Kalter Krieg in den Köpfen

Gestern gab es wieder ein Bunkerereignis: Der Film „Geheimakte Regierungsbunker – der Film“ feierte in Ahrweiler seine Premiere. Jörg Diester zeigte mit der 80-minütigen Dokumentation einen sehr aktuellen Blick auf eine der größten Festungen des Kalten Krieges. Aktuell heißt dabei, dass ein Schwerpunkt des Films bei der jüngeren Aufarbeitung der Bunkergeschichte liegt und Diester hier auch wesentlich genauere Daten vorlegen kann als bislang bekannt. Gerade den Kuriositäten und Absurditäten rund um Aufgabe und Rückbau der monströsen Festung wird viel Aufmerksamkeit beigemessen. In dem Stück geht es aber nicht ausschließlich darum, denn auch das Thema Kalter Krieg an sich spielt zwangsweise eine Rolle. Dabei kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort, darunter der kürzlich verstorbene Übungsteilnehmer Wolfram Dorn (FDP), der mit So heiß war der Kalte Krieg – Fallex 66 seine Erfahrungen aus dem Bunker verschriftlichte (Lesetipp für die Geschichtsnerds, by the way). Auch Ernst Benda (CDU) und Annemarie Renger (SPD) sind in älteren Interviews zu hören, sie waren 1966 ebenfalls bei der ersten Übung in der Bunkeranlage dabei und damit an der Erprobung der geplanten Notstandsverfassung beteiligt.

Richtig spannend wird der Film aber vor allem, weil er keine rein westdeutsche Perspektive auffährt – denn auch der ehemalige Spion Dieter Popp bekommt als Zeitzeuge viel Redezeit. Dieser war seinerzeit Kontaktmann („Resident“) von Spitzeln des Militärischen Nachrichtendienstes der NVA und übermittelte zahlreiche Papiere zu Bunkerbau und Übungen per Kurier in die DDR. Unter anderem gelang ihm das auch, weil sein Lebensgefährte erfolgreich im Bonner Verteidigungsministerium platziert werden konnte. Laut Popp waren die wichtigen Unterlagen zur Bunkeranlage stets sehr schnell im Osten, und so hätten Stasi und NVA diese schneller bearbeitet als manche Abteilungen in Bonn. Diesters Doku offenbart dadurch, wie groß das Interesse und die Kenntnis des Warschauer Pakts an den vermeintlich geheimen westdeutschen Bunkerplänen war. Popp, der neben Jürgen Freitag – ehem. Kommandant des „Honecker-Bunkers“ und mittlerweile an dessen historischer Aufarbeitung beteiligt – persönlich bei der Premiere zu Gast war, sieht seinen damaligen Job auch heute noch als den eines Friedensbotschafters. Frei nach dem Motto: Alles, was dem Warschauer Pakt einen Vorteil verschaffte, sorgte auch für Frieden. Da kann und sollte man durchaus anderer Meinung sein – die Affäre um den Top-Spion Topas und die Übung Able Archer in den 80er  Jahren zeigt aber, dass diese Sichtweise zumindest in einigen Fällen zutreffen könnte. Wirklich wissenschaftlich bestätigt ist das aber nicht.

25 Jahre nach der Wiedervereinigung dagegen könnte man dieses Thema nüchtern und vorurteilsfrei aufarbeiten – ganz so, wie es Diesters Film leistet. Gegenseitige Spionage gehört zur deutsch-deutschen Geschichte ebenso untrennbar dazu wie der Bunkerbau auf beiden Seiten. In der anschließenden Fragerunde richtete sich das Publikumsinteresse dann auch ausschließlich auf den persönlich anwesenden Dieter Popp. Teilweise aus berechtigter Neugier – das Feld der DDR-Spionage im Westen gilt nach wie vor als nicht gut bearbeitet – , teilweise aber auch aus offener Feindseligkeit. Die Frage, ob er denn von seiner Arbeit heute eine nette Rente bekäme, gehörte sicherlich dazu. Auf die teils persönlichen Angriffe reagierte Popp gelassen und mit ausführlichen Antworten, die manchen (älteren, weißhaarigen, männlichen) Besucher  dazu veranlassten, die Veranstaltung kopfschüttelnd zu verlassen. Der Ex-Agent verneinte die Zahlung einer Rente – die er seiner Meinung nach von der NVA-Nachfolgeorganisation, der Bundeswehr, eigentlich bekommen müsse – und verwies auf die vier Jahre Haft, die er in den 90er Jahren in verschiedenen Gefängnissen verbrachte.

Viel Geld habe er nicht, sagte er abschließend noch, und im Gegensatz zu den verbeamteten und gut bezahlten westdeutschen Spionen in der DDR sei er auch nur ein „Überzeugungstäter“ gewesen. Er, der heute Mitglied der Kommunistischen Plattform der Bonner Linkspartei ist und Gorbatschow einst als den „größten Verräter des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete, hat seine Sicht auf die Welt offenbar ebenso wenig geändert wie viele ältere Herrschaften aus dem Westen. Der Kalte Krieg, das geteilte Deutschland und seine Feindbilder – in den Köpfen vieler Menschen ist das alles immer noch Realität.

Bunkerblogger II

Bisher habe ich noch nie über den schönen Weg zu meinem kleinen Nebenjob geschrieben (oder besser gesagt: ein Foto gepostet). Nun gut, bislang gab es dafür auch keinen Grund: Zumeist regnete es und ich war froh, wenn mich jemand vom Bahnhof aus mit dem Auto mitnehmen konnte. Oder ich war froh, einfach selbst mit dem Auto fahren zu können.

Das muss ich nun revidieren – gestern war ein wunderschöner Tag (ist das jetzt eigentlich schon der „goldene Oktober“ oder so?) und mein Weg zur Arbeit entpuppte sich als die pure Idylle bis auf das nervige, 600 Meter langen Steilstück. Diese sichtbar zu machen fiel nicht ganz so leicht, da die Qualität meiner Handycam stets zu wünschen lässt. Aber es lässt sich trotzdem ein Eindruck gewinnen – der Schnappschuss in Richtung Ahrgebirge entstand zwischen dem Walporzheimer Bahnhof und der Dokumentationsstätte Regierungsbunker (vor dem steilen Anstieg):

walporzheim-regierungsbunker

Bunkerblogger

Burgenblogger? Papperlapapp. Bunkerblogger gilt jetzt. Die MitarbeiterInnen der Dokumentationsstätte Regierungsbunker haben im Büro zwar keinen Mobilfunkempfang, dafür aber ein halbwegs funktionierendes Wifi. Da ich als aber gerade nur ca. zehn Minuten Zeit habe bis zu meiner nächsten Führung, muss ich mich etwas sputen. Bis jetzt habe ich bereits zwei großen Menschengruppen die Reste des einst gigantischen Denkmals des Kalten Krieges von innen gezeigt, gleich kommt dann Gruppe Nummer drei. Das wird gleichzeitig auch die letzte Tour für heute sein, danach geht es für mich wieder zurück nach Bonn. Ein schöner Nebenjob eigentlich, man lernt ständig neue Menschen kennen und kommt gleichzeitig nie dazu, auf seinem Wissensstand stehen zu bleiben.

Publikumstechnisch läuft es derzeit allerdings etwas seltsam. Möglicherweise erklären das die zahlreichen Weinfeste an der Ahr (heute in Dernau): Manche Gäste kommen in diesen Tagen regelrecht betrunken hier oben an, anderen schaut man schon vor der Führung beim Trinken vor dem Museumseingang zu und wundert sich dann auch nicht, wenn die Hälfte der Gruppe nach 30 Minuten zur Toilette muss.

Die Führung dauert 90 Minuten und es gibt innen keine Klos.

Aber auch die Weinfestzeit wird bald ein Ende finden. Und somit werden dann auch wieder vermehrt normale nüchterne Menschen ihren Weg zu unserem kleinen, aber feinen Museum finden… ich bin da guter Dinge.

Mit „Up With People“ unter der Erde

Oder: Wie man einen Bunker mal eben zur Konzerthalle verwandelt.

Jaja, schon wieder ein Bunkerbeitrag. Dieses Mal aus der Gästeführer-Perspektive. Muss einfach sein – denn es ist echt selten, dass ich mal von einer Gruppe wirklich ins Schwärmen komme. Obwohl natürlich die meisten Leute, die wir durch den Bunker führen, echt nett und zumeist wirklich interessiert sind.

Die internationalen Jugendlichen der Gruppe „Up With People„, die wir am heutigen Freitag zu Gast hatten, zogen mir aber regelrecht die Schuhe aus. Selten konnte ich so eine enthusiastische und offene, freundliche Truppe erleben. Obwohl mein Englisch gelegentlich bei Fachtermini vor sich hin bröckelte und die Führung über anderthalb Stunden dauerte – der Gruppe merkte man keinerlei Müdigkeitserscheinungen an. Schweden, USA, Philippinen, Italien, Barbados, Belgien – das sind nur ein paar der Heimatländer, der Mix ist wirklich heterogen. Zur Zeit sind sie zu Gast im Ahrtal, lernen die Region kennen und leben in Gastfamilien. Naja, und zur Region gehört dann wohl auch der olle Regierungsbunker. Meine Gruppe für die Führung bestand aus gut 25 Leuten, insgesamt war „Up With People“ mit 100 jungen Menschen in der Anlage zu Gast. Und alle 100 trafen sich – gut abgesprochen mit den drei anderen GästeführerInnen – um 13 Uhr auf der „Plattform“. Darunter verstehen wir das Ende des Museums, was unser Aussichtspunkt zum Rest der ab dieser Stelle komplett entkernten Tunnelröhre ist. Da nun eben jene 1,3 Kilometer lange Röhre mit einem gewissen akustischen Reiz vor ihnen lag, gaben sie auch ein kleines Ständchen. Und das ist wirklich nicht von schlechten Eltern. Leider kam ich erst mittendrin auf die Idee, die letzte Minute dieser Darbietung mit meiner oldschooligen Handykamera mitzufilmen. Aber der Effekt kommt – denke ich – dennoch ganz gut rüber.

Objekt 5001: Der „Honecker-Bunker“

Die Meisten haben davon schon gehört, viele kennen sie: Über 350.000 Menschen waren seit der Eröffnung im Jahr 2008 schon zu Besuch im alten Bunker der (westdeutschen) Bundesregierung in Ahrweiler. Die Dokumentationsstätte Regierungsbunker ist eine Erfolgsgeschichte, wie sie sonst kaum ein deutsches Museum vorweisen kann. Dabei war es historisch betrachtet großes Glück, dass von dem ehemals 17 Kilometer langen unterirdischen Atombunker im Ahrgebirge überhaupt die heutigen 200 Meter übrig blieben, um sie museal nutzen zu können. Das Interesse an dem Thema wurde weithin unterschätzt – hätten die Verantwortlichen in der Politik im Jahr 2001, zu Beginn des „Rückbaus“, geahnt, wie viele Besucher die heutige Dokumentationsstätte fluten würden, dann wäre es durchaus möglich gewesen, wesentlich mehr der alten Anlage als Museum und historisches Mahnmal für zukünftige Generationen zu erhalten. Stattdessen pumpte das Land Rheinland-Pfalz vor allem jede Menge Geld in den Nürburgring-Freizeitpark, mit den altbekannten Folgen…

Auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gab es mehrere Pendants zu den westdeutschen Bunkeranlagen – zu den wohl berüchtigsten Bauwerken zählt der „Bunker 17/5001“ in Prenden, im Volksmund auch als „Honecker-Bunker“ bekannt. Heute schimmelt die Anlage in Ruhe vor sich hin – aber noch ist sie vollständig erhalten. Das Bauwerk steht seinem Gegenstück in Ahrweiler in nichts nach – zwar ist der Komplex von der Fläche her deutlich kleiner, aber dafür ist die technische Ausstattung ein beeindruckendes Zeugnis der Ängste damaliger Staats- und Regierungschefs. Kosten und Mühen wurden nicht gescheut – so hängt ein Teil des Innenlebens hängt komplett gefedert im Betonrahmen, um mögliche Druckwellen abfangen zu können. Der ganze Bau ist enorm aufwendig, auch bedingt durch die spätere Bauzeit als der Bunker in Ahrweiler.

Ohne nun in nerdige Technik-Schwärmerei ausbrechen zu wollen: Wenn Regierungen solche Anlagen aus Angst vor einem Atomkrieg bauten, dann zeigt das, wie ernst die Lage im kalten Krieg tatsächlich war. Und es sollte möglich sein, diese Ängste und Befürchtungen, die die gesamte Weltpolitik dominierten, auch in Zukunft anschaulich darstellen und erklären zu können. In Ahrweiler wird das bereits getan, in Prenden möchte man dieses Ziel ebenfalls erreichen. Ein Team von fähigen Leuten arbeitet daher zur Zeit hart daran, einen Erhalt und eine damit einhergehende museale Nutzung möglich zu machen. Das Projekt ist enorm aufwendig und hochinteressant, zumal der „Honecker-Bunker“ im Gegensatz zum Ahrweiler Regierungsbunker nicht nur ein kleines Stückchen vom ehemals Dagewesenen bietet, sondern gleich ein weitgehend vollständig erhaltenes Gelände mitsamt vollständiger Bunkeranlage. Die Chance, die man seinerzeit im Westen durch die Verschrottung von über 99 Prozent des Innenlebens verstreichen ließ, sollte man also nun wirklich nutzen.

Daher: Schaut auf den Seiten des Projekts 5001 vorbei, informiert euch, teilt den Link in euren Netzwerken und unterstützt unbedingt die daran angeschlossene Crowdfunding-Kampagne, damit der Traum eines Museums Wirklichkeit werden kann. Nirgendwo lässt sich – auch gerade für Kinder – besser und anschaulicher vor Augen führen, zu welchen Auswirkungen Waffenwahn und Atombombenbau führten und hätten führen können.