Bonn mag keine Nazis. Und auch nicht Bogida.

und das ist auch verdammt gut so. Während ein Bogida-Blog auf tumblr mittlerweile unzweifelhafte Aussagen der Bogida-Fans auf Facebook sammelt, hat Volker Lannert meiner Meinung nach das beste Foto des Bonner Pegida-Ablegers machen können – da auf dem Bild sowohl die Veranstaltung der „Wir sind keine Nazis, aber…“-Fraktion als auch die mächtige Gegendemo aus der Vogelperspektive zu sehen ist:

© Volker Lannert / http://panoist.blogspot.de/
© Volker Lannert / http://panoist.blogspot.de/

Zur Erläuterung: Bogida / Pegida hält sich links von der Säule auf, die Gegendemonstration ist die das Bild füllende Menschenmasse.

3000 gegen 250, die Rechten mussten für dieses kleine Häuflein Elend gar Hools aus dem Saarland rekrutieren, damit es irgendwie nach mehr aussieht:

Es manifestiert sich also langsam der Eindruck, dass die „–gida“-Bewegungen im Westen keinen Fuß auf den Boden bekommen und selbst für ein paar hundert Leute massiv aus allen Landesteilen mobilisieren müssen. Währenddessen standen auf der Gegendemo tatsächlich viele BonnerInnen und zeigten den Rechten deutlich, wie willkommen stumpfer Rassismus und dämliche Vorurteile selbst in einer internationalen Stadt wie Bonn sind. Nämlich gar nicht.

Schon wieder Bogida

Man könnte denken, dass nach der überwältigenden Ablehnung des ersten Bonner Pegida-Ablegers am letzten Montag nun genug sei und die Rechten sich wieder zurückziehen. Das ist nicht der Fall, denn man gedenkt – mit stetem Verweis auf den Osten des Landes – nun erst einmal zu wachsen. Am kommenden Montag ereilt Bonn also noch einmal dasselbe „Bogida“-Spektakel, dieses Mal dann auch gefeatured von bundesdeutscher Prominenz aus der, äh, „medienkritischen“ Verschwörungstheoretikerszene:

ulfkotte-bogida
Ulfkottes Thesen gelten übrigens als umfassend widerlegt

Neben Ulfkotte scheinen sonst wohl wieder die üblichen Verdächtigen vor Ort zu sein. Über die Organisatorin von „Bogida“ und deren Querverbindungen zu Gruppen wie „Hogesa“, Pro NRW, der NPD und skurrilen Verschwörungstheoretikern habe ich mich bereits lang und breit mit einer kommentierten Linkliste geäußert. Bei der eigentlichen Demo am letzten Montag waren dann auch noch deutlich radikalere Redner mit vulgären Beiträgen vor Ort, so war unter anderem die Rede vom „heiligen Deutschland“ und dem „sozialistischen Dreckspack“, welches uns regiert. Die vermeintlich besorgten Bürger entpuppten sich als größtenteils stramm Rechte, unter ihnen auch ein gewisser Herr Mannheimer, der neben einem eigenen Blog gegen den „Linkstrend“ auch das Hetzportal Nürnberg 2.0 betreibt (+ Artikel des Deutschlandfunks) und vor Gewaltaufrufen ebenfalls nicht zurückschreckt. Noch Fragen? Wer also lediglich als besorgteR BürgerIn an „Bogida“ teilnimmt, muss sich wirklich nicht wundern, wenn einem dann die schreckliche „Nazikeule“ entgegen schlägt. Das geschieht in diesem Fall vollkommen zu Recht, denn nach all den Medienberichten, Youtube-Videos von Bogida-RednerInnen und deren Facebook-Seiten kann kein Zweifel mehr über die Intention dieser Veranstaltung bestehen.

In diesem Zusammenhang noch spannend ist das zuerst von einigen Leuten auf und nach der großen Gegendemo auch von der Bogida-Seite aufgeworfene Thema der scheinbar bezahlten Gegendemonstranten:

bogida-screenshot-mietdemonstranten

Soso, „aus internen Kreisen“ habe man das also erfahren – einen Beleg bleibt man natürlich schuldig. Daraus spricht dann schon, neben den üblichen Anschuldigungen, eine gewisse Verzweiflung. Zumal der von Bogida verlinkte ZDF-Beitrag rein gar nichts mit dem Pegida-Phänomen und seinen Gegenprotesten zu tun hat. Heiße Luft: Für den Bonner Raum gibt es außer leeren Behauptungen keinen einzigen ernstzunehmenden Hinweis dafür – denn gäbe es diesen, kann ich mir kaum vorstellen, dass die Rechten ihn nicht umgehend posten würden. (Sofern natürlich tatsächlich jemand für den Bonner Raum konkrete Hinweise für diese steile These vorweisen kann, würde ich mich über eine kurze Mail durchaus freuen. Denn ich würde mich auch gerne für’s in der Kälte rumstehen bezahlen lassen.) So viel Verschwörungsgeschwurbel bereitet die Bogidafans derweil prima auf Ulfkotte vor, der am kommenden Montag bei Bogida zu Gast sein wird.

Indes gilt wie auch am letzten Montag: Die Gegenveranstaltung (auch: Die Guten) findet wieder um 18 Uhr statt und freut sich über zahlreiches (leider unbezahltes) Erscheinen. Da „Bogida“ nun vor dem Rathaus demonstrieren möchte, wird sich auch die Gegendemo dort einfinden.

Impressionen von „Bogida“

Das war also die erste der „Bogida“ Demos in Bonn – ein paar Deutschlandfahnen, ca. 100 Rechtsextremisten und absoluter Stillstand. Da sich anscheinend die ganze Stadt – Rentner, Weihnachtseinkäufer, Familien, Studis, Kinder – gegen die Veranstaltung zur Wehr setzte. Wow. Unter den paar Rechten befanden sich unbestätigten Angaben zufolge auch das „Aktionsbüro Mittelrhein“ und einige aggressive Hools, die ich selber kurz am Rande der Demo erleben durfte. Mit Akif Pirinçci und Melanie Dittmer als akustisch weitgehend untergehende RednerInnen ließen die Rechten dann auch jedwede bürgerliche Fassade fallen. Die BonnerInnen selbst wussten das: Rundherum sah man sonst nur Gegendemonstationen und auch zahlreiche überraschte PassantInnen, welche die Veranstaltung der Rechten zumeist mit einem Kopfschütteln quittierten. Einige schlossen sich sogar den Gegendemonstrationen an und halfen dabei, die Rechten aus nächster Nähe niederzubrüllen.

Eine kleinere Gruppe besonders engagierter AntifaschistInnen brüllte dann auch kurz mal Parolen wie „deutsche Polizisten helfen den Faschisten“. Das war komplett überflüssig und tat der sonst generell friedlichen Atmosphäre keinen Abbruch – auch die Polizeibeamten vor Ort (mit denen ich nicht tauschen wollte) machten m.E. einen sehr guten Job an diesem Abend. Sie reagierten besonnen auf die wenigen Provokationen von beiden Seiten und schafften es auch irgendwie, die Rechten aus der Szenerie wieder herauszuschaffen. Allerdings war es lange wegen der vielen PassantInnen unmöglich, eine klare räumliche Distanz zwischen „NoBogida“ und „Bogida“ aufrecht zu erhalten. In der Vorweihnachtszeit ist auch ohne Demos einfach zu viel los in der Stadt, ein so riesiges Gebiet hätte wohl kein Einsatzleiter der Welt absperren können. Der von den Rechten geplante Marsch durch die Stadt wurde aus Sicherheitsgründen unmöglich.

Die Demo der Rechten - man blieb weitgehend unter sich, vorbeiströmende Passanten neigten dazu, ihre Abneigung zu deutlich zeigen
Im roten Kreis: Die Demo der Rechten – man blieb weitgehend unter sich. Viele der vorbeiströmenden PassantInnen neigten dazu, ihre Abneigung deutlich zu zeigen (vor dem roten Kreis)
Die große, angemeldete Gegendemonstration im Hintergrund. Laut Polizei ca. 3000 Menschen, die den Rechten die Show versauten.
Die große, angemeldete Gegendemonstration im Hintergrund. Laut Polizei ca. 3000 Menschen, die den Rechten die Show stahlen.

PEGIDA in Bonn: „Bogida“

Allem Anschein nach unternehmen besorgte Bürger Nazis nun auch im gemütlichen Rheinland den Versuch, über systematische Angstmache und Islamophobie ihre politische Agenda gesellschaftsfähiger zu gestalten. In Bonn soll die von ostdeutschen Entwicklungen inspirierte Aktion unter dem Namen „Bogida“ am 15. Dezember um 18:30 Uhr starten, über 1400 Facebook-Likes (viele allerdings von außerhalb) hat die eindeutige Seite bereits.

Eine Gegendemo mit dem Bündnis „Bonn stellt sich quer“ und der Linksjugend (+ FB-Link für aktuelle Infos) wird es ebenfalls geben, diese startet um 17:30 am Kaiserplatz in Bonn. Mehr Informationen zu den Motiven der neurechten Bewegung wie auch zu deren Verbindungen zu „Identitären“ und „HoGeSa“ finden sich zum einen auf dieser Seite der Antifa Köln und zum anderen bei der Aktion Refugees Welcome Bonn. Beides sind lesenswerte Stücke, die die vermeintlich besorgten Bürger auf solide Weise als Kleinkriminelle (Organisator der „Pegida“-Demo: Vorbestrafter Einbrecher…) und politisch  einschlägig Bekannte entlarven.

In diesem Zusammenhang scheint die Erwähnung der Person interessant, die Bogida in Bonn verantwortet. Organisiert wird die ganze Sache anscheinend von einer Frau aus Bornheim, die auf ihrer öffentlichen Facebook-Seite Banner mit der Aufschrift „Famile, Volk, Heimat, Kultur, Identität“ und „Deutschland wacht auf“ postet und auch mit dem Logo der „Identitären Bewegung“ klar macht, wessen Geistes Kind sie ist. Besorgte Bürger? Man kann sich ja selbst ein Bild machen. Wie sich bei Indymedia nachlesen lässt, scheint die Organisatorin ganz zufällig gut in der rechten Szene vernetzt und unter anderem „Sektionsleiterin der Identitären Bewegung Bonn / Rhein-Sieg“ zu sein. Und das sind natürlich keine Nazis, nein, niemals.

Eine Sache noch in puncto Indymedia: Ich weiß natürlich, dass diese Quelle von ganz linksaußen kommt und ein relativ unkontrolliertes Netzwerk ist. Einen Zweifel an deren Recherchearbeit habe ich aber derzeit nicht – schließlich sind die Belege durch Screenshots und das dort gezeigte öffentliche Facebookprofil der Organisatorin ganz gut (das lässt sich dann auch relativ leicht finden). Wovon ich mich an dieser Stelle allerdings mit Nachdruck distanzieren möchte, sind die bei Indymedia ebenfalls zu findenden Gewaltaufrufe gegen eben jene Frau (die ich hier nicht verlinken werde). Egal, wie sehr ich mit einer Gruppe oder Person nicht übereinstimme – Gewalt ist immer ein verdammtes No-Go, überall. Das können sich auch die paar Spinner hinter die Ohren schreiben.

Diskussion und Auseinandersetzung mit dem Thema muss der Weg sein. Man kann und muss gewaltfrei zeigen, dass bestimmte Ansichten Ekel hervorrufen. Und ich hoffe, dass viele engagierte BonnerInnen den plumpen Rechten von Bogida am 15. Dezember diese Auseinandersetzung bieten werden. Denn ich möchte nicht, dass diese widerwärtige Bewegung jemals etwas zu sagen hat in diesem Land.

“Als sie kamen, um die Juden zu holen, schwieg ich, weil ich kein Jude war. Als sie kamen, um die Kommunisten zu holen, schwieg ich, weil ich kein Kommunist war. Als sie kamen, um die Gewerkschafter zu holen, schwieg ich, weil ich kein Gewerkschafter war. Dann, als sie kamen, um mich zu holen, gab es keinen mehr, der für mich seine Stimme hätte erheben können.” – Pastor Martin Niemöller

„Es ist auch mein Zuhause, selbst wenn’s ein Zufall ist – irgendwann fällt es auch auf mich zurück“