Dinge, die…

geschafft sind: Zweites Staatsexamen. Endlich Lehrer, voll ausgebildet, ganz offiziell. Check. Wahnsinn. Irre. Gefühlt passendster Vergleich: Das fiese Elfmeterschießen, nach dem man im Spiel (Referendariat) über die ganze Partie hinweg ein halbwegs gutes Spiel geliefert hat und am Ende schon ziemlich abgekämpft ist. Trotzdem geht es am Schluss um alles oder nichts. Fürs Protokoll: Fühlte mich noch nie in meinem Leben vor einer Prüfung so schlecht. Und danach noch nie so gut.

abonniert sind: Spotify Premium. Hat mich doch geködert. Gutes Angebot und cleverer Algorithmus, um neue Bands kennenzulernen. Ideale Ablenkung und perfekt zum Runterkommen während der Prüfungsvorbereitung. Der eigentliche Grund für das Anschaffen der Bezahlvariante aber sind neue Kopfhörer fürs Smartphone, die

gekauft wurden: Sonys MDR-ZX330BT überzeugen schon sehr. Strammer Bass, aber – und das ist mir ja wirklich sehr wichtig – kein dumpfer Klang. Insgesamt schön ausgesteuert, so muss das sein. Kein Kabel mehr, 30 Stunden Akkulaufzeit, im Amazon-Blitzangebot stark vergünstigt geschossen. Läuft bei mir.

gemacht werden: Die weitere Zukunft recht intensiv vorbereiten. Mal sehen, was dabei so rumkommt.

Also ja. Ich lebe noch, dieses Blog lebt noch und es geht alles immer weiterweiterweiter…

Nicht-Ort, die zweite

Ach hallöchen, liebes V., alte Kackbratze. Lange habe ich nicht mehr über dich hergezogen, da müsste es doch eigentlich einmal wieder Zeit werden, dachtest du dir ganz bestimmt, denn als wenig liebgewonnene Einöde im Brachland der Zülpicher Börde gibt ja auch sonst für dich und deine Nörgelbürger nichts zu lachen. Ja, jedenfalls, V., eben diese Nörgelbürger haben sich nun einen neuen Nörgelstreich ausgedacht, der mir recht gut in dein perfektioniertes Bild zu passen scheint, ja deinen gesamten Existenzsinn: nämlich möglichst jeden Besuch von außerhalb maximal unangenehm zu gestalten. Dies gelingt dir heute auf neue, perfide Art, denn die Ordnungshüter, die du gezielt auf die den Seminarstandort umgebenden Parkplätze ansetzt, haben es natürlich auf uns, die völlig überbezahlten und daher finanziell teilungsfreudigen Referendare abgesehen.

Freilich, V., man muss es dir lassen: In Deutschland gelten immer noch Recht und Ordnung. Darauf legst du Wert, das ist dir wichtig. Bei dir kann nicht einfach jeder irgendwo sein Auto abstellen. Wo kämen wir denn da hin – also schon schon mal nicht zu dir. Vor allem darf man seinen Wagen auf keinen Fall auf den Parkplätzen rund um das von dir so verhasste Studienseminar für die Lehrerausbildung abstellen, denn wir seien ja schließlich, wie deine Ordnungshütenden mahnend feststellen, Zitat, „jung und dynamisch (…) und können gefälligst vom Ortseingang zum Seminar laufen.“ Was du dabei ignorierst: Jung und dynamisch ist bei End-20ern und Anfang-30ern durchaus schon mal Definitionssache, und selbst wenn es so wäre, scheint diese wohlfeile Charakterisierung bei strömendem Regen nicht zielführend. Aber egal, was kümmert’s dich, V., du musst schalten und walten und die leeren Parkplätze leer halten. Und natürlich mit den Ordnungsgeldern deine Finanzen aufbessern. Drum können auch deine Nörgelnden brav hinter ihren Gardinen hocken und darauf lauern, dass erneut fußlahme und überraschend wenig dynamische Referendare die maximale Parkdauer von zwei Stunden um wenige Minuten überschreiten.

Was ich dir jedoch dringend empfehlen möchte: Schaffe Verbindungen mit Bus und Bahn zu dir. Auch wenn deine eigenen Schildbürger möglicherweise nie mit solchen Verkehrsmitteln führen, denn wozu sollte man schon über seinen eigenen Horizont blicken – viele von uns würden sie sicher nutzen. Und: Stelle Schilder in deinen Seitenstraßen auf. Zum Beispiel solche hier: Halteverbot

Dann wird sich auch niemand mehr mit seinem Auto in deine Sträßchen verirren. Sowieso wird sich ab September niemand mehr von uns in deinen Ortskern verirren. Wozu auch? Man kommt ohne Auto nicht hin, darf aber gleichzeitig nirgendwo parken und zu sehen oder zu verweilen gibt es gleich auch nichts.

10/10

Es gibt so einen Punkt in diesem Referendariat… den ich jetzt mal als 10/10 bezeichne (sprich: zehn von zehn). Halten wir das bisher Erreichte einmal kurz fest:

  • zehn Unterrichtsbesuche: Done. 10/10. Finito. Pflichtprogramm erledigt.
  • über ein Jahr mehr oder weniger guter Unterricht in
    • Ausbildungsklassen und -kursen, also denen, wo einem ständig ein/e Mentor/in auf die Finger schaut und man regelmäßig zerlegt wird
    • „bedarfsdeckendem Unterricht“ – also jenen Kursen, für die man selbstständig die Verantwortung über das ganze Schuljahr trägt und die dem Land die Einstellung von mehr Lehrern ersparen, da es ja auf absehbare Zeit immer genug Referendare geben wird…
  • zahlreiche Klassenarbeiten und Klausuren, die alle zeitnah korrigiert werden wollten. Was vor allem dazu führte, dass ich den Begriff „zeitnah“ völlig neu definieren musste. In der Tat: Die endlos scheinende Dauer für eine einzelne korrigierte Oberstufenklausur (aber auch zum Beispiel eine Deutsch-Klassenarbeit in einer 9. Klasse) ist mit die größte Überraschung, die der Lehrerberuf für mich mit sich brachte.
  • das Erkennen der eigenen Stärken – und der Tatsache, dass Classroom Management und Akzeptanz bei SchülerInnen jeglicher Altersgruppen wohl mein geringstes Problem ist. Wieder eine Überraschung: Ich erwartete das definitiv anders und auch Außenstehende sprechen einen, sobald das Thema Lehrer fällt, zumeist in einem suggestiven „Ist bestimmt krass mit den Kindern heutzutage, oder?“-Duktus an. Also halten wir das hier offiziell für alle fest: Nein, ist es nicht. Die Kinder heutzutage sind viel netter als wir in unserer eigenen Schulzeit.
  • die Einsicht, dass das Berufsbild unfassbar komplex und anspruchsvoll ist, enorme Selbstdisziplin und -Strukturierung voraussetzt, gleichzeitig aber auch richtig Spaß macht. Meistens kam ich zwar nie zu den Sachen, die richtig Spaß machen, aber egal. Theoretisch macht es wirklich richtig Spaß. Zum Beispiel Lektüren mit SchülerInnen durchnehmen. Super Sache.
    • bis auf Woyzeck. Woyzeck habe ich hassen gelernt. War bis dato gar nicht so klar. (Ja, auch Lehrer finden manche Bücher aus dem Lehrplan doof. Kommt vor.)
  • last but not least: Don’t even try to hide in the internet. They will find you. Ist aber in Ordnung. Meinen Umgang mit sozialen Medien habe ich nicht im Ansatz geändert. Auch das gehört für mich dazu: sich einfach nicht zu verstellen. Denn auch SchülerInnen können ruhig wissen, dass der komische Vogel vor der Tafel ein Mensch ist.

Wie geht es nun weiter? Ruhiger. Noch drei Wochen Schule, Gutachten hinterher rennen, Bürokratie meistern, Arbeiten fertig korrigieren, Noten festlegen, Sommerferien, Spaß mit Johannes und Sascha, Spaß in Schottland, Staatsexamen planen, und im September folgt dann der große Tag X mit zwei praktischen und einer theoretischen Prüfung. Läuft.

Notizen: Referendariat – dickes Fell

Derzeit häufen sich meine persönlichen Jubiläen – manche weniger, manche mehr erwähnenswert. Zu letzteren gehören definitiv die zwei Jahre Blog mit *.de-Domain und quasi auch noch zeitgleich ein Jahr Referendariat. Von den Betroffenen zumeist nur „Ref“ genannt – die Zeit, die einem gefühlte 99 Prozent der erfahrenen LehrerInnen bei jeder Begegnung als ihre persönliche Hölle beschreiben.

Auch die Zeit, in der einem die für die eigene Ausbildung verantwortlichen Leute erläutern, man solle auch unbedingt auf seine Partnerschaften aufpassen, die fielen ja zu schnell hinten runter. Stets in diesem „Wir wissen, worüber wir reden“-Duktus.

Die Zeit, in der die FachleiterInnen Witzchen darüber machen, dass man als Referendar gar nicht erst versuchen sollte, Rechtfertigungen zu verhindern, da man sich eh dauernd rechtfertigen müsse.

Tatsache: Man braucht wirklich ein verdammt dickes Fell. Tatsache Nr. 2: All das wusste ich vorher und habe mich trotzdem darauf eingelassen. Sehenden Auges in die Kreissäge rennen, oder so. Es ist eine Zeit voll Rechtfertigungsdruck und Dauerbewertung. Phasen ständiger Korrektur, Kritik und Benotung von außen wechseln sich mit Zeiten kritischer Selbstreflexion, ständigen Verbesserungsversuchen, erneuten Feedback-Loops und  gelegentlichen Totalzusammenbrüchen ab. Ganz nebenbei trägt man auch noch eine riesige Verantwortung für einen Haufen SchülerInnen.

Und dabei habe ich echt noch Glück. Mein Seminar ist im Großen und Ganzen gut strukturiert, über die Schule würde mir kaum ein schlechtes Wort über die Lippen gehen. Eigentlich also eine perfekte Ausgangslage: Man kommt gut mit den KollegInnen klar, die Kids sind völlig in Ordnung und ziehen bei Unterrichtsbesuchen gut mit, das Feedback der MentorInnen und FachleiterInnen ist zumeist konstruktiv.

Und trotzdem treibt einen das Dauerfeuer an die eigenen Grenzen: Es geht richtig an die Substanz. Die Kombination aus Workload (ich bin zum ersten Mal in einer Situation in meinem Leben, in der mir die Benutzung dieses Worts gerechtfertigt scheint) und Dauerbewertungssituation bei gleichzeitig extrem hoher Verantwortung schleift mich so langsam runter. Man kommt nicht selten an den Punkt, an dem man sich fragt, ob man wirklich noch etwas lernen kann. Und dabei gibt es – wie überall im Leben – immer etwas zu lernen. Im Ref ist dieses Lernen nur eben ökonomisch komprimiert auf anderthalb Jahre. Verdammt wenig Zeit. Und oft bleibt nur das Gefühl, nicht hinterher zu kommen.

Endspurt bis September. Wie in meiner Branche üblich gibts dazu nur eine unübersichtliche Aussicht auf die Zukunft.

Motivieren muss man sich mit anderen Dingen. Indem man sich zum Beispiel immer wieder vor Augen hält, wie hart es anderen Refs ergehen kann. Jenen, die keine so gute Schule und nicht so ein angenehmes Seminar erwischt haben.

Absolutes Glück im Chaosfall, man weiß das zu schätzen.

Deutschland braucht mehr LehrerInnen…

…also beschränken wir erst einmal die Zulassung für den Vorbereitungsdienst. Nur konsequent, denn was Rheinland-Pfalz und diverse andere Länder schon lange praktizieren, das möchte Bayern nun auch. Darüber regen sich manche KollegInnen mächtig auf, bringen wird es vermutlich nichts.

Ob mein mittlerweile heimisches NRW (der Autor dieses Blogs ist sozusagen ein Wirtschaftsflüchtling aus Rheinland-Pfalz… guess why) irgendwann auch auf die Idee kommt, bleibt allerdings zu bezweifeln. Denn hier fährt man dem Vernehmen nach noch recht gut damit, feste Lehrerstellen durch selbstständig unterrichtende Referendare zu ersetzen. Ergo braucht man recht viele von diesen und ergo gibt es auch keine Zulassungsbeschränkung. Die Lehrkraft in der Ausbildung nimmt sich also ihren eigenen Job weg. Trostpreis: Im Gegensatz zu anderen Bundesländern kann man nach dem Studium hier wenigstens noch die Ausbildung abschließen. Wohl auch ein Grund, warum NRW so viele Refs aus besagten anderen Bundesländern anzieht. Düster sind die beruflichen Perspektiven ja überall, nur hier kann man wenigstens sein zweites Staatsexamen abschließen. (Sieht im Lebenslauf besser aus, wenn ich mich nachher umorientieren und woanders bewerben muss.)

Machen wir uns nichts vor: Auch wenn der Bedarf an Lehrerstellen vor allem aufgrund der Flüchtlingsproblematik steigen wird – das bedeutet noch lange nicht, dass diese auch tatsächlich geschaffen werden. Stattdessen spricht vieles dafür, dass die Gesamtsituation von der Politik wieder einmal verschlafen und eine gigantische Chance für dieses Land vergeben wird. Zulassungsbeschränkungen sind jedenfalls falsch, und die gegenwärtige Praxis ist es ebenso.

Notizen

Wow. Wahnsinn. Was für eine Zeit. Gleich bei zwei Konzerten mit der eigenen Band am Wochenende die Hütte(n) abgerissen, einmal in Bergisch-Gladbach (seltsamer Ort, aber sehr nette Leute) und tags darauf irgendwo im Westerwald (noch seltsamerer Ort, aber ebenfalls sehr nette Leute). Dann sonntags noch Führungen unter der Erde veranstaltet und zwischen all dem Schulkram vorbereitet und die Geschwisterchen im Ahrtal besucht. Frei? Ich? Nö, eher nicht. Dann ging es gleich weiter ins Studienseminar, von 8 bis 17 Uhr, und im Anschluss wird man zwischen Ausbildungsunterricht (=sehr, sehr viel Arbeit und viel [sinnvolle] Kritik), selbstständigem Unterricht (=mehr Stunden) und Unterrichtsbesuchen (vielen mehr als Lehrproben geläufig) zünftig zu Mehl verarbeitet. Bis zu den Herbstferien seit Wochen kein freies Wochenende. Vom Faulus zum Paulus (äh?). Oder so in der Art. Dabei war ich doch gar nicht so. Aber jetzt irgendwie schon. Und es macht auch noch Spaß. Alles, irgendwie. Man kann so leben. Verdammt. Jedenfalls läuft es definitiv nicht so wie bei AnnenMayKantereit in diesem Liedchen hier:

Denn getanzt wird auch noch.

Du Nicht-Ort

Genau du, liebes V., herrlichster Seminarstandort, du alte monofunktional genutzte Fläche im anti-urbanen Raum. Dir fehlt es an allem, vor allem aber an Kultur, Geschichte, Relation und Identität; bist gezeichnet von kommunikativer Verwahrlosung galore und bewohnt von ein paar nörgelnden Menschen, die der trostlosen Tristesse des nichtigen Niemandslandes zwischen Aachen und Euskirchen lediglich ihr heiliges Vorrecht auf die frei zu haltende Straße vor dem eigenen Klinkerhäuschen entgegenzusetzen haben. V., du bist echt hässlich und hier darf ich mein Auto nirgendwo parken, obgleich die Straßen stets frei sind und nirgendwo Verbotsschilder stehen. Aber solch rasende Wut deiner um Korrektheit bemühten Anwohner, V., sie lässt mich vor Verzweiflung juchzen. Oh V., am liebsten würde ich hier auch gar nicht und nie parken. Aber weil du, V., die Infrastrukturentwicklung des 19. und 20. Jahrunderts nicht mitbekamst, gibt es zu deinem Herzen auch keinen öffentlichen Nahverkehr; dein Herz verweilt in Einsamkeit und wird nur von passierenden Kfz geküsst. V., ganz ehrlich, hättest du denn wenigstens einen Ort zum Verweilen, eine Möglichkeit, um Zeit zu verbringen, ein Café, eine benutzbare Bibliothek, einen Internetzugang, irgendetwas, einen winzigen Strohalm voll Hoffnung: Man würde zum örtlichen Bruttosozialprodukt beitragen. Aber da du, V., ein Nicht-Ort im wahrsten Sinne Augés bist, kannst du derlei Dinge freilich nicht anbieten. Du bist sozusagen das Einkaufszentrum unter den Dörfern dieses flachen Niemandslandes: Man sieht sich regelmäßig, aber jene Aufenthalte geschehen nur aus der Notwendigkeit heraus.

Inventur

Und da steht er schon vor der Tür, der neue Lebensabschnitt. Wobei die Idee schon ein bisschen dämlich ist, ein Leben in Abschnitte zu unterteilen. Aber bald ist es tatsächlich so weit – adieu, du entspanntes Studentenleben. Tschüs zu dreistündigen Zugfahrten nach Trier und auf Nimmer-Wiedersehen zu einer tollen Hiwistelle in den Digital Humanities, die ich sehr sehr sehr vermissen werde. Das spitzenmäßig kollegiale und hierarchiefreie Umfeld hatte es mir wirklich angetan – eine Sache, die im nun folgenden Abschnitt tendenziell eher nicht zu erwarten ist. Auch die unzähligen Freaks, Lebenskünstler und Langzeitstudis aus meinen Uni-Seminaren und Vorlesungen werden mir mit all ihren verrückten Geschichten wohl ein wenig fehlen. Teilweise entwickelten sich richtige Freundschaften. Aber nicht zuletzt Trier selbst – die Stadt mit ihren sympathisch-maulenden Ureinwohnern und dem schrägen Dialekt, die erklärtermaßen älteste Stadt Deutschlands, der ich schon im April letzten Jahres den Rücken zukehrte… was soll ich sagen, Trier, du fehlst. Bonn ist zwar auch schön und hübsch und hier ist natürlich viel mehr los, aber dieses Gefühl von zuhause, das mir die knapp sieben Jahre Römerstadt am Schluss gegeben haben, das kommt noch nicht so ganz auf. Dabei ist das Wegziehen nach dem Studium eigentlich ein ganz normaler Prozess, die wenigsten Städte können ihre Studis nach dem Abschluss halten. Und in meinem Fall hätte mir auch Trier kaum eine Perspektive bieten können – für das Lehramt bekommt man in Rheinland-Pfalz de-facto keinen Platz im Referendariat, außer man ist bereit, mal eben zwei Jahre Wartezeit einzukalkulieren und als Vertretungslehrer rumzudümpeln. Das kam für mich aber eher nicht in Frage, weshalb auch schon letztes Jahr klar war, dass ich mit meiner Freundin gemeinsam nach NRW gehen würde. Eine mögliche Alternative wäre der Versuch gewesen, mich im journalistischen Bereich über Wasser zu halten – das hätte sicherlich (irgendwie) klappen können, aber ich habe mich bewusst anders entschieden.

Fun Fact zum Journalismus: Als ich nach Bonn zog, hatte ich den Platzhirsch General-Anzeiger noch als die prestigeträchtige Zeitung aus meiner Jugend in Erinnerung. Entsprechend enthusiastisch bewarb ich mich dort als freier Mitarbeiter für den Lokalteil, um während der Vorbereitungen auf meine Prüfungen trotzdem am Schreiben zu bleiben. Daraus wurde nichts, vermutlich auch, weil man als Neu-Bonner hier am Anfang nicht so viel zählt. Was ich dann als ebenso enthusiastisch abonnierte Zeitung letztendlich zu sehen bekam, war eine lieblos gestaltete DPA-Druckmaschine, die ihre Online-Redaktion im Sommer komplett kündigte und sich im Lokalteil heftige Patzer und die Ignoranz zahlreicher relevanter Themen erlaubt. Das Abo habe ich nach ein paar Monaten wieder gekündigt. Ein konkurrierendes Online-Angebot existiert faktisch nicht: Zwar ist die Schnüss als gedrucktes Alternativmagazin eine sehr gute Sache, aber auch kaum wahrnehmbar. Zugegeben, es überrascht mich immer noch, wie viel größer und heterogener die Medienszene im viel kleineren Trier tatsächlich war und auch immer noch ist. Mehrere Online-Magazine stinken dort (auf durchaus unterschiedlichen Qualitätsniveaus) gegen die Tageszeitung an und selbst die ist in den letzten Jahren deutlich besser geworden. Ich bin froh und ein wenig stolz, in meiner Zeit dort ein Teil dessen gewesen zu sein. Und wer weiß – vielleicht schaffen wir es ja wirklich, mit dem Projekt bundesstadt.com zumindest an einem kleinen Teil einer wie auch immer gearteten „Alternative“ mitzuarbeiten.

Aber zurück zum Text: Mein Leben ging derweil erstaunlich schnell weiter. Vor allem das an der Uni. Mündliche Examensprüfungen musste ich im Dezember und Januar über mich ergehen lassen (jeweils eine Stunde pro Fach), in den vergangenen zwei Wochen schrieb ich schließlich die vier letzten Klausuren an der Universität. Das Staatsexamen in den Bildungswissenschaften schloss ich schon vor längerer Zeit ab und die Abschlussarbeit in Anglistik schrieb ich zur Funktion von Dystopie- und Superheldennarrativen in V For Vendetta. Letzteres war der Teil, der richtig Spaß machte – und der mein Nervenkostüm nicht annähernd so hart auf die Probe stellte wie die Zeit vor und während der Prüfungen.

Die Erfahrungen an der Uni lassen sich aber nicht nur als zusammengerechnete Prüfungsleistung plus Examensarbeit sehen, sondern auch als stetiger Kampf gegen den fiesen eigenen, inneren Schweinehund. Mit jedem Ende der Vorlesungszeit kam die Frage nach den Hausarbeiten auf – Thema finden, Fragestellung präzisieren, mit Gliederungsidee zu den Dozierenden rennen, man kennt das ja. Arbeitete man sich schließlich nächtelang in ein Thema ein, folgten nicht selten diverse weitere (nächtelange) Einarbeitungsphasen, da man plötzlich die gigantische Tiefe des akademischen Ozeans unter sich begriff und irgendwie zu fassen versuchte (und währenddessen nicht selten den roten Faden für die eigene Fragestellung aus den Augen verlor, gefolgt vom Erstaunen darüber, wenn dann plötzlich ein neues Semester vor der Tür stand und noch nichts wirklich zu Papier gebracht war.) Irgendwie habe ich es aber dann doch geschafft, alle für die Prüfungsanmeldung notwendigen Leistungsscheine, Projektstudien, Fachdidaktikkurse und Praktika zusammen zu bekommen. Den Paragraphen-Moloch mit den Namen „Studienordnung“ vermochte ich wohl doch richtig auszulegen.

Das Resultat: Ich bin bald also der ultimative Fachidiot mit 1. Staatsexamen. Ein Drittel Linguist, zwei Drittel Literaturwissenschaftler; zudem Pseudo-Pädagoge mit ein paar Brocken Fachdidaktikkenntnissen und einem lächerlich geringen Grundwissen über ein paar Methodik- und Diagnostikstandards – und neben all dem habe ich durch die Uni und viel mehr noch durch Hobbys und Nebenjobs gelernt, mich selbstständig mit Problemen auseinanderzusetzen. Ich frage mich mittlerweile, ob es dazu überhaupt einer Uni bedurfte. Weise Worte hörte ich dazu auf dem letzten IronBlogger-Treffen: „Dein Abschluss ist für deinen späteren Arbeitgeber nur der Beweis, dass du leiden kannst.“ Und wahrscheinlich mehr nicht. Fakt ist auch: Die nun mit oder ohne Uni irgendwie erworbene Selbstständigkeit dürfte die wichtigste Fähigkeit sein, die ich für den neuen Job brauchen werde. Im Mai beginnt für mich der Vorbereitungsdienst für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen, das Referendariat (auch: Ref). Da ich schon öfter im Bildungsbereich gearbeitet habe – immer wieder als Nachhilfelehrer, während Schulpraktika und eines Auslandsjahres in England als Teaching Assistant im Fach Deutsch – weiß ich eigentlich schon jetzt, dass ein bisschen isoliertes Fachwissen ab dann kaum zu gebrauchen sein wird. „Uh, äh, das sind das ja Kinder!“ Die Zeiger werden zurückgestellt, alles noch einmal auf Null. Für anderthalb Jahre Wahnsinn am unteren Ende der Nahrungskette, bei dem es am Ende angesichts unterirdischer Einstellungschancen nur um eines gehen wird: die Abschlussnote.

Alle späteren Einladungen zu Vorstellungsgesprächen im Lehramt werden sich unmittelbar darauf beziehen, auf diese eine Note. Auch so ein Unterschied zum richtigen Leben.

Ganz ohne Ironie: Ich freue mich auf diese Zeit.

PS Eigentlich wollte ich diesen Post noch mit einem schönen Meme garnieren. Da das aber im Abmahnparadies #Neuland ziemlich riskant ist, lasse ich’s besser bleiben.