Helgoland sehen und… Kuchen essen

Start nach Helgoland morgens um halb 4. Lahm, müde, tot. Eine kurze Pause auf der Fahrt, der Rest geht so durch bis Cuxhaven. Hallo Niedersachsen, ich war noch nie hier. Die Fahrt verläuft mit maximaler Ereignislosigkeit.

Cuxhaven. Ich nehme den Ort vor allem über seine vierspurige Straße war, die hinein und auch wieder hinausführt. Erst, als ich fast direkt am Fährhafen ankomme, biege ich auf eine einspurige, kleinere Straße ein. Und dann wird man auch schon vom Personal auf den Parkplatz zum Anleger reingewunken. So komme ich auch überhaupt gar nicht erst auf die Idee, noch irgendwo anders einen vielleicht günstigeren oder gar kostenlosen Parkplatz zu suchen. Das Auto steht stattdessen nun unmittelbar an der See. Sollte während meines Urlaubs eine Sturmflut über Cuxhaven hereinbrechen, schwimmt es eben weg. Viel darüber sinnieren kann ich nicht, denn dann geht es schon aufs Schiff. Außer einer Halle, einem Parkplatz und einem Haufen Wohnwagen bekomme ich von Cuxhaven nichts mit. Vorteil: Es geht ziemlich schnell und unkompliziert.

Das Schiff. Die Helgoland schippert einen Haufen Leute und mich zweieinhalb Stunden lang über die Nordsee. Ich finde nur mit Mühe einen Sitzplatz im Inneren des ästhetisch anmutenden Wasserfahrzeugs. Draußen ist es verdammt kalt. Zuerst gibt es nur Wolken und viel Wind. Später dann Sonne und viel Wind. Dies ist sehr erfreulich, hinten auf dem unteren der beiden Außenbereiche findet man im Windschatten des Schiffsaufbaus sogar ein lauschiges Plätzchen, um sich von der Sonne anstrahlen zu lassen. Die deutsche Nordseeküste verschwindet, wir sind nun unter uns auf dem Meer. Da ich alleine reise, nehme ich zwangsweise die Wortfetzen aus den Gesprächen meiner Umgebung auf. Deren Spannbreite variiert in etwa zwischen „Bla bla Wellen“, „Bla bla Helgoland“ und „Bla bla, …musste ne Tüte nehmen.“ Die Fahrt verläuft ohne Zwischenfälle, ich genieße das Meer und die Seeluft und die Tatsache, dass man auch zwischendurch, mitten auf hoher See, LTE-Empfang hat.

Helgoland. Nach Erreichen des Strandhotels und Bezug des Zimmers ziehe ich etwas übermotiviert los, um die Insel zu erkunden. Immerhin regnet es nicht, zwischendurch lässt sich die Sonne gerne blicken. Es treibt mich zuerst in den Süden, wo man am Meer riesige Betonblöcke aufgeschüttet hat. Wenn man über diesen steinigen Abschnitt bis zum Klippentor läuft, sieht man viele Überreste der alten Nazibunker, die offenkundig alle dem Big Bang zum Opfer fielen. Danach geht es nach oben auf den Klippenrandweg, den man relativ komfortabel über den Süden der Insel erreichen kann.

Der Weg selbst, der in luftigen stürmischen 50 Metern Höhe direkt am Meer um die Insel führt, ist atemberaubend. Die gefühlte Windstärke 24 sorgt dabei stets für ausreichend Frischluftzufuhr. Die Aussicht ist der helle Wahnsinn – und ebenso die wilde Tierwelt, die wie im Zoo oft nur wenige Meter vom Weg entfernt in Form von allerlei Vogelarten gastiert. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob wir Menschen nicht für die Tiere selbst die eigentliche Attraktion sind.

Stichwort Tierwelt: Mein nächstes Ziel, die Düne, erreiche ich nach heiterer Überfahrt mit der Witte Kliff. Das ist ein kleines Bötchen, das den Namen von Helgolands versunkener Landverbindung trägt. Davon ist allerdings nichts mehr übrig, es blieb nur die besagte Düne. Auf dieser ist die Bezeichnung Programm: Außer Sand (traumhafter, ausgedehnter weißer Sandstrand!) und zwei Landebahnen gibt es kaum etwas zu sehen. Ach doch, Biologen freuen sich wohl über Fauna und Flora, vor allem aber über die Kegelrobben. Jede Menge Robben. Zu den putzigen Flossenfüßern sollte man 30 Meter Abstand halten, das erzählen mir zumindest zig Schilder während meines Rundwegs um die Insel. Die meisten Fotografen und Touristen scheint das allerdings nicht zu interessieren. Zurück am Bootsanleger begegne ich einer Familie mit zwei jungen Kindern, deren Mutter interessiert die Aushänge studiert. „Guck mal hier“, zwinkert sie ihrem Jungen zu, „Möwen füttern darfst du hier gar nicht, kostet 500 Euro Strafe!“ Dann wandert ihr Finger einen Aushang weiter. Es heißt, man dürfe keine Steine am Strand zerschlagen, denn die Scherben gefährden Mensch und Tier und können zu heftigen Verletzungen führen. „Ruf mal sofort den Papa!“ Ihr gut bebauchter Mann schlurft heran. Typ kurzgeraspeltes Haupthaar, kein Bart, aber Schnäuzer. Kein Gesichtsausdruck. Auch ein Statement. Vielleicht mal bei der Bundeswehr gewesen, oder irgendein Verwaltungfachtyp. Er sieht auf den Aushang und kommentiert: „Gut, dass uns hier keiner beobachtet.“ Ich stehe zwei Meter daneben und bin vermutlich wegen meiner Sonnenbrille unsichtbar.

Zurück auf der Hauptinsel kippe ich mir in den Mocca-Stuben, die mehr oder weniger mein Stammlokal werden sollen, noch den berühmten Eiergrog in den Kopf. In der Lokalität sitzt eine Gruppe Biologen, die vor allem dadurch auffallen, dass ihre Imitationsversuche der Kegelrobben-Bullen mit zunehmendem Alkoholpegel immer besser werden. Vielleicht ist auch der eine oder andere Eiergrog als Ursache für die basslastige Geräuschkulisse zu nennen. Den gibts in dieser Form angeblich nur auf Helgoland. Schön für die Helgoländer; als ich die Mocca-Stuben verlasse, bin ich von einem Eiergrog und zwei Bier ziemlich angeschickert und möchte Biologe werden und Robben studieren.

Der zweite Tag ist wunderschön. Während das Festland und meine Heimat im Aprilgrau versinken, scheint mir hier die Sonne auf den Kopf. Auch Helgolands Nordstrand entpuppt sich bei diesem Prachtwetter als sehr hübsch. So hübsch, dass ich kurz im Sand einschlafe und mein Gesicht endgültig die Farbenpracht eines Krebses annimmt, während der Rest des Körpers unter der zwiebelartig verpackenden Winterkleidung geschützt bleibt. Schwimmen darf man eh nicht, die Strömung ist wohl recht gefährlich. Das weiß ich aus dem Internet, Warnschilder gibt es keine. Recht gefährlich ist dann auch der Strandabschnitt, der an die Klippen grenzt. Denke ich mir, als direkt davor stehe und begeistert nach oben gaffe. Sinnvollerweise entdecke ich später, auf dem befestigten Rückweg, ein Warnschild. Dort, wo ich rumgelaufen bin, hätte ich gar nicht sein dürfen. Dumm nur, dass das Schild nur vom Weg aus einsehbar ist, nicht aber vom Strand. Ich bin mir keiner Schuld bewusst und stelle mir bildlich vor, wie so eine 50 Meter hohe Klippe über mir mit Getöse kollabiert. Am Nachmittag besichtige ich noch die örtlichen Geschäfte. Helgoland ist zoll- und steuerfrei; in den Siebzigern und Achtzigern bedeutete dies, dass man hier günstiger einkaufen konnte als auf dem Festland. Wie wirkliche Schnäppchen wirken die Preise auf mich heute nicht mehr. Zudem ist die Auswahl etwas begrenzt. Es gibt zahlreiche Läden für Tabak und Whiskey; Parfüm und Whiskey; Tabak, Parfüm und Whiskey; Ferngläser und Tabak; Parfüm und Whiskey, Parfüm und Ferngläser; ein bisschen Schmuck, Bernstein aus der Ostsee…. Und unglaublich leckeren Kuchen. Ich glaube, ich habe selten so guten Kuchen gegessen. In den Achtzigern war also nicht alles schlecht.

Am dritten Tag folgte die obligatorische Inselführung, die in meinem „Helgoland entdecken“-Paket enthalten war. Dauerregen, aber in Bezug auf die Wassermengen harmlos. Im Rheinland würde man ‚fisseln‘ sagen (stimmhaftes s). Ich treffe dennoch hauptsächlich Leute in Regenhosen und perfekt abgestimmter Outdoor-Kleidung, Typ Jack Wolfskin; die Profis tragen Northface und im Wind flackernde Regenhosen. Überhaupt trifft man auf Helgoland sehr viele Menschen in sehr sauberen Wander- und Survivalklamotten an. Dabei gibt es eigentlich nicht viel zu wandern und auch nicht wirklich was zu surviven. Möchte man beide Inseln umrunden, erläuft man ungefähr sechs bis sieben Kilometer. Am ersten Tag lief ich einmal um die gesamte Haupt- und einmal um die Nebeninsel. In Jeans und Turnschuhen, teilweise barfuß, da das am Strand mitunter angenehmer ist. Aber wahrscheinlich ist das einfach Deutschland – wir müssen eben auch im Urlaub auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.

Zurück zur Führung. Ein nett wirkender älterer Mann erzählt ein paar nette Anekdötchen, den Satz „wir hatten ja nichts“ nutzt besagter Herr eher als Partikel und schiebt ihn gefühlt jeder einzelnen Aussage hinterher. Er berichtet vom derzeitigen Leid der Hoteliers, dass die Gastronomie kaum noch Arbeitskräfte finde. Wir mussten es früher ja machen, wir hatten ja nichts. Mittlerweile hätte man die Polen schon durch und sei bei Rumänen und Bulgaren angelangt. Die jungen Deutschen würden sowas ja nicht mehr machen, die wollten um 16 Uhr Feierabend haben. Früher ging das nicht, da hatten wir nichts. Zustimmendes, allwissendes Nicken der älteren Herrschaften um mich. Dass die Gastronomie deutschlandweit eventuell dasselbe Problem hat und zumeist grottenschlecht bezahlt, darauf kommt er natürlich nicht. Dann erzählt er noch einen Schwank aus der Zeit, als die Helgoländer zu Flüchtlingen wurden und in Norddeutschland breiter Feindseligkeit ausgesetzt waren. „Die Flüchtlinge, also zumindest wenn‘s richtige sind, mit denen würd‘ ich nicht tauschen wollen“, sagt er, der als Jugendlicher mit seiner Familie auf einem mit Stroh bedecktem Boden untergebracht war, „aber wenn man die heute zu den Bedingungen unterbringen würde wie damals uns, dann würd‘ die Luft brennen.“ Ich bin zunehmend froh, diese Führung nur als Gutschein bekommen zu haben. Rausgehen zu den Klippen mag er nicht mehr, denn es stürmt und regnet ziemlich, da würden wir alle nur nass. Ich sehe in die enttäuschten Regenhosen-Gesichter und empfinde Schadenfreude.

Später am Nachmittag folgt die Bunkerführung. Ein ebenfalls älterer Herr, weißer Bart, breites Gesicht, Mütze, Typ Seebär, trockener Humor, führt uns in die Unterwelt Helgolands. Über Bunker und deren Schutzwirkung auf Helgoland erfährt man im Grunde nichts, dafür ersetzt die Führung inhaltlich die Inselführung. Endlich eine kompetente Geschichtstour in wirklich historischer Kulisse. Ich bin derart begeistert, dass ich ihm am Ende noch das Info-Heft entreiße abkaufe und ordentlich Trinkgeld gebe.

An den letzten beiden Tagen genieße ich weitere Rundgänge über die Insel, futtere mich quer durch das üppige Kuchenangebot und feiere die Helgoländer für die Größe ihrer Kaffeetassen. Endlich mal ordentliche Kaffeetassen und endlich mal angemessener Filterkaffee anstelle der auf dem Festland so weit verbreiteten pseudo-italienischen Automatenplörre.

Helgoland, ich komme definitiv wieder. Zu Kaffee, Kuchen, Strand und Eiergrog.