Radfahren in Bonn

Der General-Anzeiger teilte heute mit, dass Bonn bei der Auswertung des Fahrradklima-Tests nur „im Mittelfeld“ landet und gerade einmal die Schulnote 3,9 erhält. Für eine Stadt mit grün angefärbter Koalition und dem Ziel Fahrradhauptstadt 2020 ist das eher eine Blamage. Mittlerweile kann ich die geäußerte Kritik sogar nachvollziehen – ganz anders war’s für mich im letzten Jahr: Als ich (Gelegenheitsradfahrer) von Trier nach Bonn zog, kam ich mir anfangs vor wie im Paradies. Ich meine, hey, yeah, Radwege! Fast überall! Gibt’s in Trier so gut wie gar nicht – oder wenn, dann nur mit Autos, Lastwagen und Bussen drauf und nur auf einer Länge von 50 Metern bis zur nächsten Kreuzung. Radfahren in meiner alten Stadt entsprach – zumindest im Stadtgebiet – dem Gefühl permanenter Lebensgefahr. An das war man zwar gewöhnt, aber schön war’s trotzdem nicht, wenn man sich eine zweispurige Fahrbahn nicht nur mit den Schlaglöchern teilen musste. Weshalb wohl nicht Wenige standardmäßig auf die Gehwege auswichen und regelmäßig Fußgänger über den Haufen fuhren. Auch nicht hübsch.

In Bonn dagegen existiert ein ziemlich gut ausgebautes Wegenetz, das die Mittelfeldnote 3,9 meines Erachtens nicht ganz rechtfertigt. Diese suggeriert, dass auch das Radfahren in Bonn so eine Sache ist. Hier werden wegen des Radwegenetzes allerdings andere Fragen als noch in Trier aufgeworfen. Prominent und bei vom GA erwähnt wird hier die gefährliche Situation an Kreuzungen. Das kann ich mehr als nachvollziehen – vor allem, wenn man abbiegen möchte, wird es an mancher Kreuzung in Bonn richtig gefährlich. So gibt es nicht bei allen separate Abbiegestreifen für Radfahrer, was dann öfter mal zu Hupkonzerten seitens der Autofahrenden führt. Auch das ist die Konsequenz eines Radwegenetzes: In Bonn existiert faktisch eine Art Illusion der Vollständigkeit – und Autofahrende denken, dass sie automatisch im Recht  sind, wenn sie sich über einen den Radweg verlassenden, weil abbiegenden Radfahrer aufregen. Dass dem ganz und gar nicht so ist, beweist §9 der StVO. Besser wäre es natürlich, wenn das Netz so ausgebaut wäre, dass es hier von vornherein nicht zu Verständnisproblemen käme. Meine eigene Erfahrung damit bestätigt das: Solche Abbiegesituationen sind richtig heikel. Einmal hielt ein Motorradfahrer sogar extra an, um mich mitten auf der Kreuzung zu stoppen und mit hochrotem Kopf anzupöbeln. Dabei wollte ich nur normal abbiegen und war im Recht – aber das dem armen Herrn in der Situation beizubringen, war hoffnungslos. So etwas ist unnötig, gefährlich und wird durch die Unvollständigkeit und Inkonsequenz des Netzes unnötig provoziert. (Aber immerhin: Besser, die Leute sehen mich und regen sich auf, als dass sie mich über den Haufen fahren.)

Ein weiterer Punkt, der die Note runterzieht, liegt laut GA in der schlechten Vereinbarkeit von öffentlichem Nahverkehr und Fahrrad. Und dieses Argument kann ich mehr als nachvollziehen: Möchte ich aus irgendwelchen Gründen (z.B. nicht enden wollender Sturzregen, Gewitter, Atombombenangriff) mein Rad mit der Stadtbahn nach Hause transportieren, dann kostet mich das mindestens 2,80 Euro pro Fahrt. Zusätzlich zum Ticket, das ich mir selbst noch kaufe – womit dann eine Fahrt in der Regel über 5 Euro kostet. Da wird man dann lieber doch richtig nass und ärgert sich schwarz über die unflexible und unpraktische Preisgestaltung. Tadaa, in Trier war das tatsächlich besser: Sofern die Busfahrer nicht extra weiterfuhren, wenn man mit dem Rad alleine an einer Haltestelle stand, nahmen sie einen ohne Aufpreis mit. Dort war dieser Service allerdings auch bedeutend wichtiger als im flachen Bonn: Zwischen Innenstadt und Campus gibt es knapp 120 Meter Höhenunterschied zu bewältigen – die fährt man auch mit Kondition nicht mal einfach so ab.

Verbesserungsbedarf wäre in Bonn also schon vorhanden. In Trier übrigens ebenso – auch wenn die Stadt laut Test als stärkster Aufholer gilt und zumindest nicht mehr auf dem viertletzten Platz landet.

2 Gedanken zu „Radfahren in Bonn“

  1. Trier konnte vor allem deshalb aufholen, weil nach unten gar nicht mehr so viel Platz war. Die (umstrittenen) Radfahrspuren in der Nähe der Basilika haben geholfen. Im Allgemeinen habe ich aber als sporadischer Radler in Trier immer noch das Gefühl, ein Fremdkörper im Verkehrssystem zu sein.

    ‚Highlight‘ war die Mercedesfahrerin, die mir in einer geöffnete Einbahnstraße entgegenkam und mich beschimpfte, ich würde sie gefährden. Zweites Highlight waren die Busfahrer, die mich aus den Bussen schmissen, wenn angeblich kein Platz mehr war. (Hint: es war Platz).

    Ich empfehle da auch dringend, mal bei WRINT reinzuhören: http://www.wrint.de/2015/02/10/wr393-vogelhuettendeich/ ab 57:41 wird über Radfahren, Gefahren und Gegenmaßnahmen gesprochen. Lohnt sich.

  2. Hallo,
    interessanter Beitrag, zumal ich, wenn das Wetter es zuläßt, jeden Tag mit dem Fahrrad nach Bonn zur Arbeit fahre. Es gibt da schon diverse brenzlige Stellen (z.B. Autobahnauffahrt BN-Beuel Nord), wo ich einfach mit aufpassen muss. Kritisch finde ich auch den Bertha-von-Suttner-Platz, den Konrad-Adenauer-Platz in Beuel oder auch die Adenauerallee. Umgekehrt kann man z.B. den Rhein entlang, in der Rheinaue oder auch längs der linksreheinischen Bahnlinie relativ ungestört radeln. Da ich oft meine Rennradtouren fahre, finde ich es außerhalb von Bonn kritisch, wenn an sehr stark befahrenen Straßen keine Radwege existieren (z.B. von Heimerzheim nach Bornheim oder von Niederkassel-Ranzel nach Köln-Zündorf).

    Gruß Dieter

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