Abriss der Gesellschaft: „Johann Holtrop“

Johann HoltropEin böses Buch. Eine niedergeschriebene, auf 343 Seiten (Paperback) messerscharf ins und durchs Herz der oberen Zehntausend der Gesellschaft schneidende Analyse der Verhältnisse. Obgleich ich von Rainald Goetz schon mehrfach gehört hatte – nicht zuletzt wegen seines Klassikers „Irre“ – kam ich bislang nicht zu der Gelegenheit, den Autor auch tatsächlich zu lesen. Bis mich dann, am vorigen Wochenende beim Stöbern durch Bonn, „Johann Holtrop – Abriss der Gesellschaft“ im Buchladen46 so dreist anlachte. Da das Verlassen von Buchhandlungen ohne Buch quasi unmöglich ist… naja, man kennt das. Jedenfalls habe ich es gekauft. Und gelesen. Und bin nun, nach der Lektüre, nachhaltig beeindruckt.

Denn Goetz verfasste hier nicht einfach irgendein Porträt eines Absturzes des typischen Top-Managers der 90er und 2000er  Jahre, wie das der Klappentext suggeriert. „Johann Holtrop“ ist die absolute Vernichtung einer Denkweise, einer Schule von Menschen, die uns alle von einer Wirtschaftskrise in die nächste geritten hat. Es ist eine Abrechnung mit Charakteren wie Gerhard Schröder, Josef Ackermann, Klaus Zumwinkel, Carsten Maschmeyer und anderen prominenten Handelnden dieser – womöglich gerade endenden – Epoche. Als Leser hat man unweigerlich das Gefühl, dass im Charakter des Protagonisten Holtrop all jene Eigenschaften kulminieren, die es braucht, um ungerechtfertigterweise reich zu werden und dabei Menschen zu zerstören. Es schleicht sich das Gefühl ein, dass man diesen Typen irgendwoher kennt – womöglich aus den Medien. Er ist die Personifizierung des Arschlochs, Pardon, des Oberarschs, und paradoxerweise macht das Buch die Lesenden selbst zu eben solchen. Denn es macht einen pervers und voyeuristisch anmutenden Spaß, dieser schonungslos und ohne jedwede Sympathie dargestellten Hauptfigur beim persönlichen Absturz über mehrere Ebenen hinweg zuzuschauen. Dazu trägt auch Goetz‘ Erzähltechnik bei, die zwar von langen – sehr langen, teilweise halbseitigen – Sätzen geprägt wird, aber durch ihren stakkatomäßigen Satzbau immer wieder Tempo aufbaut. Zumal der Text gerade durch die clever verschachtelten Sätze das Gefühl erzeugt, den Figuren direkt ins abgewrackte Hirn hineinzuschauen. Stream of Consciousness 2.0, in etwa.

Und dabei offenbart sich vor allem eines: Den Handelnden in der höchsten Ebene deutscher Konzerne geht es nicht immer nur um die Maximierung des eigenen Profits. So weit denken die Figuren gar nicht immer, weil sie selbst dazu viel zu verroht sind. Es geht auch um die Verachtung, Demütigung und Erniedrigung der jeweiligen Gegenspieler, auch der eigenen Partner. Wenn, wie es „Johann Holtrop“ meisterhaft vorführt, nun aber einfach jedeR so denkt, dann gibt es Opfer. Im Grunde ist jede Figur dieses Textes ein Opfer der Bedingungen, die sie selber dennoch absolut großartig findet. Finden muss, denn die ungebildet wirkenden Charaktere sind nicht in der Lage, ihrem eigenen Denksystem zu entkommen. Alle Figuren werden Stück für Stück demontiert und verschrottet; als Leser schaut man diesen während dieses Prozesses in den Kopf und wundert sich, warum diese ihre eigene Demontage zuerst gar nicht richtig mitbekommen. Später findet man die mögliche Erklärung: In der Welt eines Holtrop gibt es weder Herzensbildung noch Empathie.

Das Buch ist trotz dieses Negativbildes ein Genuss zu lesen – es gehört wohl zu den wenigen längeren Texten, von denen man trotz durchweg unsympathischer Figuren auch noch recht gut unterhalten wird. Durch die absurden, wirren, teilweise wirklich merkbefreiten und trotzdem realistisch wirkenden Gedanken der Charaktere und Goetz‘ genialer Erzähltechnik zeigt die Geschichte an vielen Stellen einen bissig-aggressiven Humor, der einem nicht selten ein mitleidsloses Grinsen ins Gesicht zieht. Man kann gar nicht anders, als beim Lesen über die Protagonisten dasselbe zu denken, was diese über andere denken. Prädikat: Geniestreich.

Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft.

Suhrkamp 2014.

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