Inventur

Und da steht er schon vor der Tür, der neue Lebensabschnitt. Wobei die Idee schon ein bisschen dämlich ist, ein Leben in Abschnitte zu unterteilen. Aber bald ist es tatsächlich so weit – adieu, du entspanntes Studentenleben. Tschüs zu dreistündigen Zugfahrten nach Trier und auf Nimmer-Wiedersehen zu einer tollen Hiwistelle in den Digital Humanities, die ich sehr sehr sehr vermissen werde. Das spitzenmäßig kollegiale und hierarchiefreie Umfeld hatte es mir wirklich angetan – eine Sache, die im nun folgenden Abschnitt tendenziell eher nicht zu erwarten ist. Auch die unzähligen Freaks, Lebenskünstler und Langzeitstudis aus meinen Uni-Seminaren und Vorlesungen werden mir mit all ihren verrückten Geschichten wohl ein wenig fehlen. Teilweise entwickelten sich richtige Freundschaften. Aber nicht zuletzt Trier selbst – die Stadt mit ihren sympathisch-maulenden Ureinwohnern und dem schrägen Dialekt, die erklärtermaßen älteste Stadt Deutschlands, der ich schon im April letzten Jahres den Rücken zukehrte… was soll ich sagen, Trier, du fehlst. Bonn ist zwar auch schön und hübsch und hier ist natürlich viel mehr los, aber dieses Gefühl von zuhause, das mir die knapp sieben Jahre Römerstadt am Schluss gegeben haben, das kommt noch nicht so ganz auf. Dabei ist das Wegziehen nach dem Studium eigentlich ein ganz normaler Prozess, die wenigsten Städte können ihre Studis nach dem Abschluss halten. Und in meinem Fall hätte mir auch Trier kaum eine Perspektive bieten können – für das Lehramt bekommt man in Rheinland-Pfalz de-facto keinen Platz im Referendariat, außer man ist bereit, mal eben zwei Jahre Wartezeit einzukalkulieren und als Vertretungslehrer rumzudümpeln. Das kam für mich aber eher nicht in Frage, weshalb auch schon letztes Jahr klar war, dass ich mit meiner Freundin gemeinsam nach NRW gehen würde. Eine mögliche Alternative wäre der Versuch gewesen, mich im journalistischen Bereich über Wasser zu halten – das hätte sicherlich (irgendwie) klappen können, aber ich habe mich bewusst anders entschieden.

Fun Fact zum Journalismus: Als ich nach Bonn zog, hatte ich den Platzhirsch General-Anzeiger noch als die prestigeträchtige Zeitung aus meiner Jugend in Erinnerung. Entsprechend enthusiastisch bewarb ich mich dort als freier Mitarbeiter für den Lokalteil, um während der Vorbereitungen auf meine Prüfungen trotzdem am Schreiben zu bleiben. Daraus wurde nichts, vermutlich auch, weil man als Neu-Bonner hier am Anfang nicht so viel zählt. Was ich dann als ebenso enthusiastisch abonnierte Zeitung letztendlich zu sehen bekam, war eine lieblos gestaltete DPA-Druckmaschine, die ihre Online-Redaktion im Sommer komplett kündigte und sich im Lokalteil heftige Patzer und die Ignoranz zahlreicher relevanter Themen erlaubt. Das Abo habe ich nach ein paar Monaten wieder gekündigt. Ein konkurrierendes Online-Angebot existiert faktisch nicht: Zwar ist die Schnüss als gedrucktes Alternativmagazin eine sehr gute Sache, aber auch kaum wahrnehmbar. Zugegeben, es überrascht mich immer noch, wie viel größer und heterogener die Medienszene im viel kleineren Trier tatsächlich war und auch immer noch ist. Mehrere Online-Magazine stinken dort (auf durchaus unterschiedlichen Qualitätsniveaus) gegen die Tageszeitung an und selbst die ist in den letzten Jahren deutlich besser geworden. Ich bin froh und ein wenig stolz, in meiner Zeit dort ein Teil dessen gewesen zu sein. Und wer weiß – vielleicht schaffen wir es ja wirklich, mit dem Projekt bundesstadt.com zumindest an einem kleinen Teil einer wie auch immer gearteten „Alternative“ mitzuarbeiten.

Aber zurück zum Text: Mein Leben ging derweil erstaunlich schnell weiter. Vor allem das an der Uni. Mündliche Examensprüfungen musste ich im Dezember und Januar über mich ergehen lassen (jeweils eine Stunde pro Fach), in den vergangenen zwei Wochen schrieb ich schließlich die vier letzten Klausuren an der Universität. Das Staatsexamen in den Bildungswissenschaften schloss ich schon vor längerer Zeit ab und die Abschlussarbeit in Anglistik schrieb ich zur Funktion von Dystopie- und Superheldennarrativen in V For Vendetta. Letzteres war der Teil, der richtig Spaß machte – und der mein Nervenkostüm nicht annähernd so hart auf die Probe stellte wie die Zeit vor und während der Prüfungen.

Die Erfahrungen an der Uni lassen sich aber nicht nur als zusammengerechnete Prüfungsleistung plus Examensarbeit sehen, sondern auch als stetiger Kampf gegen den fiesen eigenen, inneren Schweinehund. Mit jedem Ende der Vorlesungszeit kam die Frage nach den Hausarbeiten auf – Thema finden, Fragestellung präzisieren, mit Gliederungsidee zu den Dozierenden rennen, man kennt das ja. Arbeitete man sich schließlich nächtelang in ein Thema ein, folgten nicht selten diverse weitere (nächtelange) Einarbeitungsphasen, da man plötzlich die gigantische Tiefe des akademischen Ozeans unter sich begriff und irgendwie zu fassen versuchte (und währenddessen nicht selten den roten Faden für die eigene Fragestellung aus den Augen verlor, gefolgt vom Erstaunen darüber, wenn dann plötzlich ein neues Semester vor der Tür stand und noch nichts wirklich zu Papier gebracht war.) Irgendwie habe ich es aber dann doch geschafft, alle für die Prüfungsanmeldung notwendigen Leistungsscheine, Projektstudien, Fachdidaktikkurse und Praktika zusammen zu bekommen. Den Paragraphen-Moloch mit den Namen „Studienordnung“ vermochte ich wohl doch richtig auszulegen.

Das Resultat: Ich bin bald also der ultimative Fachidiot mit 1. Staatsexamen. Ein Drittel Linguist, zwei Drittel Literaturwissenschaftler; zudem Pseudo-Pädagoge mit ein paar Brocken Fachdidaktikkenntnissen und einem lächerlich geringen Grundwissen über ein paar Methodik- und Diagnostikstandards – und neben all dem habe ich durch die Uni und viel mehr noch durch Hobbys und Nebenjobs gelernt, mich selbstständig mit Problemen auseinanderzusetzen. Ich frage mich mittlerweile, ob es dazu überhaupt einer Uni bedurfte. Weise Worte hörte ich dazu auf dem letzten IronBlogger-Treffen: „Dein Abschluss ist für deinen späteren Arbeitgeber nur der Beweis, dass du leiden kannst.“ Und wahrscheinlich mehr nicht. Fakt ist auch: Die nun mit oder ohne Uni irgendwie erworbene Selbstständigkeit dürfte die wichtigste Fähigkeit sein, die ich für den neuen Job brauchen werde. Im Mai beginnt für mich der Vorbereitungsdienst für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen, das Referendariat (auch: Ref). Da ich schon öfter im Bildungsbereich gearbeitet habe – immer wieder als Nachhilfelehrer, während Schulpraktika und eines Auslandsjahres in England als Teaching Assistant im Fach Deutsch – weiß ich eigentlich schon jetzt, dass ein bisschen isoliertes Fachwissen ab dann kaum zu gebrauchen sein wird. „Uh, äh, das sind das ja Kinder!“ Die Zeiger werden zurückgestellt, alles noch einmal auf Null. Für anderthalb Jahre Wahnsinn am unteren Ende der Nahrungskette, bei dem es am Ende angesichts unterirdischer Einstellungschancen nur um eines gehen wird: die Abschlussnote.

Alle späteren Einladungen zu Vorstellungsgesprächen im Lehramt werden sich unmittelbar darauf beziehen, auf diese eine Note. Auch so ein Unterschied zum richtigen Leben.

Ganz ohne Ironie: Ich freue mich auf diese Zeit.

PS Eigentlich wollte ich diesen Post noch mit einem schönen Meme garnieren. Da das aber im Abmahnparadies #Neuland ziemlich riskant ist, lasse ich’s besser bleiben.

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