Du Nicht-Ort

Genau du, liebes V., herrlichster Seminarstandort, du alte monofunktional genutzte Fläche im anti-urbanen Raum. Dir fehlt es an allem, vor allem aber an Kultur, Geschichte, Relation und Identität; bist gezeichnet von kommunikativer Verwahrlosung galore und bewohnt von ein paar nörgelnden Menschen, die der trostlosen Tristesse des nichtigen Niemandslandes zwischen Aachen und Euskirchen lediglich ihr heiliges Vorrecht auf die frei zu haltende Straße vor dem eigenen Klinkerhäuschen entgegenzusetzen haben. V., du bist echt hässlich und hier darf ich mein Auto nirgendwo parken, obgleich die Straßen stets frei sind und nirgendwo Verbotsschilder stehen. Aber solch rasende Wut deiner um Korrektheit bemühten Anwohner, V., sie lässt mich vor Verzweiflung juchzen. Oh V., am liebsten würde ich hier auch gar nicht und nie parken. Aber weil du, V., die Infrastrukturentwicklung des 19. und 20. Jahrunderts nicht mitbekamst, gibt es zu deinem Herzen auch keinen öffentlichen Nahverkehr; dein Herz verweilt in Einsamkeit und wird nur von passierenden Kfz geküsst. V., ganz ehrlich, hättest du denn wenigstens einen Ort zum Verweilen, eine Möglichkeit, um Zeit zu verbringen, ein Café, eine benutzbare Bibliothek, einen Internetzugang, irgendetwas, einen winzigen Strohalm voll Hoffnung: Man würde zum örtlichen Bruttosozialprodukt beitragen. Aber da du, V., ein Nicht-Ort im wahrsten Sinne Augés bist, kannst du derlei Dinge freilich nicht anbieten. Du bist sozusagen das Einkaufszentrum unter den Dörfern dieses flachen Niemandslandes: Man sieht sich regelmäßig, aber jene Aufenthalte geschehen nur aus der Notwendigkeit heraus.

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