Lager, trotzdem ist die technische Einrichtung (ABC-Filter, Netzersatzanlage) noch weitgehend erhalten. Wir werden mit der ersten Gruppe morgens um 10 starten (Treffpunkt Turnhalleneingang); eine Anmeldung wäre von Vorteil, muss aber nicht zwingend sein. Denn Führungen wird’s den ganzen Tag über im 40-Minuten-Takt geben (eventuell etwas Wartezeit einkalkulieren).

Dekonschleuse, Abwurfschacht für verseuchte Kleidung
Dekonschleuse, Abwurfschacht für verseuchte Kleidung

Während einer solchen Führung bekommen die Gäste beide Etagen der äußerlich eher unauffälligen Anlage zu sehen. Unsere Route führt durch ehemalige Büros der damaligen Verkehrs- und Landwirtschaftsministerien im 2. UG und auch mitten durch die technische Einrichtung im 1. UG hindurch. Mit Notstromsystem, Diesel- und Wassertanks sowie Luftfiltern sollte die Anlage der Landesregierung ermöglichen, im Krisen- oder Kriegsfall zwei Wochen lang unabhängig von der Außenwelt handlungsfähig zu bleiben. In den Lage- und Kommunikationszentren des Bunkers wird dann im letzten Drittel der Tour erklärt, welche Szenarien für das Bundesland in geheimen NATO-Übungen innerhalb der Anlage durchgespielt wurden – und somit auch, was das Land in einem Kriegsfall wohl erwartet hätte. (Spoiler: Es sah nicht unbedingt gut aus.)

Bis auf die dicke Betonarmierung zum Parkplatz der Schule ist das Bauwerk eher unscheinbar
Dickes Fundament für eine Turnhalle: Bis auf die massive Betonarmierung zum Parkplatz ist das Bauwerk eher unscheinbar

Mehr Informationen zu Eintritt, Zeiten und Anfahrt gibt hier. Falls jemand schon einmal vorab sehen möchte, was man dabei so erwarten kann – ein kleiner Video-Teaser findet sich im Sat1-Archiv. (Die öffentlich-rechtlichen Sender haben uns auch schon besucht, aber deren Filmbeiträge sind leider nirgendwo mehr aufzufinden.)

Wir freuen uns jedenfalls über jedeN einzelneN BesucherIn – die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Führungen trotz der spärlichen Ausstattung des Bunkers immer auf äußerst positive Resonanz stießen.

Geheimhaltung vs. Geschichtsschreibung (Tipp)

Geheimes DeutschlandSeit der NSA-Affäre und der zunehmenden Aufmerksamkeit gegenüber dem Treiben der Geheimdienste ist das Thema in aller Munde: Es fragen sich immer mehr Menschen, was eigentlich noch alles an die Öffentlichkeit gelangen wird – und vor allem: was derzeit noch verschlossen bleibt.

Dieser Umstand lässt sich mittlerweile nicht mehr nur aus der Perspektive der von einzelnen Menschen veröffentlichten Leaks betrachten, sondern man kann sich auch wissenschaftlich die Frage stellen, was wir eigentlich alles nicht wissen.

Muss nicht gar ein erheblicher Teil deutscher Nachkriegsgeschichte umgeschrieben werden, wenn man die kilometerlangen geheimen Aktenbestände in deutschen Archiven gründlich auswertet? Auch und gerade im Hinblick auf Geheimdienste, NSA und Massenüberwachung? Und wie lässt sich eine geheime Staatsgeschichte im Hinblick auf eine äußerst fragmentarische Archivlandschaft und mauernde Behörden aufarbeiten? Wie sieht die Bestandslage aus, was erwartet die Öffentlichkeit bei der Öffnung solcher Archive?

Licht ins Dunkel zu bringen versucht die Veranstaltung „Geheimes Deutschland: Geheimhaltung vs. Geschichtsschreibung“ im Museum der Dokumentationsstätte Regierungsbunker in Ahrweiler, die für den 22. November namhafte und mit dem Thema befasste Historiker zu Vorträgen und einer Podiumsdiskussion eingeladen hat. Dabei sein werden:

Prof. Dr. Jost Düllfer (Köln), Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission (UHK) zur Aufarbeitung der BND-Geschichte;

Dr. Michael Hollmann (Koblenz), Historiker und Präsident des Bundesarchivs, VS-ermächtigt – hat also Einsicht in geheime Akten;

Prof. Dr. Josef Foschepoth (Freiburg), Historiker, der im Kanzleramt die – noch heute gültigen und die NSA-Überwachung bedingenden – Geheimverträge der Bundesregierung mit den Alliierten auswertete. Übrigens noch bevor Edward Snowden seine Schlussfolgerungen bestätigte.

Für den Erfolg der Veranstaltung brauchen wir ein nicht nur zahlreich erscheinendes, sondern auch fragefreudiges Publikum. Denn eine solche Runde lebt vom öffentlichen Interesse an ihr – zumal es gerade durch die Geschehnisse nach den Snowden-Veröffentlichungen und den merkwürdigen Reaktionen der Bundesregierung viele offene Fragen gibt. Mehr Informationen gibt es hier, um Voranmeldung wird wegen der begrenzten Platzkapazität gebeten.

Von Bonn Hbf fährt eine Regionalbahn im Stundentakt zur Haltestelle Walporzheim, die Fahrzeit beträgt 40 Minuten. Der Fußweg zum Museum beträgt dann etwas mehr als einen Kilometer:

Bunkerblogger II

Bisher habe ich noch nie über den schönen Weg zu meinem kleinen Nebenjob geschrieben (oder besser gesagt: ein Foto gepostet). Nun gut, bislang gab es dafür auch keinen Grund: Zumeist regnete es und ich war froh, wenn mich jemand vom Bahnhof aus mit dem Auto mitnehmen konnte. Oder ich war froh, einfach selbst mit dem Auto fahren zu können.

Das muss ich nun revidieren – gestern war ein wunderschöner Tag (ist das jetzt eigentlich schon der „goldene Oktober“ oder so?) und mein Weg zur Arbeit entpuppte sich als die pure Idylle bis auf das nervige, 600 Meter langen Steilstück. Diese sichtbar zu machen fiel nicht ganz so leicht, da die Qualität meiner Handycam stets zu wünschen lässt. Aber es lässt sich trotzdem ein Eindruck gewinnen – der Schnappschuss in Richtung Ahrgebirge entstand zwischen dem Walporzheimer Bahnhof und der Dokumentationsstätte Regierungsbunker (vor dem steilen Anstieg):

walporzheim-regierungsbunker

Bunkerblogger

Burgenblogger? Papperlapapp. Bunkerblogger gilt jetzt. Die MitarbeiterInnen der Dokumentationsstätte Regierungsbunker haben im Büro zwar keinen Mobilfunkempfang, dafür aber ein halbwegs funktionierendes Wifi. Da ich als aber gerade nur ca. zehn Minuten Zeit habe bis zu meiner nächsten Führung, muss ich mich etwas sputen. Bis jetzt habe ich bereits zwei großen Menschengruppen die Reste des einst gigantischen Denkmals des Kalten Krieges von innen gezeigt, gleich kommt dann Gruppe Nummer drei. Das wird gleichzeitig auch die letzte Tour für heute sein, danach geht es für mich wieder zurück nach Bonn. Ein schöner Nebenjob eigentlich, man lernt ständig neue Menschen kennen und kommt gleichzeitig nie dazu, auf seinem Wissensstand stehen zu bleiben.

Publikumstechnisch läuft es derzeit allerdings etwas seltsam. Möglicherweise erklären das die zahlreichen Weinfeste an der Ahr (heute in Dernau): Manche Gäste kommen in diesen Tagen regelrecht betrunken hier oben an, anderen schaut man schon vor der Führung beim Trinken vor dem Museumseingang zu und wundert sich dann auch nicht, wenn die Hälfte der Gruppe nach 30 Minuten zur Toilette muss.

Die Führung dauert 90 Minuten und es gibt innen keine Klos.

Aber auch die Weinfestzeit wird bald ein Ende finden. Und somit werden dann auch wieder vermehrt normale nüchterne Menschen ihren Weg zu unserem kleinen, aber feinen Museum finden… ich bin da guter Dinge.