Neumitgliedertag: Einer Partei beitreten

Eigentlich hatte ich diese Entscheidung schon länger gefällt. Eigentlich. Die Umsetzung folgte dann aber erst im Juni. Zumindest formal – offizieller Beitritt und so, mit Willkommenspaket, Mitgliedsausweis (!) und ein paar aus der Zeit gefallenen Gimmicks wie Sprüche-Postkarten. Der Kram sieht hübsch aus, liegt dann aber in dieser stressigen Ref-Zeit doch eine Weile in meine Wohnung rum, verschwindet schließlich in einer Schublade, ich habe einfach keine Zeit.

Bis jetzt. Zum denkbar allerungünstigsten Zeitpunkt, den es so geben kann – unmittelbar vorm großen, letzten Staatsexamen – dachte ich mir, dass es jetzt mal losgehen soll. Ich wollte mir eine einmalige Gelegenheit nicht nehmen lassen, denn die Partei veranstaltete einen Neumitgliedertag in der Landeshauptstadt und sowas findet ja nun nicht alle Tage statt. Und zwischendurch mal eine Auszeit von dem ganzen Stress schadet ja auch nicht. Also schloss ich mit Franziska, dem zweiten Neumitglied aus dem Rhein-Sieg-Kreis, kurz und wir fuhren gemeinsam zu diesem Treffen nach Düsseldorf.

Empfangen werden wir überaus freundlich durch zwei MitarbeiterInnen der Landesgeschäftsstelle, Anke und Wolfgang; direkt am Eingang mit Handschlag und per Du, bisschen quatschen inklusive. Wo kommt ihr denn so her, wie seid ihr zur Partei gekommen, kennt ihr schon Leute und so weiter. Drinnen bereits ein Haufen Menschen, teilweise noch schüchtern in der Ecke stehend, teilweise schon direkt in Gespräche vertieft, man hört Leute lachen, man spricht in gelöster Atmosphäre auch locker völlig Fremde an, denn hier kennt eh keiner keinen. Man sieht Jackets, Kapuzenpullis, kurze Hosen und Flip Flops – die Mode repräsentiert irgendwie auch Vielfalt. Ein paar Leute sind auch noch etwas schüchterner, die werden dann schließlich auch angeheizt durch Ankes „Find someone who…“-Spielchen, das die Gruppe erst mal ordentlich umrührt. Pädagogik goes politics, so wirds gemacht.

Danach geht es dann inhaltlich los, wir, so um die 25 bis 30 Neumitglieder, sollen wohl etwas lernen und hören uns erst einmal zwei Impulsvorträge zum Aufbau und zur Geschichte der Partei an. Das richtet sich vor allem an jene, die sich noch nicht wirklich mit dem Thema Politik beschäftigt haben. Mir fällt auf, dass man sich von Anfang an große Mühe gibt, alle mit ins Boot zu holen. Fragen werden geduldig beantwortet, man lässt die Leute ausreden und hört ihnen zu. Überhaupt ist die Stimmung sehr entspannt, die beiden MitarbeiterInnen der Landesgeschäftsstelle wirken einfach enorm sympathisch.

Hunger überkommt mich allerdings auch recht rasch und das ist kurzzeitig weniger sympathisch, schließlich musste ich für diesen Tag schon um halb sieben aufstehen. Irgendwie wird es dann aber doch schnell Mittag und wir werden mit überzeugendem Catering versorgt, was allerdings auch zum Image der Partei passt (ein derbes Holzfäller-Schnitzel darf man nicht erwarten). Auch während des Essens verfallen wir immer wieder in den Austausch und in Gespräche, ich merke mehr und mehr, dass es einer größeren Anzahl von Leuten so geht wie mir – nur wenige haben sich bereits voll in die Arbeit bei den Orts- und Kreisverbänden reingehangen. Einige dagegen schon, und hier fällt auf, dass jene häufig schon Ämter bekleiden. Nach gerade zwei, drei Monaten Parteimitgliedschaft. Das ist wohl auch ein Vorteil einer kleinen Partei: Wenn man will, kann man hier relativ schnell Fuß fassen.

Nach dem Essen dann kommen wir ins Gespräch mit Leuten aus den Landesarbeitsgemeinschaften – das sind 28 Gruppen innerhalb der (Landes-) Partei, die man sich im Prinzip als eine Art Motor hinter der parlamentarischen Arbeit vorstellen kann. Hier werden die Inhalte diskutiert, hieraus kommen auch die Vorlagen für das Wahlprogramm, man ist mit den Abgeordneten vernetzt. So interessiert mich natürlich besonders die Gruppe zur Bildungspolitik, aber auch das Thema Verkehr hat es mir angetan. Leider können sich nicht alle LAGs vorstellen, so ist aus meiner (natürlich subjektiven) Sicht vor allem die Abwesenheit der Netzpolitik zu beklagen. Trotzdem sind die Gespräche interessant, man wird dann auch direkt zu den nächsten Treffen eingeladen – anscheinend werden wir gebraucht. Oder zumindest ernst genommen. Das ist überhaupt der dominierende Eindruck dieses ganzen Tages. „Wir sind an eurer Meinung interessiert und wollen euch“ – so ungefähr nehme ich die Grundstimmung wahr.

Und das manifestiert sich auch, als wir zum Abschluss noch mit der Landesvorsitzenden Mona über anderthalb Stunden diskutieren. Auch hier ist man übrigens per Du und ich bin erstaunt, wie ausführlich sie auf jede Stellungnahme antwortet. Besonders deutlich wird das, als sie von einer anwesenden Neuntklässlerin in eine Diskussion über die Frauenquote verwickelt wird. Ja, richtig, neunte Klasse vs. Landesvorsitzende. Und obwohl der Ball mehrmals hin und her gespielt wird, habe ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass man sich streiten würde.

Jedenfalls muss man bei dieser Partei auch nicht immer auf Linie sein. Eine offene, streitlustige Gruppe, die Raum lässt, miteinander ins Gespräch zu kommen und Positionen durch Diskussion erarbeitet. Vielleicht ist das eine arg idealisierte Vorstellung von mir und es ist gut möglich, dass das in den nächsten Monaten wieder zerbröselt, gar in Enttäuschung mündet, denn naiv bin ich nicht mehr; aber zumindest am Neumitgliedertag hält man dieses Bild auf sehr angenehme Weise. Es ist einfach nicht der geschlossene Club der Hinterzimmer-Entscheidungen und Altherren-Runden in bleiverglasten Eckkneipen am Stammtisch des Ortsvereins, in dem man erst mal in der Jugendorganisation bis ins 30. Lebensjahr Karriere gemacht haben muss, um überhaupt etwas zu sagen zu haben. So überhaupt nicht.

Und egal wie sich das entwickelt: Ich habe mir zwar vorgenommen, beim Wahlkampf dabei zu sein, aber meine eigene kritische Distanz möchte ich nicht aufgeben. Ich bin nicht bei allen Themen einer Meinung mit der Parteilinie, bei weitem nicht; tatsächlich ist es eher so, dass sie für die politische Partizipation das am wenigsten üble Vehikel darstellt. Und das geht an diesem Tag auch mehreren Leuten so, mit denen ich ins Gespräch komme. Dass dieser Beitrag insgesamt recht wenig kritisch und eher extrem positiv daherkommt, liegt nun aber vor allem daran, dass er meine persönliche Begeisterung ob dieses einen Tages widerspiegelt. Und das ist eben auch nur ehrlich.

Wer jetzt noch nicht weiß, um welche Partei es sich handelt...
Überraschung.

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