Fragen an die Demokratie – mein Senf dazu

Hurra, wieder eine Blogparade – dieses Mal zu zehn Fragen an die Demokratie. Stopp, nein, nicht hurra. Dieses Thema ist so gar nicht hurra. Bob Blume fragt sich nämlich, was man tatsächlich tun kann gegen den zunehmenden Verfall dessen, auf dem wir alle mehr oder weniger aufbauen. Gegen den Verfall unserer Demokratie. Die sicher nicht perfekt, aber sicher auch besser ist als das, was den Leuten von rechtsaußen so vorschwebt. Damit meine ich natürlich die antidemokratische AfD – das Kind sollte man beim Namen nennen. Zumindest solange es sich einem üblen, rassistischen Tonfall verschreibt und man allerorten Dinge wie „Lügenpresse“ hört (eine demokratische Partei, die pauschal gegen die Presse  oder die Mainstream-Medien agitiert, gibt es nicht). Solange einem im Diskurs so Sachen wie „wenn wir am Ruder sind, dann gnade euch Gott“ entgegengeschmissen werden. Von der von den Piraten kopierten Beleidigungskultur im Netz möchte ich gar nicht erst reden.

Zu diesem Phänomen gibt es nun zehn Fragen eines Demokraten – meine Antworten scheinen mir unvollständig, unpräzise, aber hoffentlich beteiligen sich mal ein paar mehr Leute an so etwas. Man muss den Rechten mittelfristig das (rhetorische) Handwerk legen, sonst werden sie diesen Staat irgendwann missbrauchen. Ganz so, wie sie das schon angekündigt haben. Und dann werden wir uns wirklich umgucken, denn es werden alle etwas zu verbergen haben.

1. Wie schafft man die Kehrtwende gegen den zunehmenden Rechtspopulismus?

Keine Ahnung. Es ist komplex. Wenn man zynisch ist, könnte man argumentieren, dass sich die Mitte-Links-Parteien nun auch die Fähigkeiten der Rechten in puncto Internet und vielleicht auch direkt zum Thema Big Data aneignen sollten. Ich halte es für keinen Zufall, dass Manager und Firmen aus diesem Bereich bei den britischen Leave-Kampagnen und bei Trumps Wahlkampf ziemlich aktiv mitwirkten. Auch wenn ich darin nicht die Ursache sehe – Internet: das kann Rechts ironischerweise derzeit besser als die Mitte und Links.

Weniger zynisch: Wir brauchen Europa und eine funktionierende EU, denn die über 70 Jahre Frieden auf diesem Kontinent sind nicht vom Himmel gefallen. Die EU finde ich verdammt gut – aber sie beweist nach den vielen Erweiterungen der letzten Jahre leider auch, dass ihr Modell mit so vielen Staaten nicht mehr  so effektiv funktioniert wie einst gedacht. Langsam, träge, zuweilen tatsächlich überreglementiert, undemokratisch strukturiert (v.a. die Kommission) und nicht selten entscheidungsunfähig. Das sind alles berechtigte Kritikpunkte, welche die Rechten übrigens nicht erfunden haben. Gerade Punkte wie fehlende Demokratie und Handlungsunfähigkeit müssen dringend angegangen werden – man stelle sich einmal vor, was gewesen wäre, wenn man die Flüchtlingskrise tatsächlich europäisch hätte managen können. Deutsche und europäische Politiker täten gut daran, diesen schon seit vielen Jahren erkannten Reformbedarf zu erkennen und anzugehen. Dass das europäische Parlament mittlerweile endlich einen Präsidenten hat und auch der Kommissionspräsident zum ersten Mal gewählt wurde, ist dabei nur ein erster Schritt.

Was wir auch brauchen: Mehr Europa. Mehr Begeisterung. Eine europäische Idee, einen Leitgedanken – oder: Ein Narrativ. Ich bin als Schüler damit aufgewachsen, heute hört man das kaum noch.

2. Warum bestimmen die Rechtspopulisten die wahlentscheidenden Themen?

Das hängt meiner Meinung nach mit einer ziemlich bösartigen Ironie zusammen. Die Rechte hat es geschafft, auf Twitter mit Bots und Troll-Accounts massive Dauer-Präsenz zu zeigen und alles automatisiert unter Feuer zu nehmen, was ihr nicht in den Kram passt. Dazu gehören eigentlich immer die Postings von Journalisten. Und gerade auf Twitter findet sich das journalistische Who-is-who dieses Landes, die gesamte Medienelite. Somit ist die vermeintliche Lügenpresse de facto der größte Wahlhelfer für die AfD, indem die Medienkanäle ihren Themen – möglicherweise durch den Präsenz-Effekt der sozialen Netzwerke – übermäßig viel Platz einräumen. Weil selbst die Presseleute aus ihrer eigenen Filterblase nicht heraus kommen.

3. Wie gewinnt man mit Fakten Wahlen?

Gabs das schon mal? Ich würde gerne mit einem Mix aus Sachlichkeit und Visionen Wahlen gewinnen. Nicht mit einer langen „dagegen“-Liste, oder einer „wir gegen die“-Mentalität, sondern mit einem lautstarken „dafür“. Und das auch im Wahlkampf betonen.

4. Wie bricht man die Hegemonie der organisierten Rechten in sozialen Medien?

Vermutlich gar nicht. Das Getrolle mit Bots und Fake-Accounts ist einfach zu viel, gerade die Großen, Twitter und Facebook, haben jegliche Kontrolle verloren und ihre leitenden Angestellten (ähm) wollen sich das nicht mal eingestehen. Dazu kommt die oben schon erwähnte Expertise der Rechten beim Thema Big Data. Es wird eine Weile dauern, bis die gesellschaftliche Mitte das begreift und damit umgehen lernt. Wenn sie es überhaupt lernt.

5. Wie verankert man langfristig und nachhaltig liberale Gedanken in der Bevölkerung?

Wenn man die technischen Aspekte mal hinter sich lässt: Was wir tun sollten, ist Werte dagegen zu setzen. Unsere Werte. Die Werte, auf denen dieses Land steht. Das Grundgesetz, vor allem dessen erste zehn Artikel. Das ist zutiefst konservativ und zugleich höchst liberal. An denen kommt auch die AfD nicht vorbei. Die lassen sich auch kaum umdeuten.

Und: Man muss rhetorisch sehr deutlich machen, womit dieser ganze Mist angefangen hat. Wenn man sich dann auf islamischen Terror, meinetwegen New York, einigt, wird man feststellen: Das Ziel der Terroristen war immer, die liberale Demokratie zu zerstören.

Wer rechts wählt und deren Parolen nachplappert, hilft also letztendlich nur den islamistischen Terroristen und spielt ihnen freudig den Ball zu. Denn die freuen sich über nichts mehr als den Zerfall Europas.

6. Wie schützt man Minderheiten vor Angriffen und politischem Missbrauch in Wahlkämpfen?

Leider hat es das bislang bei jedem Wahlkampf gegeben und wir uns auch 2017 nicht erspart bleiben. Mir fällt da leider auch nichts zu ein, Verbote o.ä. halte ich jedenfalls für keine Lösung. Die Auseinandersetzung müssen wir und leider auch die Minderheiten aushalten – und im Diskurs gewinnen.

7. Wie begeistert man eine Gesellschaft für differenzierte Debatten?

It’s education, stupid. (Soooo leicht gesagt…)

Weniger arrogant und wahrscheinlich realistischer: Ich bezweifle, dass es die „differenzierte Debatte“ außerhalb der akademischen Elfenbeintürmchen jemals wirklich gab. Gerade in Wahlkämpfen wurde schon immer ordentlich gehobelt. Hier glänzt – unabhängig von der politischen Position – besonders, wer rhetorisches Talent und Komplexitätsreduktion (!) mit einfacher, unprätentiöser Sprache kombinieren kann. Und gerade das fehlt vielen PolitikerInnen aus dem linken, liberalen und bürgerlichen Lager auf eklatante Art. Wer kann denn mit seinen Reden noch Menschen begeistern? Wer kann mal wenigstens einen Text so vortragen, dass er halbwegs frei gesprochen wird? So ein Höcke, und mag er noch so widerlich agitieren, reißt seine Leute mit. Das macht ihn so gefährlich.

Da kann man jetzt auch noch so lange (und mit Fug und Recht) dagegen halten, dass es auf dieser komplexen Welt keine einfachen Antworten gibt. Die AfD und ihre Wähler wissen davon nur nichts, sie gibt trotzdem ganz einfache Antworten und gewinnt damit Wahlen zweistellige Prozentzahlen. Und ich glaube nicht, dass man mit akademisch fein herausgearbeiteten Sachanalyse-Reden irgendeine Wahl gewinnt. Das war meines Wissens nach ebenfalls noch nie der Fall.

Natürlich bedeutet das nicht, dass man sich auf das plumpe Niveau der Rechten herablassen muss oder dass Sachdebatten nicht möglich seien. Aber mehr Reduktion und eine Sprache, die näher an den Menschen ist, scheinen mir dringend geboten.

8. Wie versieht man liberale Werte mit einer neuen Attraktivität / Anziehung?

Ich bin fast geneigt, dazu überzugehen, dieses Thema á la Böhmermann mit der deutschen Identität zu verknüpfen (auch wenn ich nicht viel von nationaler Identität halte). „Wir“ haben das Thema einfach jahrzehntelang ignoriert und es den Rechten als hübsch drapiertes Präsentkörbchen vor die Haustür gestellt.

Dabei ist das Grundgesetz in dieser Hinsicht eigentlich ein liberaldemokratisches Angebot sondergleichen, worauf man prima aufbauen könnte.

9. Wie bindet man Menschen an demokratische Institutionen, wie Parteien oder Vereine?

Nicht alle Fragen an die Demokratie lassen sich so leicht beantworten: Gerade Parteien fallen mir besonders schwer. Ich versuch es gerade selber mit einer Parteimitgliedschaft und bekomme es kaum hin, mir die Zeit dafür rauszunehmen. Ende offen.

10. Warum schenken wir den Wahlforschungsinstituten mehr Glauben, als den Gefühlen, die viele äußern und der offensichtlichen Kräfteverschiebung im Netz?

Das weiß ich auch nicht. Viele beherrschen wohl einfache Statistikgrundregeln nicht, selbst repräsentative Umfrageergebnisse haben immer auch einen gewissen Spielraum. Das wird aber so gut wie nie in den Politsendungen erwähnt.

Bloggen: Vom Sinn und Unsinn

Yeah, es gibt mal wieder eine Blogparade. Und am besten sind bekanntermaßen jene, bei denen man einfach ungefragt mitmacht. Wie zum Beispiel die von Ellen: Sie fragt sich und uns, warum wir denn überhaupt bloggen. Was das alles soll. Da sie mit ihrem Job als Lehrerin einem ähnlichen Schicksal wie ich ins Angesicht schaut, fühle ich natürlich empathisch mit und gebe meinen unnötigen Senf dazu.

Also, warum bloggt man überhaupt?

Das Blog ist mein Mülleimer. Meine Kreativitätsfabrik. Hier kommt einfach alles rein, was mir so auf dem Herzen liegt. Vieles allerdings auch nicht, zumal die Funktion des richtigen, wirklich negativen Seelenmülleimers immer noch meinem analogen, aus Papier bestehendem und mit Füller ausgefülltem Tagebuch obliegt. Würde jemand dieses gut versteckte Schriftstück alleine lesen, dann könnte diese Person vermutlich denken, ich sei vollkommen fertig und reif für die netten Leute in weiß. Allein deswegen stellt das Blog natürlich eher die harmlosere Mülleimer-Variante dar.

Auf Ideen kommt man dabei immer. Zeit ist berufsbedingt schon eher das Problem. Ich habe dafür aber eine ganz passable Lösung gefunden: Jedes Mal, wenn mir ein Blog-Thema einfällt, schreibe ich es in meine To-Do-Liste oder lege direkt einen Kurzentwurf in WordPress an. Idealerweise stehen da schon ein paar Stichpunkte drin, an denen ich mich dann später im eigentlichen Artikel entlang hangeln möchte. So geht mir ein potenziell interessanter Text, den ich erst später schreiben kann, nicht völlig durch die Lappen. Manchmal dauert es dann auch richtig lange, bis so ein Beitrag fertig ist. Meine Entwürfe gammeln zuweilen mehrere Wochen und manchmal Monate auf dem Server vor sich hin. Für den nötigen Schreibdruck sorgen derweil die Ironblogger – aber dazu später mehr.

Ein weiterer Grund: Tradition. Beständigkeit. Oder wesentlich ehrlicher zu sich selbst formuliert: Ein dauerhaftes, diffuses Mitteilungsbedürfnis. Diese Domain existiert seit 2014, insgesamt blogge ich schon etwas länger. Es begann im Jahr 2005 –  man machte irgendwie Abitur und fing mit dem Zivildienst an – mit einer zum Blog mutierenden eigenen Homepage (wer erinnert sich noch an die lustigen .de.vu-Domains?); dann kam Blogspot, war halt bequemer; dann eine sehr lange Zeit auf Englisch auf der mittlerweile geschlossenen Plattform my.opera.com, denn da gabs eine richtig coole Community (hauptsächlich andere Opera-User, also Nerds); schließlich schrieb ich ein Auslandsblog, um meine Erfahrungen in England auch ins Internet und damit an meinen deutschen Freundeskreis und die Verwandtschaft zu tragen. Nach dem Ausland folgten zwei neue Anläufe mit my.opera und mit tumblr, bis ich schlussendlich mal ein Blog unter einer eigenen .de-Domain aufgesetzt habe – dieses hier. Kurzum: Bloggen begleitet mich schon über ein Jahrzehnt, ich kann es irgendwie nicht lassen.

Und was bringt das?

Lernen. Das Blog hält mich im Oberstübchen fit. Ganz im Ernst: Man lernt, Gedanken ordentlich zu strukturieren (wie zum Beispiel in stillose Listen, die mit fett gedruckten Schlagwörtern á la Bento beginnen…), aber auch Themen zu analysieren und sachlich (mehr oder weniger) zu kommentieren. Das bedeutet für mich, dass das Bloggen – auch, da man sich der Sprache durchaus bewusst sein sollte – mehr als nur eine kleine Fingerübung für das Schreiben zwischendurch darstellt.

Auch klinkt man sich, weil man ja neben den ganzen Quatsch-Beiträgen gelegentlich einen Artikel mit etwas Substanz schreiben möchte, stark in die einzelnen Inhalte ein. Ich hätte vermutlich niemals so viel über Verschlüsselung und Messenger gelernt, wenn ich dazu keine Blogartikel geschrieben hätte.

Auch interessant: Vernetzung. Eine Sache, die eigentlich nicht mehr zu „warum“, sondern zu „Sinn“ zählt. Ein Nebeneffekt nämlich, dessen ich mir bis zu diesem Blog gar nicht bewusst war. Denn durch das Bloggen habe ich jede Menge Leute in Bonn kennengelernt, vor allem über die bierseligen Ironblogger. Aber auf die immer weiter wachsende Bonner Community auf Twitter bin ich im Grunde nur hierdurch gestoßen. So haben sich viele schöne Bekanntschaften und manchmal auch richtige Freundschaften entwickelt. Das ist (subjektiv) bedeutender, als mir das vorher gedacht habe – ich zog in eine neue Stadt und kannte im Grunde niemanden außer meiner damaligen Freundin. Damit war das Ironblogger-Treffen sozial schon irgendwie interessant. Das führte dann neben neuen Bekanntschaften auch zu Barcamp-Besuchen (das Format war mir vorher kein Begriff), der Entdeckung diverser digitaler Veranstaltungen in Bonn, einem Engagement bei bundesstadt.com und schlussendlich auch zu einem Praktikum bei bonn.digital. All das hätte es ohne Blog nicht gegeben.

Zudem lese ich gerne andere Blogs. Dabei folge ich manchen über einen Feedreader, andere Artikel werden mir von den Linktipps, dem Feed der Bonner Blogs oder einfach durch Twitter-Empfehlungen in die Timeline gespült.

Sinn? Durchaus. Ich kann den Themen, die mir wichtig sind, manchmal einen größere Reichweite geben (beispielsweise durch das Google-Ranking). Da es häufig kleinere Spartenthemen wie z.B. unsere Bunker-Touren oder meine Band sind, ist das gelegentlich also in eigener Sache praktisch. Aber nur so lange, wie es auch andere Leute außer mir interessiert – was ich hoffe.

Und: Es macht Spaß. Sehr viel Spaß.

Zwei Jahre Snowden: Einen Schritt vorwärts, zwei zurück

Zur Blogparade von Rouven Kasten. Was habt ihr verändert? Eine verdammt subjektive Reflexion.

Sommer 2013. Da war doch was. Ach, richtig, das. Ein gewisser Edward Snowden übergab auf filmreife Weise einen gigantischen (immer noch nicht vollständig ausgewerteten) Datensatz an Journalisten und rückte damit die verborgenen Aktivitäten der NSA (und des britischen GHCQ) ins Licht der Öffentlichkeit. Zwei Jahre ist das nun schon her. Konsequenz: Weltweite Massenüberwachung ist seitdem keine Verschwörungstheorie mehr, sondern umfassend bewiesen. Das, worüber man früher ab und an witzelte, aber letzten Endes doch für technisch zu aufwendig und krass hielt, wurde unter der Bush-Regierung nach dem Terrorjahr 2001 zum zentralen Leitmotiv jedweder technikbasierter Geheimdienstarbeit. Snowden erbrachte den Beweis dafür, und selbst mit den Amerikanern befreundete Regierungen wie die deutsche waren und sind vor dem ungebremsten Treiben der Technik-Schlapphüte nicht sicher. Und Unternehmen oder gar Privatpersonen schon gleich gar nicht.

Und jetzt sind mal eben zwei Jahre ins Land gestrichen und man hätte erwarten können, dass wir alle unser Verhalten geändert hätten. Rouven Kasten, den ich am Wochenende auf dem Koblenzer Barcamp traf, erzählte mir eben dort von seiner Blogparade zu dem Thema. Er möchte nämlich wissen, was wir nun  wirklich geändert haben. An der Parade beteiligen sich bislang recht wenige. Und vielleicht ist das auch ein Indiz dafür, dass wir alle irgendwie… abgestumpft sind?

Abgestumpft? Betäubt? Gelähmt?

Sind wir das? Einmal nett in die Webcam des Laptops lächeln und dann so weitermachen wie vorher, weil man sich ja eh nicht wehren kann?

Bei mir selbst… ist das nicht ganz so. Aber dann doch schon. Zumindest besagte Webcam ist seitdem meistens abgeklebt. Außer ich vergesse, den Streifen nach einem Videochat auf Skype wieder zurück zu kleben. Achja, Skype. Von Microsoft gekauftes, ehemals (wohl?) unknackbares P2P-System, das mittlerweile alle Daten auf amerikanischen Servern lagert, wozu auch ganz offiziell mehrere AGB-Änderungen ins Postfach flatterten. Kannste dir denken, wer da auf diese Daten dann Zugriff hat. Und genau das ist für mich privat ganz symptomatisch für den eigenen Umgang mit den NSA-Enthüllungen: Webcam abkleben, aber Skype für bestimmte Kontakte weiter nutzen. Man ist zu abhängig von (oder zu gewöhnt an) Technik, als dass man wirklich darauf verzichten würde. Man kennt das Problem, hat ein irgendwie dumpfes Bewusstsein im Hinterkopf, dass alles aus der eigenen Privatsphäre irgendwie gegen einen verwendet werden könnte, aber macht trotzdem so weiter wie vorher. Mir wird schon nichts passieren, denkt man sich. Dass dem eben nicht so ist, dass mir sehr wohl und jederzeit etwas passieren kann, zeigt ganz aktuell der Fall der 20-jährigen Aimee Schneider. Hier wurde ein privater Facebookchat, den sie mit amerikanischen Verwandten führte, als Vorwand genutzt, sie am Flughafen stundenlag zu verhören und dann nach Deutschland auszuweisen. Wohlgemerkt, es ging hier nicht um Äußerungen, die sie in der Öffentlichkeit tätigte. Und auch nicht um irgendwie als antiamerikanisch zu interpretierenden Inhalt. Es waren Sicherheitsbehörden, die einen privaten Chat vollkommen falsch interpretierten und daraus schlossen, dass das Au-Pair in den USA illegal Geld verdienen wolle. Das allein zeigt schon relativ deutlich: Jede_r kann beliebig oft ins Fadenkreuz von Geheimdiensten und Behörden geraten. „Schuldig“ oder „unschuldig“ spielt bei dieser Art von Überwachung keine Rolle mehr, es geht eher um eine Art präventive Willkür.

Facebook, Google etc…

Und trotzdem liegt mein Telefonbuch bei Google, dennoch nutze ich Facebook, Instagram, Whatsapp, Twitter und hastenichgesehen. Zwar durchaus bedachter als vorher – nirgendwo mit Klarnamen und stets mit Dummy-Emailadressen – aber ich habe eben auch nicht aufgehört, diese Dienste zu nutzen. Im Gegenteil, auf den Instagram-Zug sprang ich beispielsweise erst vor kurzem auf. Im Zweifelsfall brächten mir die Email-Fakeadressen und inkorrekten Geburtstage, mit denen ich bei diesen Diensten registriert bin, wohl wenig. Ebenso wenig wie Browser-Plugins und rigorose Privatsphäre-Einstellungen. Denn wie Lars Wienand von der Rhein-Zeitung während seiner Session beim Barcamp demonstrierte, ist beispielsweise graph.tips ein nettes Tool, um selbst als Privatperson einen umfassenden Einblick in komplett verriegelte Profile zu bekommen. Stalking advanced, nur halt kinderleicht. Wenn man nicht ganz auf Facebook verzichten will oder kann (Stichwort: Beruf), dann kann die einzige Lösung hier also nur heißen: Datensparsamkeit. Und zwar nicht nur in Bezug auf die Daten, die man selbst über seine Person einstellt, sondern auch und gerade in Bezug auf eigene Likes, Kommentare und Fototags. Wird also keinen kümmern. Bis zum nächsten Missbrauchsfall, oder so.

Was (vielleicht, hoffentlich?) eher etwas bringt, ist Leistungen wirklich komplett aus dem Einzugsbereich der Amerikaner auszulagern. Beispielsweise habe ich für meine Lehrer-Schüler-Kommunikation einen Posteo-Account zugelegt, einfach weil ich hier weiß, dass die Daten auch auf dem (deutschen) Server verschlüsselt gespeichert werden. Mittelfristig soll das auch mein Hauptaccount werden. Gmail, Yahoo und andere Dienste habe ich sogar noch nie aktiv benutzt. Mein Gmail-Postfach, das man als Android-Nutzer zwangsläufig bekommt, ist leer. Emails selbst habe ich darüberhinaus verschlüsseln gelernt, PGP ist da eine ganz nette Methode. Leider gibt es bislang nur einen Menschen, mit dem ich verschlüsselte Mails tatsächlich austausche. Denn Verschlüsselung heißt auch immer, dass es alle an einer Kommunikation Beteiligten anwenden müssen. Und da scheinen die Hürden dann doch wieder ziemlich hoch zu sein. Uh, da muss ich ja was installieren, oh, da ist von irgendwelchen Bit-Schlüsseln die Rede, nee lass‘ mal, brauch‘ ich schon nicht.

Verschlüsselung hilft… würden mehr mitmachen

Diese Ende-zu-Ende-Verschlüsselung lässt sich nicht nur bei Emails einsetzen, sondern auch generell immer dann, wenn die USA irgendwie unumgehbar sind, beispielsweise bei Cloud-Angeboten. Das führt dann dazu, dass US-Behörden zwar auf Daten zugreifen, diese aber nicht auslesen können. Bei den Cloud-Diensten gibt es da zum Beispiel mehrere Alternativen, die zumindest bei Desktop-Rechnern schon recht zuverlässig funktionieren (z.B. das amerikanische  (!) SpiderOak, hier von mir beschrieben). Die verhasste Dropbox benutze ich dann aber leider trotzdem noch gelegentlich. Ein Fachleiter aus dem Seminar hat einen gemeinsamen Ordner angelegt, meine Band nutzt es kollaborativ, da lässt sich nicht so schnell von wegkommen. Schließlich ist das ja auch ungeheuer praktisch und es geht schnell. Aber immerhin speichere ich keine privaten Sachen mehr darauf. Vertrauen ist da eigentlich keins mehr.

Wenn man wieder zur Kommunikation geht, gibt es da dann noch ein paar andere Dinge, die ich selber geändert habe. Oder ändern wollte. Auf dem Smartphone würde ich ja gerne Whatsapp loswerden… aber wie nur, wenn es niemand anderen interessiert? Ein Messenger bringt eben nur etwas, wenn der vom Gegenüber auch genutzt wird. Textsecure/Signal und Threema sind zwar coole Alternativen, aber erstere gibt es nicht für Windows Phone und letztere ist quasi tot, zumindest nutzt sie nur ein Kontakt aus meinem Adressbuch. Bei Textsecure sind es nun immerhin sechs Leute, mit denen ich darüber kommunizieren kann. Whatsapp dagegen nutzen 73 Kontakte. Man muss schon aktiv Werbung für die Kryptomessenger machen und erntet dann eine generelle Skepsis gegenüber neuen Apps, die man sich ja wieder runterladen und installieren müsse und die zudem noch Speicher wegnähmen. Lieber probiert man dann mal Snapchat aus. Krypto ist irgendwie uncool.

Und dann schreiben einen selbst die Leute über Whatsapp an, die Textsecure haben. Da fällt mir dann auch nichts mehr zu sein.

Linux könnte ein Teil der Lösung sein, aber…

Und man kann sich tatsächlich fragen, ob das alles überhaupt etwas bringt. Die Grundsysteme, die wir alle nutzen, sind amerikanisch. Windows, Mac, Android, keine Ahnung. Alles kommt per Definition mit Hintertürchen. Vertrauen kann ich meinen Geräten also nicht, stattdessen gaukele ich mir beim Surfen mit alternativen Browsern, gesperrten Drittanbieter-Cookies, Werbe-Sperrlisten über den Router und Plugins wie disconnect vor, dass man sich zumindest anstrengen müsste, um mich umfassend auszuspähen. Die NSA strengt sich doch wegen einem kleinen Fisch wie mir nicht an, oder?

Linux wäre natürlich eine Möglichkeit, einen weitaus größeren Bogen um die Geheimdienste zu schlagen. Mir fehlt allerdings die Zeit und der Nerv, mir Linux-Distris zu installieren und vor allem damit zu arbeiten (Stichwort: Dominanz  von MS Office). Ganz unerfahren bin ich zwar nicht, jahrelang lief mein alter Laptop mit Ubuntu. Nur: Wenn es selbst mir als Semi-IT-Beklopptem schon zu umständlich ist, meine Systeme damit zu betreiben, was ist dann erst mit 0815-Anwendern? Womit ich wieder bei der abgeklebten Webcam bin. Zwei Jahre Snowden… und zumindest für mich ein Resultat, das sehr ernüchternd in diffuser Paranoia mündet, die sich wie zäher Mehltau über alles legt, was mit IT zu tun hat. Ich habe zumindest auch Verständnis für jeden, der mir mit dem Totschlagargument „bringt doch eh alles nichts“ kommt, denn die amerikanische Dominanz auf dem Markt lässt sich so schnell nicht brechen. Aber sie lässt sich eben auch nicht nicht brechen – ich denke, es braucht da noch ein paar Jahre und Skandale mehr, bis sich eine (nötige) noch größere Skepsis durchgesetzt haben wird.

Aber ganz regungslos möchte ich trotzdem nicht in die Kreissäge rennen. Dann schon wenigstens lachend. Sieht auf der Selfie-Cam des Smartphones irgendwie besser aus.