„Neues“ Zivilschutzkonzept des Bundes?

Das Bundesinnenminsterium präsentiert also am Mittwoch ein neues Zivilschutzkonzept. Da alte Bunkerbauten, vor allem die aus dem Kalten Krieg, ein Hobby von mir sind, interessiert mich so eine Meldung natürlich. Und vielleicht kann man sie auch besser einordnen, wenn man sich schon etwas öfter mit der Materie beschäftigt hat. Vor allem interessiert mich die Frage, was davon die eigentliche Neuigkeit darstellt – dass man Vorräte bunkern sollte, ist es nämlich nicht.

Zunächst ist im Konzept wohl tatsächlich die Rede von Bevorratung. Das ist gerade das Thema, auf das sich die deutsche Medienöffentlichkeit stürzt – vor allem auf Twitter unter dem Hashtag #Zivilschutzkonzept. Okay, das ist legitim, denn wenn man sich noch nie damit beschäftigt hat, mag das zunächst einmal krass klingen. Laut FAS heißt es im Papier konkret, dass die Bevölkerung dazu angehalten werden solle, für fünf Tage Wasser vorzuhalten. So weit, so wenig neu. Empfehlungen zur Notfallbevorratung von Lebensmitteln gab es von Seiten des Bundesamtes für Bevöllkerungsschutz- und Katastrophenhilfe schon immer. Wenn man das vorher nicht auf dem Schirm hatte, kann man unter Umständen durchaus überrascht sein, ja.

Was mich an der Diskussion hingegen stört, ist, dass zwei wesentliche Aspekte völlig untergehen. Denn zum einen wird, sofern die Meldungen stimmen (!), der bisherige Standard des BBK, einer Behörde aus dem eigenen Hause, damit erheblich aufgeweicht. Hier werden bislang nicht fünf Tage Wasservorrat nahegelegt, sondern 14. Vierzehn. Im Grunde würden bisherige Zivilschutzszenarien durch das neue Konzept also eher geschwächt. Zumindest in puncto Vorräte. Das ist eine Neuigkeit.

Der andere Punkt, über den man m.E. mehr diskutieren sollte: Im eingangs verlinkten FAS-Artikel finden sich Formulierungen wie beispielsweise diese hier:

„Erörtert wird außerdem die Notwendigkeit eines verlässlichen Alarmsystems, einer Härtung von Gebäuden und ausreichender Kapazitäten im Gesundheitssystem.

(…) Eingriffe in die Verkehrslenkung, wenn die  Bundeswehr Kampfverbände verlegen muss.

(…) sind Vorkehrungen zu treffen, um die Aufgabenwahrnehmung einer Behörde an einen anderen, geschützteren Platz (Ausweichsitz) verlagern zu können. (…) kam bei einer internen Bestandsaufnahme heraus, dass die bisherigen Vorkehrungen gänzlich unzureichend sind.“ 

Auch das sind Neuigkeiten. Denn diese Aussagen brächten nicht unerhebliche Konsequenzen mit sich.

Ein paar (vielleicht überspitzte) Fragen, die ich mir dazu stelle:
Reicht die Warn-App NINA nicht aus? ( = Kommen die Warnämter aus dem Kalten Krieg zurück? Wie soll das konkret ablaufen?)
Wie härtet man denn bestehende Gebäude? ( = Einbau von Bunkertüren und drucksicheren Räumen in den Kellern? Reaktivierung der Zivilbunker und Schulschutzräume?)
Was sind ausreichende Kapazitäten im Gesundheitssystem? (Werden die Notkrankenhäuser wieder betriebsbereit gemacht?)
Was bedeuten Eingriffe in die Verkehrslenkung? (  = könnte es sein, dass hier auch auf das Thema Autobahn-Landeplatz angespielt wird?

Und last but not least wird die Ausweichsitzplanung explizit angesprochen. Mein Quasi-Lieblingsthema. In der Dokumentationsstätte Regierungsbunker erzählen wir den Leuten seit dem Jahr 2013, dass unser Kenntnisstand von einer weitgehend abgeschlossenen Ausweichsitzplanung des Bundes ausgeht; die Bundesregierung und die Behörden also über entsprechende, aktuelle Liegenschaften dafür verfügen. Die Angabe basiert unter anderem auf Aussagen von Bundestagspräsident Lammert und des BBK. Nun ist das laut neuem Konzept offenbar völlig unzureichend und es muss nachgebessert werden. Oder ist gerade einfach eine gute Gelegenheit, diese (auch finanziell) heiklen Planungen endlich mal in Gesetzesform zu gießen?

Würde ich derzeit als Journalist arbeiten, wären das meine Schwerpunktlegungen bei diesem Thema. Und nicht die Frage, wie viele Liter Wasser oder wie viele Powerbanks man für den Katastrophenfall im Keller rumfliegen haben soll.

Update: Als ob mein Gemoser erhört worden wäre, hat sich die FAZ einer doch recht sachlichen Hintergrund-Beleuchtung angenommen.

Drucktor in der Trierer Tiefgarage am Viehmarkt. Eine der modernsten Bunkeranlagen Deutschlands, fertiggestellt 1993.
Drucktor in der Trierer Tiefgarage am Viehmarkt. Eine der modernsten Bunkeranlagen Deutschlands, fertiggestellt 1993.

Ausweichsitz Rheinland-Pfalz – ein „Atombunker light“

"Atombunker light" im beschaulichen Rheinland-Pfalz
„Atombunker light“ im beschaulichen Rheinland-Pfalz

Kurze Eigenwerbung: An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass wir am 2. November unsere jährlichen Führungen durch den ehemaligen Ausweichsitz der rheinland-pfälzischen Landesregierung anbieten werden. Der Anfang der 80er Jahre entstandene zweigeschossige Atombunker mit etwas über 1100 Quadratmetern Nutzfläche liegt in Alzey – circa eine halbe Stunde entfernt von der Landeshauptstadt Mainz – ganz unauffällig unter der Turnhalle des Staatlichen Aufbaugymnasiums. Die Kreisverwaltung Alzey verwendet die ausgeräumte Anlage heute als Lager, trotzdem ist die technische Einrichtung (ABC-Filter, Netzersatzanlage) noch weitgehend erhalten. Wir werden mit der ersten Gruppe morgens um 10 starten (Treffpunkt Turnhalleneingang); eine Anmeldung wäre von Vorteil, muss aber nicht zwingend sein. Denn Führungen wird’s den ganzen Tag über im 40-Minuten-Takt geben (eventuell etwas Wartezeit einkalkulieren).

Dekonschleuse, Abwurfschacht für verseuchte Kleidung
Dekonschleuse, Abwurfschacht für verseuchte Kleidung

Während einer solchen Führung bekommen die Gäste beide Etagen der äußerlich eher unauffälligen Anlage zu sehen. Unsere Route führt durch ehemalige Büros der damaligen Verkehrs- und Landwirtschaftsministerien im 2. UG und auch mitten durch die technische Einrichtung im 1. UG hindurch. Mit Notstromsystem, Diesel- und Wassertanks sowie Luftfiltern sollte die Anlage der Landesregierung ermöglichen, im Krisen- oder Kriegsfall zwei Wochen lang unabhängig von der Außenwelt handlungsfähig zu bleiben. In den Lage- und Kommunikationszentren des Bunkers wird dann im letzten Drittel der Tour erklärt, welche Szenarien für das Bundesland in geheimen NATO-Übungen innerhalb der Anlage durchgespielt wurden – und somit auch, was das Land in einem Kriegsfall wohl erwartet hätte. (Spoiler: Es sah nicht unbedingt gut aus.)

Bis auf die dicke Betonarmierung zum Parkplatz der Schule ist das Bauwerk eher unscheinbar
Dickes Fundament für eine Turnhalle: Bis auf die massive Betonarmierung zum Parkplatz ist das Bauwerk eher unscheinbar

Mehr Informationen zu Eintritt, Zeiten und Anfahrt gibt hier. Falls jemand schon einmal vorab sehen möchte, was man dabei so erwarten kann – ein kleiner Video-Teaser findet sich im Sat1-Archiv. (Die öffentlich-rechtlichen Sender haben uns auch schon besucht, aber deren Filmbeiträge sind leider nirgendwo mehr aufzufinden.)

Wir freuen uns jedenfalls über jedeN einzelneN BesucherIn – die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Führungen trotz der spärlichen Ausstattung des Bunkers immer auf äußerst positive Resonanz stießen.

Schutzräume auf meinem Weg durch Bonn (Vorbereitung Zombie-Apokalypse)

Obacht: Dieser Beitrag handelt erneut von Bunkern. Der Nächste wird garantiert wieder von etwas anderem handeln, aber es ließ sich gerade einfach nicht anders einrichten. Denn das, was mir neulich mehr nebenbei auffiel, sollte zumindest erwähnt werden – weil es mich als Bekloppten „vom Fach“ selbst amüsierte und für BonnerInnen vielleicht gar nicht uninteressant ist.

Auf meinem Weg nach Trier – den ich vom schönen Plittersdorf öfter mal fahren werde in diesem Sommer – durchquere ich mit der Stadtbahn gleich drei Bunkeranlagen. Nicht irgendwelche Nazidinger, sondern moderneren Kram aus dem Kalten Krieg. Was in Bonn per se keine Überraschung ist, denn die ehemalige Bundeshauptstadt wurde damals im Vergleich zu anderen Städten recht solide untertunnelt. Was mich überrascht hat, ist eher, dass ich sowieso nur drei Haltestellen Stadtbahn bis zum Bahnhof in Bonn – Bad Godesberg zu fahren habe – und alle drei sind ausgebaute Zivilschutzanlagen. Wenn also nun plötzlich beim Sitzen in der Stadtbahn die Zombie-Apokalyse losbricht, kann ich bequem an der Wurzerstraße, der Plittersdorfer Straße oder direkt in der Godesberger U-Bahn-Station rausspringen. Diese Stationen können unter der Erde hermetisch abgeriegelt werden, nach oben hin wie zu den U-Bahn-Tunneln. Zumindest ein paar Stunden ließen sich hier also sicher verbringen. Bis man dann mal auf Klo muss oder Hunger bekommt. Denn es war auch im Kalten Krieg nicht vorgesehen, hier irgendwelche Lebensmittel zu lagern. Sanitäranschlüsse u.ä. müssten auch erst einmal installiert werden, genauso wie Betten (Pritschen) und andere Einrichtungsgegenstände. Diese für eine Zombie-Apokalypse eher unvorteilhafte Auslegung geht auf die Vermutung eines relativ langen Vorlaufs zurück, der dem atomaren Inferno der 60er/70er/80er-Jahre-Kriegsspielchen stets vorausging. Man bräuchte also erst mal eine Weile, bis man so einen Atombunker für Zivilisten ans Laufen brächte. Zwei Wochen, um’s genau zu sagen. Wieso und warum öffentliche Schutzräume nicht von heute auf morgen funktionieren können, habe ich letzten Sommer hier näher erklärt. Der Artikel handelt zwar von einer Trierer Anlage, aber die Sachlage ist im Prinzip identisch. Fun Fact: Atombunker funktionieren fast immer auf dieselbe Weise. Ob in Bonn, Trier, Berlin oder Woauchimmer. Auch der Großschutzraum unter dem Bonner Hauptbahnhof, von dessen Existenz immer noch viele nichts wissen, funktioniert nach demselben Muster. Darüber hat Christoph Lubbe einen sehr lesenswerten und schön bebilderten Artikel geschrieben (den Herrn Lubbe kann man übrigens des Öfteren bei unseren bunker-doku.de-Führungen live erleben).

Und was macht man, wenn die Zombies in der U-Bahn rumlaufen? Dann könnte man versuchen, in einen der zahlreichen Schulschutzräume oder gleich in den Godesberger B9-Tunnel zu gelangen. In Letzterem hätten gleich 7200 Menschen Platz. Gemütlich wäre das allerdings nicht unbedingt und das Problem mit der langen Vorbereitungszeit gibt es auch hier. Nicht unbedingt die beste Lösung, wenn es schnell gehen muss.

Regierungsbunker und Spiegel-Affäre

Es war die Hochphase des Kalten Krieges, mit Bunkerbau, Kubakrise, Mauerbau, der Angst vor dem sogenannten inneren Feind – auch vor der Presse -; und der berüchtigten NATO-Übung „Fallex 62“. Die Ergebnisse aus Letzterer wurden dann zur Grundlage des SPIEGEL-Artikels ‚Bedingt abwehrbereit‘, was der Beginn einer Staatsaffäre war, die mit der Stürmung der Redaktion, Festnahmen, dem Vorwurf des Landesverrats und am Ende dem Rücktritt von Franz-Josef Strauß ihren Höhepunkt fand.

Eine anschauliche Dokumentation zum Thema strahlte die ARD am Mittwochabend aus und ist nun als Stream abrufbar. Auch Wolfgang Müller, Gästeführer in der Dokumentationsstätte Regierungsbunker, kommt hier zu Wort. Denn „Fallex 62“ blieb nicht das einzige NATO-Manöver, spätere Fallex- und Wintex-Übungen spielten sich im Zwei-Jahres-Rhythmus auch mit teilweise bis zu 2500 Teilnehmern in der Bunkeranlage im Ahrgebirge ab. Geprobt wurden Szenarien vom Spannungs- bis Verteidigungsfall, die zumeist von einem atomaren Inferno als Finale ausgingen. Ich mag die Offenheit dieser Dokumentation: Wie bei unseren Führungen im alten Regierungsbunker wird hier kein Blatt vor den Mund genommen und klar formuliert, was mit Deutschland (Ost wie West) im Falle einer militärischen Eskalation passiert wäre – und was die damalige Bonner Bundesregierung mit einem Zeitfenster von 30 Tagen unter der Erde hätte anfangen sollen.

Vermutlich wird die ARD diesen wirklich sehenswerten Film aber nur etwa zwei Wochen lang streamen – wer ihn also sehen möchte, sollte sich beeilen.

Objekt 5001: Der „Honecker-Bunker“

Die Meisten haben davon schon gehört, viele kennen sie: Über 350.000 Menschen waren seit der Eröffnung im Jahr 2008 schon zu Besuch im alten Bunker der (westdeutschen) Bundesregierung in Ahrweiler. Die Dokumentationsstätte Regierungsbunker ist eine Erfolgsgeschichte, wie sie sonst kaum ein deutsches Museum vorweisen kann. Dabei war es historisch betrachtet großes Glück, dass von dem ehemals 17 Kilometer langen unterirdischen Atombunker im Ahrgebirge überhaupt die heutigen 200 Meter übrig blieben, um sie museal nutzen zu können. Das Interesse an dem Thema wurde weithin unterschätzt – hätten die Verantwortlichen in der Politik im Jahr 2001, zu Beginn des „Rückbaus“, geahnt, wie viele Besucher die heutige Dokumentationsstätte fluten würden, dann wäre es durchaus möglich gewesen, wesentlich mehr der alten Anlage als Museum und historisches Mahnmal für zukünftige Generationen zu erhalten. Stattdessen pumpte das Land Rheinland-Pfalz vor allem jede Menge Geld in den Nürburgring-Freizeitpark, mit den altbekannten Folgen…

Auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gab es mehrere Pendants zu den westdeutschen Bunkeranlagen – zu den wohl berüchtigsten Bauwerken zählt der „Bunker 17/5001“ in Prenden, im Volksmund auch als „Honecker-Bunker“ bekannt. Heute schimmelt die Anlage in Ruhe vor sich hin – aber noch ist sie vollständig erhalten. Das Bauwerk steht seinem Gegenstück in Ahrweiler in nichts nach – zwar ist der Komplex von der Fläche her deutlich kleiner, aber dafür ist die technische Ausstattung ein beeindruckendes Zeugnis der Ängste damaliger Staats- und Regierungschefs. Kosten und Mühen wurden nicht gescheut – so hängt ein Teil des Innenlebens hängt komplett gefedert im Betonrahmen, um mögliche Druckwellen abfangen zu können. Der ganze Bau ist enorm aufwendig, auch bedingt durch die spätere Bauzeit als der Bunker in Ahrweiler.

Ohne nun in nerdige Technik-Schwärmerei ausbrechen zu wollen: Wenn Regierungen solche Anlagen aus Angst vor einem Atomkrieg bauten, dann zeigt das, wie ernst die Lage im kalten Krieg tatsächlich war. Und es sollte möglich sein, diese Ängste und Befürchtungen, die die gesamte Weltpolitik dominierten, auch in Zukunft anschaulich darstellen und erklären zu können. In Ahrweiler wird das bereits getan, in Prenden möchte man dieses Ziel ebenfalls erreichen. Ein Team von fähigen Leuten arbeitet daher zur Zeit hart daran, einen Erhalt und eine damit einhergehende museale Nutzung möglich zu machen. Das Projekt ist enorm aufwendig und hochinteressant, zumal der „Honecker-Bunker“ im Gegensatz zum Ahrweiler Regierungsbunker nicht nur ein kleines Stückchen vom ehemals Dagewesenen bietet, sondern gleich ein weitgehend vollständig erhaltenes Gelände mitsamt vollständiger Bunkeranlage. Die Chance, die man seinerzeit im Westen durch die Verschrottung von über 99 Prozent des Innenlebens verstreichen ließ, sollte man also nun wirklich nutzen.

Daher: Schaut auf den Seiten des Projekts 5001 vorbei, informiert euch, teilt den Link in euren Netzwerken und unterstützt unbedingt die daran angeschlossene Crowdfunding-Kampagne, damit der Traum eines Museums Wirklichkeit werden kann. Nirgendwo lässt sich – auch gerade für Kinder – besser und anschaulicher vor Augen führen, zu welchen Auswirkungen Waffenwahn und Atombombenbau führten und hätten führen können.