#MiMiMiMi – le Nachwort

Es gab da so eine Lesung. Mitten in der hübschen Bonner Südstadt, der Laden heißt übrigens Friedrichs Coffeeshop und soll auch sonst ganz empfehlenswert sein.

Letztes Jahr war ich noch als Gast dort, der wahrlich nicht schlecht staunte, wie gut sich die vier Blogger nicht nur im Internet, sondern auch auf der Bühne verkaufen konnten. Dieses Jahr war es anders, denn es wurden nicht nur vier, sondern elf AutorInnen eingeladen. Darunter ich. Verdammt. Und da einem eine solche Einladung natürlich nicht schlecht schmeichelt, lehnt man sie wider jeder Vernunft auch nicht ab. Zwar zählen manche Kurzgeschichten durchaus zu meinem Repertoire, aber vorlesewürdig sind diese aufgrund der Textlänge und der Themen nicht. Zumindest nicht für einen solchen Abend. Ich könnte ja wenigstens meine kleinen Vettweiß-Texte lesen, dachte ich mir. In denen bekommt jener Ort meiner Lehrerausbildung sein Vett (haha) weg, der mich bis zum Schluss genervt hat. Die Texte wären unter Umständen durchaus publikumstauglich und vielleicht lacht ja auch irgendwer, schwante es hoffnungsvoll. Mit diesem entspannten Gedanken sank die Einladung darauf im Posteingang nach unten; ein Urlaub und ein Arbeitsplatzwechsel folgten.

Und plötzlich steht er vor der Tür, der große Tag. Morgens noch Schule, mit der zehnten Klasse rede ich über englischsprachige Autoren. Zuhause angekommen schiebe ich mir eine Pizza in den Ofen und schaue mir noch einmal die Texte an. Dabei fällt plötzlich auf, dass ich ja eigentlich noch einen dritten Text schreiben wollte, ein Erklärstück, eine Kontextualisierung, eine Hilfe, damit Nicht-LehrerInnen überhaupt verstehen, was es mit diesem Ort so auf sich hat. Noch vier Stunden, bis es losgeht. Also setze ich mich mit der Pizza an den Schreibtisch und fange an zu tippen. In zwei Stunden springt so die besagte Erklärung heraus, völlig ungeschliffen, gedacht als ein Einzelstück, dann trenne ich sie, zerschneide, schiebe Versatzstücke hin und her, schließlich werden aus meiner Erklärung, die auch eigentlich nur ein paar Zeilen umfassen sollte, zwei neue Texte. Einer davon behandelt eine ganz neue Szene, eine Alltagsbeobachtung, die ich weder eingeplant noch bedacht habe, mein Kopf wirft sie mir an diesem Freitagnachmittag einfach auf den Tisch. Hier, friss, den Scheiß musst du gleich vorlesen. Die Macht der Überarbeitung. Die Macht des „Hier könntest du ja eigentlich doch noch erzählen, wie…“

Eine Überarbeitung, die eigentlich noch einmal überarbeitet gehört hätte. Keine Zeit, eine halbe Stunde noch, bis der Spaß anfängt, zwischendurch noch Emails mit Kollegen geschrieben, ich muss irgendwas Frisches anziehen.

Ein paar Lacher habe ich an diesem (grandiosen) Abend auf meiner Seite, auch wenn ich mir vollkommen seltsam vorkomme und in der anschließenden Videoanalyse deutlich wird, wie unkomfortabel ich da sitze, steif und nervös auf dem Platz herumrutsche und wie soll man eigentlich so ein scheiß Mikro halten? Souverän geht anders, denke ich mir beim Betrachten meiner selbst und frage mich, wer sich von den AutorInnen dieses Abends noch alles selbst angucken – und vor allem – aushalten kann. Irgendwann finde ich dann doch wieder meine innere Zufriedenheit. Denn auf dem Stream finde ich meinen Rhythmus, vor allem bei den beiden älteren Texten, die schon mehrere Überarbeitungen hinter sich haben. Dann: Pause, mit anderen Leuten quatschen, das Programm geht schlussendlich weiter und ich höre mir die restlichen AutorInnen des Abends an – allesamt mit wirklich guten, teilweise berührenden, oft zum Brüllen komischen Texten zur Hand.

Man muss das klar sagen: Ich empfinde ich diese kleine Veranstaltung als absolut großartig, so ein kleiner Rahmen mit doch großer Wirkung; und kann nur jedem empfehlen, der auch nur halbwegs gerne liest und vielleicht mal etwas schreibt, einen Auftritt in dieser Art oder zumindest den Besuch einer Lesung zu versuchen.

Für mich persönlich war das eine ganz neue Erfahrung und ein großer Gewinn.

Warn-Apps – meine große Verwirrung

Seit dem verheerenden Amoklauf von München ist Katwarn in aller Munde. Als eine der beiden großen erhältlichen Warn-Apps soll sie die Stadtbevölkerung vor Gefahren warnen, worunter Unwetter, Blitzeis und eben auch eine sogenannte Amoklage zählen. Zu den „Partnern“ von Katwarn zählen unter anderem Fraunhofer Fokus und die Versicherungsbranche. Verständlicherweise.

So weit, so gut. Klasse Idee, denn das Smartphone ist weitverbreitet, im Grunde läuft kein Mensch mehr ohne rum. Über eine solche Warn-App können also binnen kürzester Zeit enorm viele Menschen erreicht und gewarnt werden. Und so habe ich Katwarn auch mal selbst ausprobiert, denn für mich persönlich sind gute Warnungen gerade in Bezug auf die Wetterlage schon irgendwie wichtig. Vor allem, da mir die meisten gängigen Wetter-Apps echt stinken – häufig entpuppten sich diese in Vergangenheit als Akkukiller, ungenau und buggy.

Und da fängt mein Leid mit diesen Apps auch schon an – Stichwort „buggy“: Auch bei Katwarn hakt es leider in puncto Zuverlässigkeit – so wurden beispielsweise während des Amoklaufs von München nicht alle Menschen erreicht, da dass System durch die große Relevanz der Warnungen schlicht überlastet war. Auch in meinem eigenen Test konnte die App ihre Stärke der genauen und detaillierten Warnungen eigentlich nie ausspielen, und dabei ging es nicht mal um großflächige Amoklagen: Bei jeder kleinen Unwetterwarnung kam ich nie über die Vorschau in der Informationsleiste des Smartphones hinaus, denn der Aufruf der jeweiligen Warnmeldung führte in aller Regel zum Totalabsturz von Katwarn. Es sei dazu gesagt: Ich benutze ein aktuelles Mittelklasse-Smartphone mit 2 Gigabyte Ram und einem sehr schlanken, gut gepatchten Android 6, auf dem alle gängigen Installationen flüssig laufen. Leistungsprobleme sollten hier also nicht zugrunde liegen und auch meine Leitung ist ziemlich fix. Dass die App durch ihre inhärente Instabilität kaum nutzbar war, ist sehr schade.

Dazu bringt Katwarn für mich noch ein weiteres Problem mit: Nicht alle Landkreise und Städte sind hier kooperationsbereit, der Rhein-Sieg-Kreis speist seine Meldungen beispielsweise bei Katwarn ein, die Stadt Bonn dagegen gar nicht. Das ergibt für mich als Endnutzer irgendwie keinen Sinn.

Die Alternative: NINA
Nützlich: NINA bietet nicht nur Warnungen, sondern auch allgemeine und konkrete Verhaltenstipps
Nützlich: NINA bietet nicht nur Warnungen, sondern auch allgemeine und konkrete Verhaltenstipps

Und dann gibt es da noch die Konkurrenz. Wie in der digitalen Welt üblich, gibt es auch beim Thema Katastrophenschutz mehr als eine App für ein- und dieselbe Sache. Und in diesem Fall ist die Konkurrenz sogar hochoffiziell: Sie heißt NINA (Notfall-Informations und Nachrichten-App des Bundes) und zieht ihre Informationen aus dem modularen Warnsystem des Bundes (MoWaS). Dahinter steckt, kurz gesagt, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Die müssens ja wissen, denkt man sich. Leider hat aber auch diese App dasselbe Problem wie Katwarn: So deckt auch NINA nicht alle Landkreise bei lokalen Gefahrenlagen ab – eine Übersicht kann man auf der Homepage einsehen. Aber immerhin: Im Gegensatz zu Katwarn funktionierts. Das ist bei einer App, die man in eher selteneren, aber dann dringenden Fällen unbedingt braucht, für mich ein unerlässliches Kriterium. Wie das mit NINA allerdings bei einer umfangreichen Gefahrenlage wie in München aussähe, vermag ich nicht zu beurteilen. Bei Unwetterwarnungen funktionierte die App auf meinem Durchschnittsphone bislang sehr zuverlässig.

Meine vorsichtige, grundsätzliche Empfehlung tendiert bei diesem schwierigen Thema also zu NINA. Vorausgesetzt, man lebt in einer Gegend, in der das System unterstützt wird. Nordrhein-Westfalen kommt da schon ganz gut weg, bei anderen Bundesländern sieht es – sprichwörtlich – katastrophal aus. Um die Verwirrung perfekt zu machen, gibt mir NINA auf der Deutschlandkarte aber dennoch Warnungen für nicht unterstützte Landkreise aus. Ebenso erinnere ich mich an Warnungen von Katwarn, während ich mich in Bonn aufhielt – obwohl die Stadt das System offiziell nicht unterstützt. Vielleicht liegt es daran, dass Wetter-Warnungen immer bundesweit rausgegeben werden. Zumindest die Erklärungen zur Funktion der beiden Apps sind dann aber sehr intransparent.

Abschliessende Fragen

Was ich mich nun frage: Warum bekommen wir es in Deutschland nicht hin, EINE App zur Warnung zu entwickeln? Oder zumindest auf EIN transparentes System zu setzen, aus dem sich App-Entwickler bedienen können? Warum können Katwarn und NINA nicht kooperieren? Der Zweck ist doch schließlich ein gemeinnütziger. In Anbetracht dieses Durcheinanders ist es natürlich kein Wunder, dass es nicht einmal der WDR schafft, eine eindeutige Empfehlung auszusprechen. Vielleicht liegt die Zukunft der Warn-Apps dann im Bereich Open Data, schön wäre es jedenfalls.

#bcbn16: Für mehr Barcamps

Ja, so könnte ich DIE zentrale Erkenntnis meines gestrigen Barcamp-Besuchs in Bonn nennen. Dass dieses Veranstaltungsformat Spaß macht, unglaublich viel bildet und zudem eine ausgeprägte soziale Komponente besitzt, war mir zwar schon vorher irgendwie klar – sonst wäre ich nicht freiwillig an einem Samstagmorgen um zehn vor sieben aus meinem herrlich komfortablen Bett gekrochen.

Was mir aber dieses Mal, bei meinem zweiten Barcamp-Besuch, auch noch ganz deutlich wurde: Warum dieses Format überhaupt so funktioniert. Warum dort Ideen entstehen, Projekte initiiert werden (gibt es davon eigentlich eine Auflistung?) und alle unfassbar nett zueinander sind. Klar, die Art der BesucherInnen hat natürlich einen gewissen Anteil daran, man kann allen eine gewisse Offenheit zuschreiben. Aber der andere Grund liegt für mich in der zugrunde liegenden Methode: Ein Barcamp organisiert sich im Prinzip wie ein Open Space, das heißt, Sessions werden zwar zeitlich festgelegt, aber ob es eine Session gibt, wie viele Leute dann dorthin kommen, wie lange die Leute im Raum bleiben oder ob man nur dort ist, um die 20 Euro für das Ticket in Form von Essen und Trinken wieder rauzuschlagen, bleibt jedem selbst überlassen. So ist man am ganzen Tag komplett flexibel, die Türen bleiben offen und wenn man aus einer Session nicht so viel mitnehmen kann, dann geht man halt Kaffee trinken oder setzt sich in eine andere Session. Zwischendurch bleibt genug Zeit, zm sich mit den neu kennengelernten Menschen zu unterhalten – was in meinem Fall zum Beispiel dazu führte, dass ich nun auch Freifunker aus beinahe meiner Nachbarschaft kenne. Das und die Tatsache, dass viele Sessions mehr einen offenen Workshop-Charakter haben statt frontaler Vortrag zu sein, sorgt dafür, dass in den 45 Minuten (gerade mal eine Schulstunde!) pro Session eine Vielzahl an Ideen generiert wird. Die Menschen sind einfach offen, haben Spaß, wollen dazulernen und helfen; und das Format sorgt dafür, dass jede/r BesucherIn den eigenen Bedürfnissen gerecht wird. Und wenn ich von dem vielen Input einfach nur erschlagen bin, dann ziehe ich mir eben eine Session zu Urlaubsberichten über Neuseeland („Warum Neuseeland scheiße ist“) oder Hausbooten rein. Ja, Hausboote. Ich wäre hingegangen, wenn ich nicht unbedingt zu den Freifunkern gewollt hätte. (Was definitiv kein Fehler war.)

Kurzum, es sollte deutlich mehr von solchen offenen Veranstaltungen geben, man kann als erwachsener Mensch einfach kaum mehr Inspiration in so kurzer Zeit mitnehmen.

Das nächste Barcamp in der Region findet übrigens in Koblenz statt.

Alles neu

Neue Wohnung, neuer Ort, neuer Job, neue Leute.

Gerade ändert sich alles. Weshalb auch mein Ironblogger-Konto kurzzeitig ins Minus rutschen musste, denn mit der Organisation eines Umzugs und dem Quasi-Neuerfinden meiner selbst (ähm…) blieb keine Zeit mehr zum Bloggen.  Tatsache ist: Es ist alles neu. Und es fühlt sich gar nicht mal so schlecht an. Was von Bonn bleibt, ist die Band. Mitsamt einer EP-Veröffentlichung im Sommer, stay aufmerksam, sie wird recht hübsch – und danach gibt es Konzerte. Auch bleiben werden mir liebgewonnene Institutionen wie die Bonner Blogs, die Ironblogger und das gemeinsame Schreiben für bundesstadt.com. Denn wirklich weit weg ist die Stadt nicht. Tatsächlich liegt das beschauliche Swisttal und damit mein neuer Wirkungskreis (ähm…) genau auf halbem Wege zwischen Bonn und Euskirchen, ganz idyllisch an der Bundesstraße 56 – eine ehemalige Römerstraße, auf der heute statt Römern GTI-Fahrende mit Böhse-Onkelz-Heckscheibenaufkleber um das möglichst optimale Fortkommen konkurrieren. Trotz ausgewiesenem Nicht-GTI-Fahrzeug sind es nur 15 Minuten bis nach Bonn, per S-Bahn dann schon 35. Immerhin fahren die Züge auch noch recht spät in der Nacht, der Anschluss bleibt gewahrt. Und da die neue Arbeitsstelle in Euskirchen liegt, wähne ich mich nun in dem glorreichen Gefühl, mich ein bisschen der Quadratur des Kreises angenähert, zumindest aber zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen zu haben.

In Zukunft werde ich also eher aus dem Bonner Umland bloggen, dazu gibt’s dann auch wieder eine eigene Sektion. Analog zur bereits bestehenden Kategorie „Stadt“ gesellt sich dann noch „Land“ dazu. Total sinnvoll und durchdacht, natürlich.

Resümee zu Rhein in Flammen 2015

Zentrale Erkenntnisse:

1. Die Bonner Ausgabe von Rhein in Flammen machte ihrem Namen alle Ehre: Ein schönes Feuerwerk gab’s allemal. Und besser als letztes Jahr. Deutlich besser. Regelrecht beeindruckend. So beeindruckend, dass ich es verpasste, Fotos davon zu machen. Keine Feuerwerks-Selfies. Omfg, und das als Digital Native? Nee, ist ja auch mal gut. Von wegen „den Moment genießen“ und so.

2. Die standardisierten „Shalalala“-Kölschrockbands von der Hauptbühne ließen sich ganz hervorragend ignorieren. Stattdessen gab’s auf der Rheinimpuls-Bühne guten Indie/Funk/Pop. Und SkaGB. Welche sich als äußerst exzellente Liveband entpuppte und richtig Bewegung in die Menge reinbrachte. Kein Wunder, zieht der Musikstil ja doch immer die richtigen Leute an.

3. 300.000 Menschen. Sagt Wikipedia. Also geschätzte 100.000 pro Abend. Es ist wahrlich interessant, wie sehr sich diese 100.000 Leute auf dem riesigen Gelände so verteilen können, dass stets genug Platz und Freiraum da ist und der Zugang zu Essen und Getränken nie mit Drängeln zu tun hat. Die Masse fiel mir bewusst gar nicht auf, es hatte eigentlich mehr was von Dorfkirmes, nur riesig verteilt und mit Bühnen. Die Besucherzahl wurde mir erst klar, als ich mich mit dem Auto auf den Rückweg begab. Es wollten dann doch recht viele Menschen gleichzeitig aus Bonn raus. Was wiederum in Bonn nicht geht.

4. Die allerdings fundamentalste Erkenntnis: Nie wieder werde ich mich auf eine Krake setzen. Wie üblich: Große Naivität bei der Vorabbewertung und -Einschätzung diverser Fahrgeschäfte.

Die Vorteile des Elternhauses im Ahrtal…

…liegen bei näherer Betrachtung klar auf der Hand.

Idylle und Natur pur in einem Seitental des Ahrtals.
Idylle und Natur pur in einem Seitental des Ahrtals.

Dennoch möchte ich alsbald wieder in Bonn wohnen können, nicht zuletzt, um auch dem Untertitel dieses Blogs seine Legitimation zurückzugeben. Ja, ich wohne derzeit nicht mehr in der Bundesstadt. Ein temporärer Zustand, da sich mein Leben unvermittelt dazu entschloss, mir einen bösen Streich zu spielen. Den bösesten aller Streiche. Ein Zustand, der nicht von Dauer sein soll. Definitiv nicht.

Also: Sollte also rein zufällig jemand jemanden kennen, der/die eine Wohnung abzugeben hat – vorzugsweise ab Juli oder August 1. Juni, gerne zwei Zimmer, Einbauküche mit Kusshand, gerne auch unter 400 Euro warm [Utopie, ja, aber man kann ja mal die Daumen drücken] – wäre ich um eine Kontaktvermittlung natürlich enorm dankbar. Unfassbar dankbar sogar. Ist ja in Bonn eher blöde, was Bezahlbares zu finden. Und als Referendar hat man ja auch irgendwie nicht so viel über.

Wenn ich allerdings eines nicht möchte, dann ist es, auf dem Land zu leben. Hier ist das Internet so langsam. Also los, Bonn, nimm mich zurück in deine sicher total ausgestreckten Arme!

Radfahren in Bonn

Der General-Anzeiger teilte heute mit, dass Bonn bei der Auswertung des Fahrradklima-Tests nur „im Mittelfeld“ landet und gerade einmal die Schulnote 3,9 erhält. Für eine Stadt mit grün angefärbter Koalition und dem Ziel Fahrradhauptstadt 2020 ist das eher eine Blamage. Mittlerweile kann ich die geäußerte Kritik sogar nachvollziehen – ganz anders war’s für mich im letzten Jahr: Als ich (Gelegenheitsradfahrer) von Trier nach Bonn zog, kam ich mir anfangs vor wie im Paradies. Ich meine, hey, yeah, Radwege! Fast überall! Gibt’s in Trier so gut wie gar nicht – oder wenn, dann nur mit Autos, Lastwagen und Bussen drauf und nur auf einer Länge von 50 Metern bis zur nächsten Kreuzung. Radfahren in meiner alten Stadt entsprach – zumindest im Stadtgebiet – dem Gefühl permanenter Lebensgefahr. An das war man zwar gewöhnt, aber schön war’s trotzdem nicht, wenn man sich eine zweispurige Fahrbahn nicht nur mit den Schlaglöchern teilen musste. Weshalb wohl nicht Wenige standardmäßig auf die Gehwege auswichen und regelmäßig Fußgänger über den Haufen fuhren. Auch nicht hübsch.

In Bonn dagegen existiert ein ziemlich gut ausgebautes Wegenetz, das die Mittelfeldnote 3,9 meines Erachtens nicht ganz rechtfertigt. Diese suggeriert, dass auch das Radfahren in Bonn so eine Sache ist. Hier werden wegen des Radwegenetzes allerdings andere Fragen als noch in Trier aufgeworfen. Prominent und bei vom GA erwähnt wird hier die gefährliche Situation an Kreuzungen. Das kann ich mehr als nachvollziehen – vor allem, wenn man abbiegen möchte, wird es an mancher Kreuzung in Bonn richtig gefährlich. So gibt es nicht bei allen separate Abbiegestreifen für Radfahrer, was dann öfter mal zu Hupkonzerten seitens der Autofahrenden führt. Auch das ist die Konsequenz eines Radwegenetzes: In Bonn existiert faktisch eine Art Illusion der Vollständigkeit – und Autofahrende denken, dass sie automatisch im Recht  sind, wenn sie sich über einen den Radweg verlassenden, weil abbiegenden Radfahrer aufregen. Dass dem ganz und gar nicht so ist, beweist §9 der StVO. Besser wäre es natürlich, wenn das Netz so ausgebaut wäre, dass es hier von vornherein nicht zu Verständnisproblemen käme. Meine eigene Erfahrung damit bestätigt das: Solche Abbiegesituationen sind richtig heikel. Einmal hielt ein Motorradfahrer sogar extra an, um mich mitten auf der Kreuzung zu stoppen und mit hochrotem Kopf anzupöbeln. Dabei wollte ich nur normal abbiegen und war im Recht – aber das dem armen Herrn in der Situation beizubringen, war hoffnungslos. So etwas ist unnötig, gefährlich und wird durch die Unvollständigkeit und Inkonsequenz des Netzes unnötig provoziert. (Aber immerhin: Besser, die Leute sehen mich und regen sich auf, als dass sie mich über den Haufen fahren.)

Ein weiterer Punkt, der die Note runterzieht, liegt laut GA in der schlechten Vereinbarkeit von öffentlichem Nahverkehr und Fahrrad. Und dieses Argument kann ich mehr als nachvollziehen: Möchte ich aus irgendwelchen Gründen (z.B. nicht enden wollender Sturzregen, Gewitter, Atombombenangriff) mein Rad mit der Stadtbahn nach Hause transportieren, dann kostet mich das mindestens 2,80 Euro pro Fahrt. Zusätzlich zum Ticket, das ich mir selbst noch kaufe – womit dann eine Fahrt in der Regel über 5 Euro kostet. Da wird man dann lieber doch richtig nass und ärgert sich schwarz über die unflexible und unpraktische Preisgestaltung. Tadaa, in Trier war das tatsächlich besser: Sofern die Busfahrer nicht extra weiterfuhren, wenn man mit dem Rad alleine an einer Haltestelle stand, nahmen sie einen ohne Aufpreis mit. Dort war dieser Service allerdings auch bedeutend wichtiger als im flachen Bonn: Zwischen Innenstadt und Campus gibt es knapp 120 Meter Höhenunterschied zu bewältigen – die fährt man auch mit Kondition nicht mal einfach so ab.

Verbesserungsbedarf wäre in Bonn also schon vorhanden. In Trier übrigens ebenso – auch wenn die Stadt laut Test als stärkster Aufholer gilt und zumindest nicht mehr auf dem viertletzten Platz landet.