Bahnhofsreflexionen II

Dieses Mal zum zweiten Teil meiner gewohnten RE-Fahrerei: Koblenz – Trier.

Koblenz Hautpbahnhof: Der zu kurz geratene Regionalexpress nach Trier ist jetzt schon gut gefüllt. Radtouristen, Rentner, Studis und ein paar Polizisten laufen vor- und rückwärts durch den Zug, um noch Sitzplätze ohne Nachbarn mit McDonald’s Tüte zu bekommen. Wer Erfahrung hat, weiß: Sitzen auf der in Fahrtrichtung liegend rechten Seite empfiehlt sich – hier hat man nachher seine Ruhe. Mutmaßlich wegen des hübschen Blicks auf das romantische Moseltal wird sich die linke Seite des Zuges zur Nerv-Seite mausern. Hier werden später ältere Leute mit teuren Kameras romantische Fotos durch schmutzige Fenster schießen.

Kobern-Gondorf: Erster Ort mit Doppelnamen. Schaut man aus dem Fenster, sieht man außer einem kleinen Dörfchen an der Mosel eigentlich nichts.

Treis-Karden: Zweiter Doppelname auf der Fahrt. Klingt komisch und so gucken auch die wenigen Leute, die hier meist schon in einen viel zu vollen Zug einsteigen.

Cochem: Urig, alt, weißhaarig. Zwischen amerikanischen Touristen finden sich hier auch ein paar deutsche Rentner, die den Zug verlassen. Überhaupt der einzige Unterwegshalt, an dem etwas los ist. Spektakulärer Tunnelbau hinter dem Bahnhof, irgendwo soll’s auch ein Schloss geben und die Bundesbank ließ hier während des Kalten Kriegs um die 17 Milliarden D-Mark einlagern. In einem Atombunker mitten im spießigen Wohngebiet. Eine atomare Druckwelle hätte (wie auch sonst so vieles) das enge Moseltal nicht erreicht. Und der Feind wäre schon nicht darauf gekommen, ausgerechnet hier nach der Kohle zu suchen.

Bullay: „Umweltbahnhof“ mit ein paar Solarzellen auf dem Dach. Endlich verlassen auch die Radtouristen den Zug.

Wittlich: Hier steigen stets die Polizisten aus. Warum auch immer. Der Bahnhof von Wittlich ist übrigens Etikettenschwindel – denn er liegt ein paar Kilometer entfernt vom Stadtzentrum.

Schweich: Neuester Haltepunkt der Regionalexpresslinie, wird erst seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2014 regelmäßig angefahren. Allerdings wissen das die Schweicher nicht: Hier steigt niemand ein oder aus. Cf. Oberwinter.

Trier Hauptbahnhof: Der Zug würgt mit einem Male alle Passagiere heraus, um sogleich wieder neue aufzunehmen. Außer irgendwelchen in Alkohol eingelegten Kegelclubs fährt fast niemand von Koblenz bis nach Saarbrücken oder gar Mannheim durch. Derweil werden die Reisenden beim Verlassen des Hauptbahnhofs vom malerisch-verträumten Bahnhofsviertel der ältesten Stadt Deutschlands begrüßt: Mediamarkt, Burger King, Puff, Army Shop und pöbelnde Jugendliche.

Bahnhofsreflexionen

Bonn – Bad Godesberg: Einstieg. Langsam verrottender Bahnhof mit wegbröckelnder Unterführung, auf die selbst Sprayer keine Lust mehr haben. Meistens steht man rum. Entweder, weil die Bonner Stadtbahn mal wieder den Anschluss verpasst, oder weil der Regionalexpress wie gewohnt über 20 Minuten verspätet ist.

Oberwinter: Niemandsland. Der Bahnsteig ist fast zu kurz für den Regionalexpress. Niemand steigt aus oder ein. Die Fahrt wäre kürzer, wenn hier kein Bahnhof wäre.

Remagen: Irgendwie wichtig. IC-Halt, Knotenpunkt, hier liegen mehr Gleise rum als im Bonner Hauptbahnhof. Von Remagen zweigt die Ahrtalbahn ab. Sie transportiert vor allem an Wochenenden Heerscharen von weißhaarigen und zumeist schlecht gelaunten Touristen in die entlegene Bergregion.

Sinzig: Kaufland.

Bad Breisig: „Verehrte Fahrgäste, leider verzögert sich unsere Weiterfahrt um einige Minuten, da uns ein verspäteter Intercity überholt.“ Spätestens an dieser Stelle reift die Erkenntnis heran, dass der Anschluss in Koblenz nicht mehr zu schaffen ist.

Andernach: Pittoresker Blick auf viele mit Stahlteilen beladene Güterwaggons.

Koblenz-Stadtmitte: Mit einem Schlag leert sich der gesamte Zug. Wer in Koblenz wohnt, arbeitet oder einkauft, steigt hier aus. Ebenso viele verwirrte Fahrgäste, die den Haltepunkt mit dem Hauptbahnhof verwechseln.

Koblenz Hauptbahnhof: Das Gegenteil von Koblenz-Stadtmitte – hierhin fährt nur, wer nicht nach Koblenz möchte. Schnelles Rennen zum Anschlusszug, der ausnahmsweise extra-pünktlich abfährt und einen alleine auf dem kältesten aller Bahnsteige zurücklässt. Trostpreis: McDonald’s, freies WiFi, Landesbibliothek.

Neues Farbschema bei DB-Regio

Nach vielen Jahren durchgehend knallroter Züge präsentiert sich die Bahn in ungewohnter Weise: Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2014 bekommen viele Regionalexpress-Züge neben neuen Fahrzeugen auch ein neues Farbschema. Das alte Verkehrsrot spielt dann häufig nur noch die Nebenrolle, stattdessen werden beispielsweise die neuen Züge auf der Strecke Koblenz-Saarbrücken fast vollständig in silbergrau lackiert. Laut der Infoseite des Rheinland-Pfalz Takts besteht das neue Farbkonzept des Nahverkehrs aus „farbigen Dreiecken in der Unternehmensfarbe des jeweils betreibenden Eisenbahnunternehmens.“ Allerdings betreffen diese Änderungen wohl ausschließlich den Rheinland-Pfalz Takt und alle damit verbundenen Linien (z.B. auch die Ahrtalbahn von Bonn nach Ahrbrück und die Eifelstrecke Köln-Trier). Jedes Bundesland kocht in puncto Design in Zukunft sein eigenes Süppchen.

Als ich dann gestern am Trierer Hauptbahnhof auf meinen Zug wartete, präsentierte sich dieses neue Design auch prompt:

Neues Farbschema bei DB-Regio Südwest

Neues Farbschema DB-Regio

Die Bahn. Von Bonn nach Trier. Oh Dear.

Eine längere Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu planen ist ja immer so eine Sache. Ich zähle mich selbst dabei zu den eher erfahrenen Nutzern – also zum Beispiel zu jenen, die umherirrenden Menschen am Bahnsteig meistens schnell weiterhelfen können und bestimmte Fahrpläne auswendig im Kopf haben. Eigentlich sollte also ein Wechsel nach Bonn – mit zwar einem anderen, aber doch sehr umfassenden ÖPNV – keine nennenswerten Probleme bereiten für einen Vielnutzer wie mich. Eigentlich.

Letzte Woche musste ich dann wieder nach Trier. Natürlich studentisch-standesgemäß mit der Bahn. Die Leserin* ahnt nun sicherlich, dass die Fahrt in Anbetracht meiner Betonung des Wortes „eigentlich“ nicht ganz reibungslos verlief. Eines vorab: Ich kam wohlbehalten und wie geplant in Trier an. Eher waren es Planung und Fahrkartenverkauf, die mir nicht so ganz vorkamen wie im zweiten Jahrzent des 21. Jahrhunderts. Und die mich die Frage stellen ließen, ob mich der hiesige Verkehrsverbund nicht einfach nur ärgern möchte. Oder die Bahn. Oder beide.

Die Planung der dreistündigen Fahrt funktionierte zum Beispiel nur über Umwege so, dass man sie als ‚vernünftig‘ bezeichnen kann. Sowohl die Seite der deutschen Bahn als auch die Eingabemaske des Verkehrsverbundes Rhein-Sieg wollten mich mit der Bonner Stadtbahn (Fahrt ab Dt. Museum/Hochkreutz, also beim Godesberger Bahnhof um die Ecke) bei den meisten Verbindungen über Bonn Hauptbahnhof leiten. Entfernungs- und zeittechnisch ist das bei Nutzung des Regionalverkehrs ziemlicher Quark – und wäre mich auch noch teurer gekommen. Die Suchmasken ließen sich zwar ‚überlisten‘, indem ich die Plittersdorfer Straße als „via“-Haltepunkt einfügte. Damit verschwanden dann auch die teils absurd langen Fahrzeiten. Aber das ist ein Aufwand, der eigentlich gar nicht passieren dürfte. Wenn ich mir dabei Opa oder Oma vorstelle, wie sie eine Fahrt aus Bonn heraus mit den im Netz gegebenen Möglichkeiten planen wollen… dann bekomme ich plötzlich Verständnis für die Menschen, die eine Reise auch heute noch lieber mit den guten alten Faltplänen aus Papier oder gleich am Schalter planen. Oder lieber direkt mit dem Auto fahren. Usability = Totalausfall.

Die zweite Gelegenheit zur Irritation bot sich dann an der Haltetelle der Bonner Stadtbahn. Man darf es wohl verwunderlich finden, dass man hier nur Karten innerhalb des Verkehrsverbundes kaufen kann. Also, hmm, zumindest ich finde das verwunderlich. Über darüber hinaus liegende Ziele – wie z.B. das nicht sooo weit entfernte Koblenz – ist ein Ticketkauf einfach nicht möglich. Bedeutet für einen ahnungslosen Neu-Bonner wie mich konkret: Würde ich eine Reise so planen, wie sie die Eingabemasken im Internet in der Standardeinstellung vorschlagen, dann ergibt sich daraus unversehens ein Zeitproblem. Und zwar ein großes. Die Umsteigezeiten sind oft knapp kalkuliert und wer nicht direkt online bucht (was in Verkehrsverbünden auch immer so eine Sache ist, über die DB-App z.B. konnte ich die Fahrt auch nicht buchen), also sein Ticket erst am Automaten ziehen möchte, der guckt in die Röhre. Denn die Fahrt an besagtem Automaten kann zunächst mal nur bis zum nächsten „richtigen“ Bahnhof der deutschen Bahn gelöst werden. Dort muss dann das Ticket für den Rest der Fahrt gekauft werden, was in Anbetracht kurzer Umsteigezeiten ein delikates Unterfangen ist.

Wenn man unerfahren ist. Oder sich nicht richtig auskennt. Oder den Eingabemasken im Internet zu sehr vertraut.

Zwar treffen die beiden beschriebenen Beispiele eher auf eine kleine Zahl an Reisenden zu. Aber genau diese Nicht-Vielfahrer sind es, die langfristig von den Öffentlichen überzeugt werden müssen. Ich habe mich irgendwie durchgeschlagen und das System nun begriffen (irgendwie, glaube ich), aber hatte bei der ersten Tour auch Glück mit der Zeit. Eine schlechte Usabillity der Online-Suche und nur unflexible Möglichkeiten zum Ticketkauf tragen jedenfalls nicht unbedingt zu mehr FreundInnen des ÖPNV bei.

 

*Ich nehme es mir ab jetzt übrigens heraus, gelegentlich und unangekündigt offensiv zu gendern. Bringt Spaß und Spannung in die Tristesse der Männersprache.