Sivert Høyem – Musik zum Welt weg träumen

Ein bisschen Musik muss auch einmal wieder sein. Denn heute morgen wurde ich bei der morgendlichen Smartphone-Lektüre auf Twitter auf diesen Beitrag bei Betreutes Proggen aufmerksam. Und ich freute mich, dass ein Bonner Blog einen Musiker vorstellt, dessen Werk ich schon ziemlich lange verfolge. Wobei man einschränken muss, dass es bei dem vorgestellten Künstler eigentlich gar nicht um Prog oder Progressive geht – denn Sivert Høyem, Ex-Sänger von Madrugada, einer begnadeten, leider nicht mehr existierenden Indie-Band aus Norwegen (ja, man kann über norwegische Musik reden, ohne von Black Metal zu sprechen), schließt mit seinem Soloprojekt im Prinzip an Madrugada an. Also solide Rockmusik mit klaren, einfachen Song-Strukturen – auch wenn die Stücke schon mal was länger sein können. Und obgleich seine Alben gefühlt eine Spur ruhiger und verträumter daherkommen, die gute Würzung mit Schwarzromantik und Melancholie entspricht dann auch in etwa dem, was man von seiner großartigen Band kennt. Und das kreiert in Kombination mit Høyems sonorer, unvergesslicher Stimme einen Sound zum Abgleiten in düstere Welten schaurig-schöner Tagträume. Vielleicht auch nur schöne. Denn wie kaum ein anderer Künstler schafft er es, den dunkleren Stimmungslagen des Lebens textlich und musikalisch ein Maximum an Ästhetik zu entlocken – ganz toller Anspieltipp also für all jene, die sich beispielsweise an Lana del Rey und anderen Vertretern des gepflegten Weltschmerzes im Radio erfreuen. Das neue Album Lioness erschien soeben und wurde von mir natürlich sofort bestellt. Die erste Auskopplung Sleepwalking Man jedenfalls klingt schon wirklich… schön. Einfach nur schön. Schade, dass die deutschen Radiosender den norwegischen Star noch nicht entdeckt haben.

Ex Machina

Ein exzellenter Film war das, den ich letzte Woche im Kino sah. Das Regiedebüt des Briten Alex Garland, der zuvor als Romancier (The Beach) und Drehbuchautor (28 Days Later, Sunshine) in Erscheinung trat, überzeugt mich persönlich auf ganzer Länge und ist nun auch ein Kandidat, später auf DVD orginal eingekauft zu werden (mehr kann mich ein Film eigentlich nicht überzeugen). Obgleich das Thema von Ex Machina nicht unproblematisch ist für eine Filmlänge: Es geht um nichts anderes als die moralischen Folgen der Entwicklung künstlicher Intelligenz. Dennoch diskutiert der Film die Problematik trotz der medial bedingten Zeitbeschränkung absolut gekonnt – auch dank der beiden Hauptdarsteller Alicia Vikaner (Inside Wikeleaks, Anna Karenina) und Domhnall Gleeson (True Grit, Never Let Me Go), um deren existenzielle Dialoge sich die Handlung in weiten Teilen dreht. Action, Spektakel? Nur ein bisschen, am Schluss. Ganz zart. Wer aufgrund des Titels ein Science-Fiction-lastiges Baller-Epos mit Maschinen erwartet, wird eher enttäuscht. Science Fiction ja, total,  aber die Eskalationsspirale erzählt der Plot ganz ruhig runter – mit zahlreichen Anlehnungen nicht nur an die in manchen Passagen explizit erwähnten philosophischen und historischen Vorbilder, sondern auch und vor allem an das große Thema, mit dem die gesamte britische Science Fiction – Tradition schlechthin begann: Den Frankenstein-Roman. Obgleich Shelleys Werk nicht wörtlich genannt wird, finden sich zahlreiche Anspielungen durch die gesamte Handlung hindurch. Der Archetyp des wahnsinnigen Wissenschaftlers Viktor Frankenstein ist jetzt eben kein Wissenschaftler mehr, sondern wurde zum modernen IT-Nerd-Hipster mit Hornbrille und Bart ummodelliert. Das Monster ist weiblich – und wie im Roman stellt sich auch die hier die Frage, wodurch sich eigentlich genau ein Monster definiert. Denn pauschal böse ist die Figur wie im Roman nicht von Beginn an. Garland hat seinem Stück also eine erzählerische Tiefe verpasst, die in dem Genre in dieser Form eher selten vorkommt. Davor kann ich nur meinen Hut ziehen und muss hier ganz dringend (absolut unbezahlte) Schleichwerbung machen. Denn ich war, zugegeben, etwas erschrocken darüber, dass man den Film schon in der dritten Woche nur noch um 21 Uhr im Godesberger Kinopolis anschauen konnte. Den Kinosaal teilte ich mir nur mit wenigen älteren Herren, die sich an einer Hand abzählen ließen.

Das hat so ein geniales Stück nicht verdient. Also: Anschaubefehl!

Musiktipp der Woche: WildRider

Nach Slamdown freue ich mich nun auf Teil 2 der Reihe „Alte Bandkollegen machen jetzt…“:

WildRider (live in Bonn am 12.02.)

wildrider-band
© WildRider

Es gibt ja viele, die irgendwie in alten Zeiten hängen geblieben sind. Und dann gibt es diejenigen, die man nicht unbedingt als hängen geblieben bezeichnen kann. Die aber dennoch eine gewisse Liebe für eben jene alte Zeiten haben. Zu Letzteren gehören die fünf sympathischen Bekloppten, die mit ihrem Bandprojekt WildRider mal eben die 80er neu aufleben lassen. Wie der Name schon irgendwie suggeriert, könnte dieses musikalische Revival womöglich etwas mit „wild“ und „rider“ zu tun haben, also mit härterem Rock und äh, naja, reiten Motorradkultur und so. Also, theoretisch. Und wenn man reinhört, auch praktisch. Der Download ist übrigens kostenlos.

Zu den Gründern von WildRider zählen unter anderem ehemalige Bandmitglieder der vor einigen Jahren aktiven Metalkapellen Democrazed und Infected. Laut ihrer eigenen Beschreibung war die Bandgründung allerdings eher eine „Schnappsidee“: So gründete man die Band – um auch hier mal wieder altbewährten Standards in der Gitarrenzunft zu genügen – in volltrunkenem Zustand, um der „Liebe zum vor Sex triefenden Hard Rock der 80er Jahre“ zu fröhnen. Das mit dem Hard Rock gelingt ihnen ganz gut.

wildriderlogoZumindest das Erstlingswerk weist dann auch definitiv keinerlei Anzeichen von alkoholinduzierter geistiger oder musikalischer Abwesenheit auf – die selbstbetitelte EP Wild Rider mit den vier eingängigen, melodisch nach vorne drückenden Songs wurde hochprofessionell produziert. Das Arrangement und Mixing der Stücke wirkt ebenso durchdacht – um nicht zu sagen stilsicher – und so wird die Platte auch zum starken Geheimtipp für rocklastigere Partys. WildRider bringen eure Gäste garantiert in Bewegung. In der ganzen Mucke steckt richtig viel Herz, man kann – nein, muss – die Jungs jedem Veranstalter und jedem Label empfehlen. Gerade auch, weil bei dem Quintett jegliche Star-Allüren fehlen und nicht allein die Musik sehr bodenständig daherkommt.

Live kann man die Band übrigens auch sehen – in Bonn spielen sie an Weiberdonnerstag gemeinsam mit Hornado bei den Limes-Krach-Tagen. Wer also an Karneval noch einen Grund braucht, um  rauszugehen… hier ist er. Bisher hatte ich erst einmal das Vergnügen eines WildRider-Gigs – was aber reicht, um auch hier eine eindeutige Empfehlung auszusprechen. Die haben’s einfach drauf.

Links:

WildRider auf Facebook / bandcamp.com

Spideroak: Dropbox-Alternative mit Schwächen

Lässt sich ein nützlicher Dienst wie Dropbox oder Google Drive überhaupt ersetzen? Die bekannten amerikanischen Cloud-Dienste kennen wir ja alle irgendwie – liebgewonnen und vor allem hochgradig praktisch. Man kommt nämlich immer gut an die eigenen Daten ran, egal wo man sich aufhält. Und: Man teilt mit Arbeitskollegen, der Band oder dem Karnevalsverein einen gemeinsamen Dropboxordner, und schon erspart man sich viele umständliche Mails und das Herumreichen von USB-Sticks.

Das Problem: Man teilt sich seine Daten eben nicht nur mit Freunden, sondern auch mit diversen Geheimdiensten.

Kann man das tatsächlich besser machen? Oder zumindest eine ähnliche Leistung verschlüsselt – also sicher und ohne Geheimdienste – nutzen?

Konkurrenz belebt das Geschäft

Die erste einfache, ernüchternde Antwort: Es geht so ein bisschen. Genügend Inspiration für einen Versuch mit SpiderOak fand ich in einem vom britischen Guardian veröffentlichten Interview mit Edward Snowden, in welchem er den amerikanischen (!) Dienst SpiderOak über den grünen Klee lobt. Zudem gibt es auch noch weitere Alternativen, die wohl alle relativ ähnlich funktionieren: Teamdrive, Tresorit und Wuala. Ein wohl ganz brauchbarer Gesamtvergleich der Stärken und Schwächen der einzelnen Dienste ist hier zu finden (etwas scrollen muss man aber schon).

SpiderOak habe ich mir selbst wegen dem guten Herrn Snowden einmal näher angesehen – und bin vorerst daran hängen geblieben. Im Prinzip funktioniert’s genau wie Dropbox: Man lädt sich ein Programm, das auf dem normalen Windows (oder Linux etc.)-Desktop und auch auf dem Smartphone installiert wird. Gebraucht werden dann noch ein Nutzername und ein sicheres Passwort, 2 GB Online-Speicher sind – genau wie bei Dropbox – kostenlos. Wer FreundInnen anwirbt, bekommt pro FreundIn 1 GB umsonst obendrauf – und der oder die jeweilige FreundIn ebenso. Die SpiderOak-Werbemasche ist also eine Win-Win-Situation (Win-Win-Link hier, bitte darüber anmelden ;)). Bis zu 10 GB Speicherplatz lassen sich über das Schneeballprinzip kostenlos erreichen.

SpiderOak-Screenshot
SpiderOak-Screenshot

Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gegen NSA und andere „Interessenten“

Was ist nun aber das „Besondere“ bei SpiderOak? Eigentlich wäre der Dienst schon grundsätzlich nicht vertrauenswürdig, da er in den USA sitzt und damit der merkbefreiten FISA-Regelung untersteht. Heißt im Klartext: Möchte ein amerikanisches Geheimgericht, dass SpiderOak Nutzerdaten rausgeben soll, dann kann die Firma nichts dagegen tun. Auch Dropbox, Facebook und wie sie alle heißen sind machtlos gegen diesen Missbrauch und die Sicherheitsparanoia der amerikanischen Regierung. Der Trick heißt daher – wie schon bei den Messengern und den Mails – Ende-zu-Ende-Verschlüsselung: Selbst wenn nun die Firma SpiderOak Daten rausgibt, können die Behörden schlicht nichts anfangen, da nach einer Herausgabe nur Zeichensalat zu sehen wäre. Diese Verschlüsselung übernimmt der Client, man selbst muss nichts dafür tun. So besitzt SpiderOak selbst laut eigenen Angaben dann keine Möglichkeit, die Daten für die Behörden zu entschlüsseln – allerdings können damit nicht einmal verloren gegangene Passwörter ersetzt werden.

Wie schon bei Threema muss allerdings auch die Frage nach der generellen Vertrauenswürdigkeit des Anbieters gestellt werden – da der Dienst aber plant, in der Zukunft zumindest teilweise auf das Open Source – Prinzip zu setzen, scheint das vorerst in Ordnung zu gehen. Oder zumindest schon einmal erheblich besser als Dropbox, zumal in dessen im Verwaltungsrat auch noch Condoleezza Rice sitzt – ehemalige Sicherheitsberaterin von George W. Bush.

Langsamer Client, (noch) keine gemeinsamen Ordner á la Dropbox

Wie schlägt sich SpiderOak nun im Alltag? Ich selber nutze den Dienst seit ein paar Wochen, die Funktionsweise ist tatsächlich weitgehend die selbe wie bei Dropbox. Nur dass man hier aus Sicherheitsgründen besser nicht das Webinterface nutzen sollte (der Dienst weißt selber darauf hin, dass dann nicht mehr für die Sicherheit der Daten garantiert werden kann). Zudem ist die Smartphone-Version leider ein absoluter Griff ins Klo. Bei mir läuft sie instabil und wirkt extrem verbuggt, zudem ist sie nicht in der Lage, Uploads vom Smartphone in die Cloud zu laden. SpiderOak gelobte allerdings in einem Tweet Besserung, mobile Uploads sollen demzufolge bald möglich sein. Ebenso wird laut einem weiteren Tweet alsbald die Möglichkeit geschaffen, vernünftige Gruppenordner zu führen – ein ziemlich entscheidendes Feature, weshalb Dropbox bei mir auch immer noch nicht ganz von der Bildfläche verschwunden ist.

Die Desktop-Software an sich finde ich okay, sie ist allerdings auch ein wenig komplexer als (und feiner einstellbar) als der große Konkurrent. Neben dem Ordner „SpiderOak Hive“, der in etwa dem klassischen Dropbox-Ordner auf dem PC entspricht, lassen sich über den Dienst auch noch weitere Ordner der verwendeten Computer zur Synchronisation hinzufügen. Das ist eine Sache, die ich bei Dropbox bisher immer vermisst habe. Zwei Schwachpunkte gibt es aber momentan auch noch hier: Zum einen ist die Synchronisation der Dateien eher langsam, das heißt: Mal eben schnell von unterwegs was abspeichern, Netbook zuklappen und dann zuhause mit dem Hauptrechner weiter arbeiten funktioniert oft nicht so. Man muss der Krypto-Cloud hier immer ein paar Minuten Zeit einräumen. Auch schnell mal was hochladen und dann direkt mit Kollegen oder Freunden per Link teilen ist wegen der Gemächlichkeit des Clients eher unrealistisch. Zum anderen lässt sich der Speicherort des „Hive“ nicht manuell ändern – dieser liegt immer fest auf dem Systemlaufwerk. Nervig, wenn man Wert auf eine separate Datenpartition legt und dann durch Spideroak doch wieder Daten auf C:\ schieben muss.

Ansonsten tut SpiderOak das, was es soll. Und das bisher auch absolut zuverlässig. Auch eine Funktion zum Bilder teilen ist implementiert, dazu müssen NutzerInnen aber zunächst einmal eine „Share-ID“ kreieren. Über letztere lassen sich dann aus SpiderOak heraus Weblinks mit beispielsweise Bilderordnern erstellen, um sie FreundInnen zu schicken.

Fazit

Die angesprochenen Schwächen, die Desktop-Client und vor allem die nahezu unbrauchbare mobile Version  mitbringen, sind möglicherweise nur Kinderkrankheiten. Auf jeden Fall sind es aber handfeste Nachteile, ein vollwertiger Ersatz für die bis auf ihre Sicherheitsprobleme gut funktionerenden Cloud-Dienste ist SpiderOak damit noch nicht. Die Frage ist, wie lange das amerikanische Unternehmen braucht, um dies einigermaßen auszubügeln und die Clients alltagstauglicher zu gestalten. Denn solange ich nicht mit Arbeitskollegen und Freunden gemeinsame Ordner führen kann, solange bleibt Dropbox zumindest in puncto Funktionalität erst einmal unersetzbar.

Sehenswert: Die Brücke [update]

Bühne und Zuschauerraum vor der Aufführung
Bühne und Zuschauerraum vor der Aufführung

In der letzten Woche stand Theater auf dem Programm. In Erpel am Rhein, eine Viertelstunde von Bonn entfernt, bekannter Stoff: „Die Brücke von Remagen“ – die Thematik müsste den meisten noch als amerikanische Nachkriegsverfilmung geläufig sein. Dabei bietet die Inszenierung der Romanvorlage von Rolf Palm ein kleines Feature, was sonst auf kaum einer offiziellen Bühne machbar ist: Sie findet am – oder besser gesagt: im – Originalschauplatz statt. Denn Bühne und Zuschauerraum befinden sich mitten in dem alten Eisenbahntunnel, von wo aus die damalige Rheinbrücke gegen die schnell vorstoßenden amerikanischen Verbände verteidigt werden sollte. Deswegen und wegen nicht zuletzt vieler positiver Empfehlungen hatte ich dann auch entsprechend hohe Erwartungen an das Stück.

Und die wurden beileibe nicht enttäuscht. Schon der Beginn reißt das Publikum mit – erkennbar daran, dass der ganze Zuschauerraum im Tunnel von einer Sekunde auf die nächste totenstill wird: Ein amerikanischer Soldat mit deutscher Abstammung („Zimmermann“) stellt sich vor die ZuschauerInnen, der Schweinwerferspot liegt nur auf ihm. Er berichtet mir ruhiger, aber fester Stimme über die Vorgeschichte der Erstürmung, wie seine Truppen in Kontakt mit der Zivilbevölkerung der umliegenden Dörfer kamen. Die schauspielerische Leistung des mir unbekannten Darstellers ist hochprofessionell, vermag er seine Rolle dermaßen glaubhaft und authentisch zu spielen, dass nach seinem kleinen Solostück erst einmal Applaus aufbrandet. Die spektakuläre Akustik des Tunnels unterstützt zudem die Stimme der DarstellerInnen – später werden dadurch auch bestimmte Szenen stark aufgeheizt. Beispielsweise, wenn sich einzelne Protagonisten gegenseitig anbrüllen. Verstärkt durch den Tunnel fliegen dann den ZuschauerInnen bei Streitereien auf der Bühne fast die Ohren weg – ebenso bei den eingespielten Einsturzgeräuschen der Brücke am Schluss des Stücks.

So spielt der Originalschauplatz auch selbst seine eigene Rolle in diesem Stück. Alle DarstellerInnen können sich zudem wirklich auf die Schulter klopfen, das Stück ist absolut erstklassig besetzt. Obgleich es mit grob 90 Minuten zwar eher kurz daherkommt, wird dem Publikum zu keinem Zeitpunkt langweilig – dabei geht es ja eigentlich nur um die banale Erstürmung einer einzigen Brücke. Aber die Struktur, die exzellenten DarstellerInnen und die unterschiedlichen Perspektiven, derer sich die Inszenierung bedient, machen „Die Brücke“ wirklich sehenswert.

Bedenkt man dann noch, dass die ganze Chose „nur“ von einem Verein getragen wird, dann ist das wirklich eine Leistung. Ebenso die ganze Organisation „drumherum“ und die Versorgung mit kleinen Snacks und Getränken, die vor dem Stück angeboten werden. Chapeau, ad Erpelle.

Karten gibt es hier, das Stück läuft bis zum 14.09. – also noch diese Woche.

 

#update 10.09.2014:

In einer ersten Version des Beitrags wurde der gleichnamige Roman von Gregor Dorfmeister als Vorlage angegeben. Das ist allerdings falsch: Tatsächlich war es „Die Brücke von Remagen“ von Rolf Palm.

Abriss der Gesellschaft: „Johann Holtrop“

Johann HoltropEin böses Buch. Eine niedergeschriebene, auf 343 Seiten (Paperback) messerscharf ins und durchs Herz der oberen Zehntausend der Gesellschaft schneidende Analyse der Verhältnisse. Obgleich ich von Rainald Goetz schon mehrfach gehört hatte – nicht zuletzt wegen seines Klassikers „Irre“ – kam ich bislang nicht zu der Gelegenheit, den Autor auch tatsächlich zu lesen. Bis mich dann, am vorigen Wochenende beim Stöbern durch Bonn, „Johann Holtrop – Abriss der Gesellschaft“ im Buchladen46 so dreist anlachte. Da das Verlassen von Buchhandlungen ohne Buch quasi unmöglich ist… naja, man kennt das. Jedenfalls habe ich es gekauft. Und gelesen. Und bin nun, nach der Lektüre, nachhaltig beeindruckt.

Denn Goetz verfasste hier nicht einfach irgendein Porträt eines Absturzes des typischen Top-Managers der 90er und 2000er  Jahre, wie das der Klappentext suggeriert. „Johann Holtrop“ ist die absolute Vernichtung einer Denkweise, einer Schule von Menschen, die uns alle von einer Wirtschaftskrise in die nächste geritten hat. Es ist eine Abrechnung mit Charakteren wie Gerhard Schröder, Josef Ackermann, Klaus Zumwinkel, Carsten Maschmeyer und anderen prominenten Handelnden dieser – womöglich gerade endenden – Epoche. Als Leser hat man unweigerlich das Gefühl, dass im Charakter des Protagonisten Holtrop all jene Eigenschaften kulminieren, die es braucht, um ungerechtfertigterweise reich zu werden und dabei Menschen zu zerstören. Es schleicht sich das Gefühl ein, dass man diesen Typen irgendwoher kennt – womöglich aus den Medien. Er ist die Personifizierung des Arschlochs, Pardon, des Oberarschs, und paradoxerweise macht das Buch die Lesenden selbst zu eben solchen. Denn es macht einen pervers und voyeuristisch anmutenden Spaß, dieser schonungslos und ohne jedwede Sympathie dargestellten Hauptfigur beim persönlichen Absturz über mehrere Ebenen hinweg zuzuschauen. Dazu trägt auch Goetz‘ Erzähltechnik bei, die zwar von langen – sehr langen, teilweise halbseitigen – Sätzen geprägt wird, aber durch ihren stakkatomäßigen Satzbau immer wieder Tempo aufbaut. Zumal der Text gerade durch die clever verschachtelten Sätze das Gefühl erzeugt, den Figuren direkt ins abgewrackte Hirn hineinzuschauen. Stream of Consciousness 2.0, in etwa.

Und dabei offenbart sich vor allem eines: Den Handelnden in der höchsten Ebene deutscher Konzerne geht es nicht immer nur um die Maximierung des eigenen Profits. So weit denken die Figuren gar nicht immer, weil sie selbst dazu viel zu verroht sind. Es geht auch um die Verachtung, Demütigung und Erniedrigung der jeweiligen Gegenspieler, auch der eigenen Partner. Wenn, wie es „Johann Holtrop“ meisterhaft vorführt, nun aber einfach jedeR so denkt, dann gibt es Opfer. Im Grunde ist jede Figur dieses Textes ein Opfer der Bedingungen, die sie selber dennoch absolut großartig findet. Finden muss, denn die ungebildet wirkenden Charaktere sind nicht in der Lage, ihrem eigenen Denksystem zu entkommen. Alle Figuren werden Stück für Stück demontiert und verschrottet; als Leser schaut man diesen während dieses Prozesses in den Kopf und wundert sich, warum diese ihre eigene Demontage zuerst gar nicht richtig mitbekommen. Später findet man die mögliche Erklärung: In der Welt eines Holtrop gibt es weder Herzensbildung noch Empathie.

Das Buch ist trotz dieses Negativbildes ein Genuss zu lesen – es gehört wohl zu den wenigen längeren Texten, von denen man trotz durchweg unsympathischer Figuren auch noch recht gut unterhalten wird. Durch die absurden, wirren, teilweise wirklich merkbefreiten und trotzdem realistisch wirkenden Gedanken der Charaktere und Goetz‘ genialer Erzähltechnik zeigt die Geschichte an vielen Stellen einen bissig-aggressiven Humor, der einem nicht selten ein mitleidsloses Grinsen ins Gesicht zieht. Man kann gar nicht anders, als beim Lesen über die Protagonisten dasselbe zu denken, was diese über andere denken. Prädikat: Geniestreich.

Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft.

Suhrkamp 2014.