Das, was es zu sagen gibt (ein Rant)

Ich will nicht, dass Hysterie und lautes Geschrei eine Debatte entscheidet. Leider findet gerade genau das statt in diesem Land. Lange habe ich mit mir selbst gehadert, ob ich mich überhaupt zu dem Thema äußern soll. Ich wusste anfangs nicht einmal, ob ich mir eine Meinung dazu bilden möchte – zu viel Unklarheit, zu viel Durcheinander, zu viel Geschrei auf allen Kanälen, zu wenig konkrete Information. Aber es tat (und tut) mir emotional weh, wenn ich sehe, was da passiert ist. Ich möchte nicht, dass es so etwas passiert. Ich möchte nicht, dass Frauen zu Objekten werden und einer besoffenen Männermeute zum Opfer fallen. Genauso wenig möchte ich, dass mein Land (ja, es ist halt auch mein Land) den Nazis und ihren feigen Mitläufern überlassen wird. Die jetzt ziemlich laut werden, weil sie sich in all den schlauen Sprüchen bestätigt fühlen, mit denen sie seit jeher über die Begriffe „Ausländer“, „Südländer“ und „Flüchtlinge“ die sozialen Netzwerke vergiften. Ich würde gerne sehen, dass man sich um die Opfer kümmert. Dass über Lösungen diskutiert wird. Nüchtern, unaufgeregt, unideologisch und ohne pauschalisierende Hasstiraden.

Aber das passiert nicht. Stattdessen wird munter drauflos pauschalisiert.

Dass es ein Problem beim Frauenbild einiger Männer aus dem arabischen Raum gibt – geschenkt, ist bekannt.

Dass es ein Problem beim Frauenbild einiger Männer aus dem deutschen Raum gibt – sollte vielleicht im Anschluss auch mal thematisiert werden.

Als Mann ist es auch gar nicht schwer, das zu erkennen (Spoiler: Jetzt wird didaktisch reduziert). Zwar sind wir privilegiert, in vielen Bereichen übervorteilt und von Sexismus nur auf andere, wenigstens nicht übergriffige Weise betroffen – aber wer von euch Jungs hat eine Freundin? Fragt sie doch mal selbst, wie das so ist, als Frau allein durch den Kölner Karneval zu tingeln. Spätestens anhand eines so banalen Beispiels sollte man(n) merken, dass das Problem ein wenig tiefer liegt, als es pauschal auf eine bestimmte Herkunft abzuwälzen. Das machen allerdings viele gerade gerne – wohl auch, weil die schiere Masse an beteiligten Männern den Eindruck erweckt, dass nun also alle Flüchtlinge so sein müssen. Dieses Urteil ist natürlich falsch, es sind nie alle. Verstand und Vernunft sollten uns eigentlich lehren, dass es sich nie lohnt, Menschen pauschal über einen Kamm zu scheren.

Was wiederum nichts daran ändert, dass die Übergriffe in Köln nun mal eben von einer ganz bestimmten Tätergruppe ausgingen. Von Arschlöchern mit demselben sexistischen Frauenbild, wie man es auch in Deutschland finden kann – mit dem Unterschied, dass hier einfach jegliche Hemmungen fielen. Welche Rolle hier Sozialisation, Kultur, Alkohol und Gruppendynamik spielten – ich weiß es nicht. Es ist verachtenswert.

Aber ist das jetzt ernsthaft ein Grund für aufrechte Biodeutsche™, nun ebenfalls jegliche Hemmungen fallen zu lassen? Soll das wirklich eine Rechtfertigung für Gewaltaufrufe á la Pegida-Festerling und andere sein? Für das Zerlegen alternativer Stadtviertel wie in Leipzig oder selbstherrliche „Bürgerwehren“ wie in Köln? Für das Angreifen von wehrlosen Menschen, weil sie zufällig wie Araber aussehen? Und was ist mit der überwältigenden Mehrzahl aller arabischstämmigen Menschen in diesem Land, die sich gar nichts zu Schulden hat kommen lassen? Warum müssen die jetzt wegen der paar Vollidioten Angst haben? Gehts eigentlich noch?

Wenn ich mich derzeit in meinem Land umsehe, dann graut mir vor der Zukunft. Davor, wie schnell doch einige viele Deutsche bereit sind, jegliche Werte eines zivilisierten Miteinanders über Bord zu werfen, sobald ein paar Ausländer randalieren. (Ja, hier geht es um Werte, unsere Werte, ich fühle mich gerade furchtbar konservativ.) Die Schicht der Zivilisation über der rohen Primitivität ist anscheinend auch nach 70 Jahren Frieden in Europa noch reichlich dünn, wie Sascha Lobo leider nicht zu Unrecht in seiner Kolumne feststellt.

Nein, ich will das nicht verharmlosen, was in Köln passiert ist. Das muss und wird hoffentlich Konsequenzen haben. Aber doch bitte nicht so. Denn die pauschalen Gegenreaktionen sind keinen Deut besser, sie sind den Bahnhofsgrabschern in puncto Primitivität und Niedertracht absolut ebenbürtig.

Und dafür schäme ich mich für mein Land.

Ein Gedanke zu „Das, was es zu sagen gibt (ein Rant)“

  1. Auf den Punkt. Trifft genau das, was ich seit Tagen denke. Denn der Ton der öffentlichen Debatten wird rauer und die lauten Stimmen fangen an sich scheinbar durchzusetzen. Und das kann nicht gut sein.
    Gleichzeitig steht man hilflos gegenüber der lauten Meute, weil man differenzieren will und das eben bedeutet auch mal „Ich weiß es nicht“ sagen zu müssen.

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