Helgoland sehen und… Kuchen essen

Start nach Helgoland morgens um halb 4. Lahm, müde, tot. Eine kurze Pause auf der Fahrt, der Rest geht so durch bis Cuxhaven. Hallo Niedersachsen, ich war noch nie hier. Die Fahrt verläuft mit maximaler Ereignislosigkeit.

Cuxhaven. Ich nehme den Ort vor allem über seine vierspurige Straße war, die hinein und auch wieder hinausführt. Erst, als ich fast direkt am Fährhafen ankomme, biege ich auf eine einspurige, kleinere Straße ein. Und dann wird man auch schon vom Personal auf den Parkplatz zum Anleger reingewunken. So komme ich auch überhaupt gar nicht erst auf die Idee, noch irgendwo anders einen vielleicht günstigeren oder gar kostenlosen Parkplatz zu suchen. Das Auto steht stattdessen nun unmittelbar an der See. Sollte während meines Urlaubs eine Sturmflut über Cuxhaven hereinbrechen, schwimmt es eben weg. Viel darüber sinnieren kann ich nicht, denn dann geht es schon aufs Schiff. Außer einer Halle, einem Parkplatz und einem Haufen Wohnwagen bekomme ich von Cuxhaven nichts mit. Vorteil: Es geht ziemlich schnell und unkompliziert.

Das Schiff. Die Helgoland schippert einen Haufen Leute und mich zweieinhalb Stunden lang über die Nordsee. Ich finde nur mit Mühe einen Sitzplatz im Inneren des ästhetisch anmutenden Wasserfahrzeugs. Draußen ist es verdammt kalt. Zuerst gibt es nur Wolken und viel Wind. Später dann Sonne und viel Wind. Dies ist sehr erfreulich, hinten auf dem unteren der beiden Außenbereiche findet man im Windschatten des Schiffsaufbaus sogar ein lauschiges Plätzchen, um sich von der Sonne anstrahlen zu lassen. Die deutsche Nordseeküste verschwindet, wir sind nun unter uns auf dem Meer. Da ich alleine reise, nehme ich zwangsweise die Wortfetzen aus den Gesprächen meiner Umgebung auf. Deren Spannbreite variiert in etwa zwischen „Bla bla Wellen“, „Bla bla Helgoland“ und „Bla bla, …musste ne Tüte nehmen.“ Die Fahrt verläuft ohne Zwischenfälle, ich genieße das Meer und die Seeluft und die Tatsache, dass man auch zwischendurch, mitten auf hoher See, LTE-Empfang hat.

Helgoland. Nach Erreichen des Strandhotels und Bezug des Zimmers ziehe ich etwas übermotiviert los, um die Insel zu erkunden. Immerhin regnet es nicht, zwischendurch lässt sich die Sonne gerne blicken. Es treibt mich zuerst in den Süden, wo man am Meer riesige Betonblöcke aufgeschüttet hat. Wenn man über diesen steinigen Abschnitt bis zum Klippentor läuft, sieht man viele Überreste der alten Nazibunker, die offenkundig alle dem Big Bang zum Opfer fielen. Danach geht es nach oben auf den Klippenrandweg, den man relativ komfortabel über den Süden der Insel erreichen kann.

Der Weg selbst, der in luftigen stürmischen 50 Metern Höhe direkt am Meer um die Insel führt, ist atemberaubend. Die gefühlte Windstärke 24 sorgt dabei stets für ausreichend Frischluftzufuhr. Die Aussicht ist der helle Wahnsinn – und ebenso die wilde Tierwelt, die wie im Zoo oft nur wenige Meter vom Weg entfernt in Form von allerlei Vogelarten gastiert. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob wir Menschen nicht für die Tiere selbst die eigentliche Attraktion sind.

Stichwort Tierwelt: Mein nächstes Ziel, die Düne, erreiche ich nach heiterer Überfahrt mit der Witte Kliff. Das ist ein kleines Bötchen, das den Namen von Helgolands versunkener Landverbindung trägt. Davon ist allerdings nichts mehr übrig, es blieb nur die besagte Düne. Auf dieser ist die Bezeichnung Programm: Außer Sand (traumhafter, ausgedehnter weißer Sandstrand!) und zwei Landebahnen gibt es kaum etwas zu sehen. Ach doch, Biologen freuen sich wohl über Fauna und Flora, vor allem aber über die Kegelrobben. Jede Menge Robben. Zu den putzigen Flossenfüßern sollte man 30 Meter Abstand halten, das erzählen mir zumindest zig Schilder während meines Rundwegs um die Insel. Die meisten Fotografen und Touristen scheint das allerdings nicht zu interessieren. Zurück am Bootsanleger begegne ich einer Familie mit zwei jungen Kindern, deren Mutter interessiert die Aushänge studiert. „Guck mal hier“, zwinkert sie ihrem Jungen zu, „Möwen füttern darfst du hier gar nicht, kostet 500 Euro Strafe!“ Dann wandert ihr Finger einen Aushang weiter. Es heißt, man dürfe keine Steine am Strand zerschlagen, denn die Scherben gefährden Mensch und Tier und können zu heftigen Verletzungen führen. „Ruf mal sofort den Papa!“ Ihr gut bebauchter Mann schlurft heran. Typ kurzgeraspeltes Haupthaar, kein Bart, aber Schnäuzer. Kein Gesichtsausdruck. Auch ein Statement. Vielleicht mal bei der Bundeswehr gewesen, oder irgendein Verwaltungfachtyp. Er sieht auf den Aushang und kommentiert: „Gut, dass uns hier keiner beobachtet.“ Ich stehe zwei Meter daneben und bin vermutlich wegen meiner Sonnenbrille unsichtbar.

Zurück auf der Hauptinsel kippe ich mir in den Mocca-Stuben, die mehr oder weniger mein Stammlokal werden sollen, noch den berühmten Eiergrog in den Kopf. In der Lokalität sitzt eine Gruppe Biologen, die vor allem dadurch auffallen, dass ihre Imitationsversuche der Kegelrobben-Bullen mit zunehmendem Alkoholpegel immer besser werden. Vielleicht ist auch der eine oder andere Eiergrog als Ursache für die basslastige Geräuschkulisse zu nennen. Den gibts in dieser Form angeblich nur auf Helgoland. Schön für die Helgoländer; als ich die Mocca-Stuben verlasse, bin ich von einem Eiergrog und zwei Bier ziemlich angeschickert und möchte Biologe werden und Robben studieren.

Der zweite Tag ist wunderschön. Während das Festland und meine Heimat im Aprilgrau versinken, scheint mir hier die Sonne auf den Kopf. Auch Helgolands Nordstrand entpuppt sich bei diesem Prachtwetter als sehr hübsch. So hübsch, dass ich kurz im Sand einschlafe und mein Gesicht endgültig die Farbenpracht eines Krebses annimmt, während der Rest des Körpers unter der zwiebelartig verpackenden Winterkleidung geschützt bleibt. Schwimmen darf man eh nicht, die Strömung ist wohl recht gefährlich. Das weiß ich aus dem Internet, Warnschilder gibt es keine. Recht gefährlich ist dann auch der Strandabschnitt, der an die Klippen grenzt. Denke ich mir, als direkt davor stehe und begeistert nach oben gaffe. Sinnvollerweise entdecke ich später, auf dem befestigten Rückweg, ein Warnschild. Dort, wo ich rumgelaufen bin, hätte ich gar nicht sein dürfen. Dumm nur, dass das Schild nur vom Weg aus einsehbar ist, nicht aber vom Strand. Ich bin mir keiner Schuld bewusst und stelle mir bildlich vor, wie so eine 50 Meter hohe Klippe über mir mit Getöse kollabiert. Am Nachmittag besichtige ich noch die örtlichen Geschäfte. Helgoland ist zoll- und steuerfrei; in den Siebzigern und Achtzigern bedeutete dies, dass man hier günstiger einkaufen konnte als auf dem Festland. Wie wirkliche Schnäppchen wirken die Preise auf mich heute nicht mehr. Zudem ist die Auswahl etwas begrenzt. Es gibt zahlreiche Läden für Tabak und Whiskey; Parfüm und Whiskey; Tabak, Parfüm und Whiskey; Ferngläser und Tabak; Parfüm und Whiskey, Parfüm und Ferngläser; ein bisschen Schmuck, Bernstein aus der Ostsee…. Und unglaublich leckeren Kuchen. Ich glaube, ich habe selten so guten Kuchen gegessen. In den Achtzigern war also nicht alles schlecht.

Am dritten Tag folgte die obligatorische Inselführung, die in meinem „Helgoland entdecken“-Paket enthalten war. Dauerregen, aber in Bezug auf die Wassermengen harmlos. Im Rheinland würde man ‚fisseln‘ sagen (stimmhaftes s). Ich treffe dennoch hauptsächlich Leute in Regenhosen und perfekt abgestimmter Outdoor-Kleidung, Typ Jack Wolfskin; die Profis tragen Northface und im Wind flackernde Regenhosen. Überhaupt trifft man auf Helgoland sehr viele Menschen in sehr sauberen Wander- und Survivalklamotten an. Dabei gibt es eigentlich nicht viel zu wandern und auch nicht wirklich was zu surviven. Möchte man beide Inseln umrunden, erläuft man ungefähr sechs bis sieben Kilometer. Am ersten Tag lief ich einmal um die gesamte Haupt- und einmal um die Nebeninsel. In Jeans und Turnschuhen, teilweise barfuß, da das am Strand mitunter angenehmer ist. Aber wahrscheinlich ist das einfach Deutschland – wir müssen eben auch im Urlaub auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.

Zurück zur Führung. Ein nett wirkender älterer Mann erzählt ein paar nette Anekdötchen, den Satz „wir hatten ja nichts“ nutzt besagter Herr eher als Partikel und schiebt ihn gefühlt jeder einzelnen Aussage hinterher. Er berichtet vom derzeitigen Leid der Hoteliers, dass die Gastronomie kaum noch Arbeitskräfte finde. Wir mussten es früher ja machen, wir hatten ja nichts. Mittlerweile hätte man die Polen schon durch und sei bei Rumänen und Bulgaren angelangt. Die jungen Deutschen würden sowas ja nicht mehr machen, die wollten um 16 Uhr Feierabend haben. Früher ging das nicht, da hatten wir nichts. Zustimmendes, allwissendes Nicken der älteren Herrschaften um mich. Dass die Gastronomie deutschlandweit eventuell dasselbe Problem hat und zumeist grottenschlecht bezahlt, darauf kommt er natürlich nicht. Dann erzählt er noch einen Schwank aus der Zeit, als die Helgoländer zu Flüchtlingen wurden und in Norddeutschland breiter Feindseligkeit ausgesetzt waren. „Die Flüchtlinge, also zumindest wenn‘s richtige sind, mit denen würd‘ ich nicht tauschen wollen“, sagt er, der als Jugendlicher mit seiner Familie auf einem mit Stroh bedecktem Boden untergebracht war, „aber wenn man die heute zu den Bedingungen unterbringen würde wie damals uns, dann würd‘ die Luft brennen.“ Ich bin zunehmend froh, diese Führung nur als Gutschein bekommen zu haben. Rausgehen zu den Klippen mag er nicht mehr, denn es stürmt und regnet ziemlich, da würden wir alle nur nass. Ich sehe in die enttäuschten Regenhosen-Gesichter und empfinde Schadenfreude.

Später am Nachmittag folgt die Bunkerführung. Ein ebenfalls älterer Herr, weißer Bart, breites Gesicht, Mütze, Typ Seebär, trockener Humor, führt uns in die Unterwelt Helgolands. Über Bunker und deren Schutzwirkung auf Helgoland erfährt man im Grunde nichts, dafür ersetzt die Führung inhaltlich die Inselführung. Endlich eine kompetente Geschichtstour in wirklich historischer Kulisse. Ich bin derart begeistert, dass ich ihm am Ende noch das Info-Heft entreiße abkaufe und ordentlich Trinkgeld gebe.

An den letzten beiden Tagen genieße ich weitere Rundgänge über die Insel, futtere mich quer durch das üppige Kuchenangebot und feiere die Helgoländer für die Größe ihrer Kaffeetassen. Endlich mal ordentliche Kaffeetassen und endlich mal angemessener Filterkaffee anstelle der auf dem Festland so weit verbreiteten pseudo-italienischen Automatenplörre.

Helgoland, ich komme definitiv wieder. Zu Kaffee, Kuchen, Strand und Eiergrog.

Mit dem Smartphone bezahlen

Kurz vor Ostern 2017 bezahle ich zum ersten Mal mit dem Smartphone, und auch zum ersten Mal per NFC. Die Kassiererin an der Tankstelle sieht mich etwas verdutzt an; meint, sie könne jetzt nicht garantieren, ob das funktioniert. Nun, dennoch lasse ich mich von diesem Vorhaben nicht abbringen, so fuhr ich doch extra spät zur Tanke, um möglichst keinen Menschen bei diesem Test aufzuhalten oder zu stören. Und durch NFC als technische Basis kann ich mir auch relativ sicher sein, dass es mit den gängigen Karten-Terminals funktionieren muss. Schließlich sind kontaktlose Kredit- und EC-Karten ja auch schon eine Weile im Umlauf.

So rufe ich also die kurz zuvor installierte seqr-App auf und halte mein Smartphone einfach neben das Gerät, in welches man sonst überlicherweise seine EC-Karte steckt. Selbiges verlangt umgehend nach Eingabe einer von der App vergebenen PIN, da mein Betrag beim Tanken natürlich höher als 25 Euro liegt. Nachdem das erledigt ist, bekomme ich von der staunend dreinblickenden Kassiererin („ich habe das gerade zum ersten Mal so gesehen“ – „…und ich habe das zum ersten Mal ausprobiert“) meinen Kassenzettel ausgehändigt und ziehe zufrieden von dannen. Wenig später folgen ein Einkauf bei Aldi und einer bei Rewe, beides funktioniert ebenfalls sehr rasch.

Einen wirklichen Mehrwert bietet der ganze Spaß meiner Meinung nach noch nicht. Denn um mobil zu bezahlen, muss man das Handy entsperren, die App aufrufen und bei hohen Beträgen noch mal eine PIN am Kartengerät eintippen. Eine Zahlung läuft somit also in etwa gleich schnell ab wie mit der guten alten Karte. Trotzdem mag ich das Konzept, und das nicht nur, weil ich so endlich mal die so stiefmütterlich behandelte NFC-Technik nutzen kann: Man muss einfach kein Portemonnaie aus der Hose ziehen und keine Karte dort herausfummeln.

Ein kleiner, noch zu verifizierender Nebeneffekt wäre zudem, dass seqr angeblich auf jeden Einkauf 3 Prozent am Ende des Monats erstattet. Ob das der Wahrheit entspricht, werde ich dann feststellen.

Das eigentliche Killer-Argument scheint mir in der Einfachheit des Konzepts zu liegen. Ich finde jedenfalls bislang keinen Anbieter, bei dem mobiles Bezahlen einfach nach Hinterlegung der Kontodaten funktioniert. So weit ich weiß, gibt es noch boon, aber das scheiterte bei mir bereits an der umständlichen Registrierung. Zudem muss boon wie eine Prepaidkarte immer wieder manuell aufgeladen werden. Android Pay und Apple Pay werden in Deutschland derzeit noch nicht angeboten.

*Update: Die Nachteile*:

Leider dauert es ziemlich lange, bis die App das anfängliche Limit von 75 Euro heraufsetzt. Und leider dauert es noch viel länger, bis sich bezahlten Beträge automatisch automatisch aktualisieren. Will heißen: Wenn ich an der Tankstelle einmal 50 Euro bezahle und wenig später noch für 25 Euro einkaufen gehe, ist seqr aufgrund des Limits dann mindestens für eine Woche unbenutzbar. Laut einer Mail des immerhin schnellen und freundlichen Kundensupports dauert das automatische Wiederaufladen des Guthabens in etwa sieben Werktage. Dadurch, dass in meinem Fall Ostern dazwischen lag, habe ich zwei Wochen warten dürfen, ehe ich seqr wieder nutzen konnte. Das finde ich ein bisschen schade, so bleibt das Bezahlen mit dem Smartphone weiterhin nicht wirklich massentauglich.

Stichwort massentauglich: Apple-Nutzer/-innen sind bis jetzt von der NFC-Nutzung ausgesperrt. Ihr könnt mit seqr zwar auch mobil bezahlen, aber nur über das Scannen von QR-Codes.

Sofern jemand noch weitere Alternativen kennt, die auf nicht gebrandeten Smartphones und vielleicht auch bei Apple-Geräten funktionieren, bin ich der Neugier halber für Hinweise in den Kommentaren dankbar.

Oh, Zeit vergeht.

Ziemlich schnell. Kaum hat man eine zweistellige Zahl an Klausur- und Klassenarbeitssätzen korrigiert sich umgedreht, ist der März auch schon wieder fast vorbei.

Nicht vorbei ist das während dieser Zeit gewachsene Bedürfnis nach einer ultimativen Auszeit. Zwecks Befriedigung eben jenes suchte ich mir also eine kleine Nordseeinsel aus, auf die das Schiff nur einmal am Tag hin- und zurückfährt. Einfach außerhalb der Saison. Einzelzimmer. Eiergrog-Gutschein. Klar, die Rede ist von Helgoland. Wie es gewesen sein wird, gibt es eventuell hier zu lesen. Eventuell auch nicht. Ist für mich schon lange ein Sehnsuchtsort. Eine Felseninsel, auf die man hinwollen muss. Und es gibt Bunker. Und endlich Zeit, um Texte zu schreiben.

Whatsapp-Fasten (Facebook-Fasten II.)

Um Facebook kommst du einfach nicht drumherum. Das soziale Netzwerk an sich lässt sich vielleicht schon umgehen, aber der gesamte Konzern ist mit seinen Apps so allgegenwärtig und mächtig, dass dagegen kaum ein Kraut gewachsen ist. Das schwant mir zumindest, seit ich darüber nachdenke, in der Fastenzeit (höhö) auf alle Facebook-Apps zu verzichten und ausschließlich Alternativen zu verwenden. Also auch ein Verzicht auf Instagram, was meinem Herzen wohl ziemlich weh tun wird, denn ich mag diese App sehr; und, viel schwieriger eigentlich, Whatsapp.

Das Problem bei einem Whatsapp-Verzicht liegt auf der Hand: Nahezu mein gesamtes persönliches Umfeld nutzt die kleine Messaging-App, über Gruppen organisieren sich mehrere Freundeskreise, ein Sprachkurs, eine Band, viele ArbeitskollegInnen. Wie kann man das umgehen, frage ich mich – und zwar so, dass man trotzdem mit den meisten Leuten in Kontakt bleibt und man sich nicht selbst vom eigenen Leben ausschließt?

Vermutlich werde ich das wieder genau so wie im letzten Jahr machen. Wenn man nicht religiös ist, macht man letzten Endes eben doch seine eigenen kultischen Gewohnheiten auf. Diese Apps fliegen schlicht vom Smartphone für die 40 Tage.

Um die Leute darauf hinzuweisen, fiel mir bislang nicht mehr ein, als die relativ unbekannte Broadcast-Funktion von Whatsapp zu nutzen. Darüber schicke ich dann eine Nachricht an meine gesamte Kontaktliste, um die Leute über meinen temporären Verzicht zu informieren. Und viel wichtiger: Um sie auf meine anderen genutzten Messenger aufmerksam zu machen. Folglich würde ich meinen Kontakten via Broadcast den Vorschlag machen, dass man mich in besagter Zeit nicht über Whatsapp, aber weiterhin über Signal, Threema und Wire erreichen kann. Vielleicht schicke ich die Links zu diesen guten, Ende-zu-Ende verschlüsselnden Apps direkt mit in den Broadcast.

Bei der Familie und einigen engeren Freunden habe ich diese Ankündigung schon testweise vorgezogen. Und siehe da: Wir haben plötzlich eine Signal-Gruppe für die Familie und meine Kontaktliste in der schicken blauen Krypto-App ist mittlerweile zweistellig. Andere Freunde hingegen beschwerten sich, dass sie die besagten Apps nicht haben. Auf die Idee, diese einfach zu installieren, kamen sie nicht.

Durch dieses Whatsapp-Fasten mit Ankündigung kann ich, denke ich mir jedenfalls, einige Menschen dazu bewegen, endlich einmal alternative Chat-Apps auszuprobieren. Ob das funktioniert, weiß ich freilich nicht, aber den Versuch scheint es mir wert zu sein. Auch wenn es vermutlich enorm nerven wird.

Fragen an die Demokratie – mein Senf dazu

Hurra, wieder eine Blogparade – dieses Mal zu zehn Fragen an die Demokratie. Stopp, nein, nicht hurra. Dieses Thema ist so gar nicht hurra. Bob Blume fragt sich nämlich, was man tatsächlich tun kann gegen den zunehmenden Verfall dessen, auf dem wir alle mehr oder weniger aufbauen. Gegen den Verfall unserer Demokratie. Die sicher nicht perfekt, aber sicher auch besser ist als das, was den Leuten von rechtsaußen so vorschwebt. Damit meine ich natürlich die antidemokratische AfD – das Kind sollte man beim Namen nennen. Zumindest solange es sich einem üblen, rassistischen Tonfall verschreibt und man allerorten Dinge wie „Lügenpresse“ hört (eine demokratische Partei, die pauschal gegen die Presse  oder die Mainstream-Medien agitiert, gibt es nicht). Solange einem im Diskurs so Sachen wie „wenn wir am Ruder sind, dann gnade euch Gott“ entgegengeschmissen werden. Von der von den Piraten kopierten Beleidigungskultur im Netz möchte ich gar nicht erst reden.

Zu diesem Phänomen gibt es nun zehn Fragen eines Demokraten – meine Antworten scheinen mir unvollständig, unpräzise, aber hoffentlich beteiligen sich mal ein paar mehr Leute an so etwas. Man muss den Rechten mittelfristig das (rhetorische) Handwerk legen, sonst werden sie diesen Staat irgendwann missbrauchen. Ganz so, wie sie das schon angekündigt haben. Und dann werden wir uns wirklich umgucken, denn es werden alle etwas zu verbergen haben.

1. Wie schafft man die Kehrtwende gegen den zunehmenden Rechtspopulismus?

Keine Ahnung. Es ist komplex. Wenn man zynisch ist, könnte man argumentieren, dass sich die Mitte-Links-Parteien nun auch die Fähigkeiten der Rechten in puncto Internet und vielleicht auch direkt zum Thema Big Data aneignen sollten. Ich halte es für keinen Zufall, dass Manager und Firmen aus diesem Bereich bei den britischen Leave-Kampagnen und bei Trumps Wahlkampf ziemlich aktiv mitwirkten. Auch wenn ich darin nicht die Ursache sehe – Internet: das kann Rechts ironischerweise derzeit besser als die Mitte und Links.

Weniger zynisch: Wir brauchen Europa und eine funktionierende EU, denn die über 70 Jahre Frieden auf diesem Kontinent sind nicht vom Himmel gefallen. Die EU finde ich verdammt gut – aber sie beweist nach den vielen Erweiterungen der letzten Jahre leider auch, dass ihr Modell mit so vielen Staaten nicht mehr  so effektiv funktioniert wie einst gedacht. Langsam, träge, zuweilen tatsächlich überreglementiert, undemokratisch strukturiert (v.a. die Kommission) und nicht selten entscheidungsunfähig. Das sind alles berechtigte Kritikpunkte, welche die Rechten übrigens nicht erfunden haben. Gerade Punkte wie fehlende Demokratie und Handlungsunfähigkeit müssen dringend angegangen werden – man stelle sich einmal vor, was gewesen wäre, wenn man die Flüchtlingskrise tatsächlich europäisch hätte managen können. Deutsche und europäische Politiker täten gut daran, diesen schon seit vielen Jahren erkannten Reformbedarf zu erkennen und anzugehen. Dass das europäische Parlament mittlerweile endlich einen Präsidenten hat und auch der Kommissionspräsident zum ersten Mal gewählt wurde, ist dabei nur ein erster Schritt.

Was wir auch brauchen: Mehr Europa. Mehr Begeisterung. Eine europäische Idee, einen Leitgedanken – oder: Ein Narrativ. Ich bin als Schüler damit aufgewachsen, heute hört man das kaum noch.

2. Warum bestimmen die Rechtspopulisten die wahlentscheidenden Themen?

Das hängt meiner Meinung nach mit einer ziemlich bösartigen Ironie zusammen. Die Rechte hat es geschafft, auf Twitter mit Bots und Troll-Accounts massive Dauer-Präsenz zu zeigen und alles automatisiert unter Feuer zu nehmen, was ihr nicht in den Kram passt. Dazu gehören eigentlich immer die Postings von Journalisten. Und gerade auf Twitter findet sich das journalistische Who-is-who dieses Landes, die gesamte Medienelite. Somit ist die vermeintliche Lügenpresse de facto der größte Wahlhelfer für die AfD, indem die Medienkanäle ihren Themen – möglicherweise durch den Präsenz-Effekt der sozialen Netzwerke – übermäßig viel Platz einräumen. Weil selbst die Presseleute aus ihrer eigenen Filterblase nicht heraus kommen.

3. Wie gewinnt man mit Fakten Wahlen?

Gabs das schon mal? Ich würde gerne mit einem Mix aus Sachlichkeit und Visionen Wahlen gewinnen. Nicht mit einer langen „dagegen“-Liste, oder einer „wir gegen die“-Mentalität, sondern mit einem lautstarken „dafür“. Und das auch im Wahlkampf betonen.

4. Wie bricht man die Hegemonie der organisierten Rechten in sozialen Medien?

Vermutlich gar nicht. Das Getrolle mit Bots und Fake-Accounts ist einfach zu viel, gerade die Großen, Twitter und Facebook, haben jegliche Kontrolle verloren und ihre leitenden Angestellten (ähm) wollen sich das nicht mal eingestehen. Dazu kommt die oben schon erwähnte Expertise der Rechten beim Thema Big Data. Es wird eine Weile dauern, bis die gesellschaftliche Mitte das begreift und damit umgehen lernt. Wenn sie es überhaupt lernt.

5. Wie verankert man langfristig und nachhaltig liberale Gedanken in der Bevölkerung?

Wenn man die technischen Aspekte mal hinter sich lässt: Was wir tun sollten, ist Werte dagegen zu setzen. Unsere Werte. Die Werte, auf denen dieses Land steht. Das Grundgesetz, vor allem dessen erste zehn Artikel. Das ist zutiefst konservativ und zugleich höchst liberal. An denen kommt auch die AfD nicht vorbei. Die lassen sich auch kaum umdeuten.

Und: Man muss rhetorisch sehr deutlich machen, womit dieser ganze Mist angefangen hat. Wenn man sich dann auf islamischen Terror, meinetwegen New York, einigt, wird man feststellen: Das Ziel der Terroristen war immer, die liberale Demokratie zu zerstören.

Wer rechts wählt und deren Parolen nachplappert, hilft also letztendlich nur den islamistischen Terroristen und spielt ihnen freudig den Ball zu. Denn die freuen sich über nichts mehr als den Zerfall Europas.

6. Wie schützt man Minderheiten vor Angriffen und politischem Missbrauch in Wahlkämpfen?

Leider hat es das bislang bei jedem Wahlkampf gegeben und wir uns auch 2017 nicht erspart bleiben. Mir fällt da leider auch nichts zu ein, Verbote o.ä. halte ich jedenfalls für keine Lösung. Die Auseinandersetzung müssen wir und leider auch die Minderheiten aushalten – und im Diskurs gewinnen.

7. Wie begeistert man eine Gesellschaft für differenzierte Debatten?

It’s education, stupid. (Soooo leicht gesagt…)

Weniger arrogant und wahrscheinlich realistischer: Ich bezweifle, dass es die „differenzierte Debatte“ außerhalb der akademischen Elfenbeintürmchen jemals wirklich gab. Gerade in Wahlkämpfen wurde schon immer ordentlich gehobelt. Hier glänzt – unabhängig von der politischen Position – besonders, wer rhetorisches Talent und Komplexitätsreduktion (!) mit einfacher, unprätentiöser Sprache kombinieren kann. Und gerade das fehlt vielen PolitikerInnen aus dem linken, liberalen und bürgerlichen Lager auf eklatante Art. Wer kann denn mit seinen Reden noch Menschen begeistern? Wer kann mal wenigstens einen Text so vortragen, dass er halbwegs frei gesprochen wird? So ein Höcke, und mag er noch so widerlich agitieren, reißt seine Leute mit. Das macht ihn so gefährlich.

Da kann man jetzt auch noch so lange (und mit Fug und Recht) dagegen halten, dass es auf dieser komplexen Welt keine einfachen Antworten gibt. Die AfD und ihre Wähler wissen davon nur nichts, sie gibt trotzdem ganz einfache Antworten und gewinnt damit Wahlen zweistellige Prozentzahlen. Und ich glaube nicht, dass man mit akademisch fein herausgearbeiteten Sachanalyse-Reden irgendeine Wahl gewinnt. Das war meines Wissens nach ebenfalls noch nie der Fall.

Natürlich bedeutet das nicht, dass man sich auf das plumpe Niveau der Rechten herablassen muss oder dass Sachdebatten nicht möglich seien. Aber mehr Reduktion und eine Sprache, die näher an den Menschen ist, scheinen mir dringend geboten.

8. Wie versieht man liberale Werte mit einer neuen Attraktivität / Anziehung?

Ich bin fast geneigt, dazu überzugehen, dieses Thema á la Böhmermann mit der deutschen Identität zu verknüpfen (auch wenn ich nicht viel von nationaler Identität halte). „Wir“ haben das Thema einfach jahrzehntelang ignoriert und es den Rechten als hübsch drapiertes Präsentkörbchen vor die Haustür gestellt.

Dabei ist das Grundgesetz in dieser Hinsicht eigentlich ein liberaldemokratisches Angebot sondergleichen, worauf man prima aufbauen könnte.

9. Wie bindet man Menschen an demokratische Institutionen, wie Parteien oder Vereine?

Nicht alle Fragen an die Demokratie lassen sich so leicht beantworten: Gerade Parteien fallen mir besonders schwer. Ich versuch es gerade selber mit einer Parteimitgliedschaft und bekomme es kaum hin, mir die Zeit dafür rauszunehmen. Ende offen.

10. Warum schenken wir den Wahlforschungsinstituten mehr Glauben, als den Gefühlen, die viele äußern und der offensichtlichen Kräfteverschiebung im Netz?

Das weiß ich auch nicht. Viele beherrschen wohl einfache Statistikgrundregeln nicht, selbst repräsentative Umfrageergebnisse haben immer auch einen gewissen Spielraum. Das wird aber so gut wie nie in den Politsendungen erwähnt.

Man entwickelt sich weiter (oder so)

Weniger ist manchmal mehr, und genau aus diesem Grund verabschiede ich mich von der Leitline, dieses Blog mit wöchentlichen Beiträgen zu befeuern. Es funktionierte eh nur mehr schlecht als recht und oftmals gefallen mir die Resultate bis heute nicht.

Stattdessen sollst du, liebes Blog, mehr Platz bekommen für ausführlichere, längere Texte, die aber dafür gerne mal wie ein abstoßender französischer Stinkekäse ein halbes Jahr (okay, Extremfall) auf dem Server reifen. Mehr schönes Schreiben, oder vielleicht – zur Abwechslung – überhaupt mal schönes Schreiben, indes weniger regelmäßig. So sollte es in Zukunft aussehen. Stelle ich mir vor.

Fokus auf das, was wichtig ist.

Wichtig sind derzeit: Geliebte Menschen, der Job, die Musik. In dieser Reihenfolge. Und da das Priorisieren im letzten Jahr bereits (leider) dazu führte, dass die absolut faszinierenden, aber mitunter auszehrenden Bunker-Stories einstweilen am Nagel hängen müssen, gibt es nun eben ein weiteres, äh, Opfer. Wobei dieses Blog genaugenommen gar kein Opfer ist, sonder eher meine IronBlogger-Mitgliedschaft, die – erwartbarerweise – verloren gehen wird.

Man stellt sich diesem dunklen Gefühl, irgendetwas verpassen zu können. Verpassen ist manchmal besser als durch alles nur oberflächlich hindurch rushen zu wollen. Mehr Zeit für das, was zählt.

“No matter how careful you are, there’s going to be the sense you missed something, the collapsed feeling under your skin that you didn’t experience it all. There’s that fallen heart feeling that you rushed right through the moments where you should’ve been paying attention.”
- Chuck Palahniuk

Vielleicht einfach erwachsen werden. Was weiß ich denn schon.

#MiMiMiMi – le Nachwort

Es gab da so eine Lesung. Mitten in der hübschen Bonner Südstadt, der Laden heißt übrigens Friedrichs Coffeeshop und soll auch sonst ganz empfehlenswert sein.

Letztes Jahr war ich noch als Gast dort, der wahrlich nicht schlecht staunte, wie gut sich die vier Blogger nicht nur im Internet, sondern auch auf der Bühne verkaufen konnten. Dieses Jahr war es anders, denn es wurden nicht nur vier, sondern elf AutorInnen eingeladen. Darunter ich. Verdammt. Und da einem eine solche Einladung natürlich nicht schlecht schmeichelt, lehnt man sie wider jeder Vernunft auch nicht ab. Zwar zählen manche Kurzgeschichten durchaus zu meinem Repertoire, aber vorlesewürdig sind diese aufgrund der Textlänge und der Themen nicht. Zumindest nicht für einen solchen Abend. Ich könnte ja wenigstens meine kleinen Vettweiß-Texte lesen, dachte ich mir. In denen bekommt jener Ort meiner Lehrerausbildung sein Vett (haha) weg, der mich bis zum Schluss genervt hat. Die Texte wären unter Umständen durchaus publikumstauglich und vielleicht lacht ja auch irgendwer, schwante es hoffnungsvoll. Mit diesem entspannten Gedanken sank die Einladung darauf im Posteingang nach unten; ein Urlaub und ein Arbeitsplatzwechsel folgten.

Und plötzlich steht er vor der Tür, der große Tag. Morgens noch Schule, mit der zehnten Klasse rede ich über englischsprachige Autoren. Zuhause angekommen schiebe ich mir eine Pizza in den Ofen und schaue mir noch einmal die Texte an. Dabei fällt plötzlich auf, dass ich ja eigentlich noch einen dritten Text schreiben wollte, ein Erklärstück, eine Kontextualisierung, eine Hilfe, damit Nicht-LehrerInnen überhaupt verstehen, was es mit diesem Ort so auf sich hat. Noch vier Stunden, bis es losgeht. Also setze ich mich mit der Pizza an den Schreibtisch und fange an zu tippen. In zwei Stunden springt so die besagte Erklärung heraus, völlig ungeschliffen, gedacht als ein Einzelstück, dann trenne ich sie, zerschneide, schiebe Versatzstücke hin und her, schließlich werden aus meiner Erklärung, die auch eigentlich nur ein paar Zeilen umfassen sollte, zwei neue Texte. Einer davon behandelt eine ganz neue Szene, eine Alltagsbeobachtung, die ich weder eingeplant noch bedacht habe, mein Kopf wirft sie mir an diesem Freitagnachmittag einfach auf den Tisch. Hier, friss, den Scheiß musst du gleich vorlesen. Die Macht der Überarbeitung. Die Macht des „Hier könntest du ja eigentlich doch noch erzählen, wie…“

Eine Überarbeitung, die eigentlich noch einmal überarbeitet gehört hätte. Keine Zeit, eine halbe Stunde noch, bis der Spaß anfängt, zwischendurch noch Emails mit Kollegen geschrieben, ich muss irgendwas Frisches anziehen.

Ein paar Lacher habe ich an diesem (grandiosen) Abend auf meiner Seite, auch wenn ich mir vollkommen seltsam vorkomme und in der anschließenden Videoanalyse deutlich wird, wie unkomfortabel ich da sitze, steif und nervös auf dem Platz herumrutsche und wie soll man eigentlich so ein scheiß Mikro halten? Souverän geht anders, denke ich mir beim Betrachten meiner selbst und frage mich, wer sich von den AutorInnen dieses Abends noch alles selbst angucken – und vor allem – aushalten kann. Irgendwann finde ich dann doch wieder meine innere Zufriedenheit. Denn auf dem Stream finde ich meinen Rhythmus, vor allem bei den beiden älteren Texten, die schon mehrere Überarbeitungen hinter sich haben. Dann: Pause, mit anderen Leuten quatschen, das Programm geht schlussendlich weiter und ich höre mir die restlichen AutorInnen des Abends an – allesamt mit wirklich guten, teilweise berührenden, oft zum Brüllen komischen Texten zur Hand.

Man muss das klar sagen: Ich empfinde ich diese kleine Veranstaltung als absolut großartig, so ein kleiner Rahmen mit doch großer Wirkung; und kann nur jedem empfehlen, der auch nur halbwegs gerne liest und vielleicht mal etwas schreibt, einen Auftritt in dieser Art oder zumindest den Besuch einer Lesung zu versuchen.

Für mich persönlich war das eine ganz neue Erfahrung und ein großer Gewinn.

Kopenhagen im Herbst

Kaum ist man mal da, ist man auch schon wieder weg. Natürlich nie lange, denn die eigene Geldbörse gibt als Noch-Referendar leider nicht furchtbar viel her (und kaputt gehen darf sowieso nichts).

Dieses Mal jedenfalls musste es Kopenhagen sein. Endlich Skandinavien. Und die dänische Hauptstadt hat tatsächlich viel zu bieten. Da ich noch sehr von Eindrücken überflutet bin, reiße ich diese jeweils nur kurz an. Kopenhagen bot uns auf diesem viertägigen Kurztripp

  • hervorragende Free Tours, die für uns bei diesem Trip der Einstieg waren. Die durch Trinkgelder bezahlten Guides machen ihren Job hervorragend und kriegen die für den ersten Eindruck so wichtige Mischung zwischen Oberfläche und Tiefe genau hin. So eine Tour dauert circa zwei bis zweieinhalb Stunden, also Zeit mitnehmen!
  • Architektur und Stadtplanung, ganz vorne die Schlösser, Parks und das frei zugängliche Parlamentsgebäude mit seinem hohen Aussichtsturm (Christiansborg). Auch das sehr gut ausgebaute Radwegenetz sollte für Mutige einen Versuch wert sein. Mut ist allerdings auch erforderlich, denn das Durchschnittstempo schien mir mitunter recht hoch. Wer dagegen nicht Rad fahren möchte und sich auch nicht in die Busse traut, ist zu Fuß ebenfalls ganz gut unterwegs. Die gesamte Innenstadt und auch der Hafenbereich ist recht gut zu erlaufen.
  • Kultur, zum Beispiel günstigen Eintritt ins Theater und die Oper, aber auch jede Menge Programm in Bars und Clubs. Und nicht zuletzt sollten die lustigen Pub Crawls erwähnt werden, bei denen man unterhaltsame, zumeist ebenfalls reisende Zeitgenossen kennenlernen kann.
  • Kunst, vor allem jede Menge Streetart und viele Gallerien.
  • ein nett durchgeknalltes alternatives Viertel: Christiania, super, um dem Lärm der Großstadt zu entfliehen und fast so etwas wie Landleben inmitten der Urbanität zu entdecken. Downside: üppiger Drogenhandel und Fotografieverbot, da einem die Dealer oder Hippies oder wer auch immer die Kamera zertreten würden. Das ist dann eher unschön. Wir haben uns trotzdem reingetraut, die Kameras und Smartphones in der Tasche gelassen und es nicht bereut.
  • ziemlich gutes Essen: bei Hauptspeisen gabs weniger traditionelle dänische Küche, sondern eher postmodernen Hipsterkram wie zum Beispiel auf der Papirøen, wo man eher so etwas wie die Street Food Märkte in Camden Town vorfindet – ziemlich cool und sehr lecker, wie ich finde.
  • ziemlich gutes Essen Pt. 2: Was die Dänen auch gut können, sind Nachtische, Kuchen, Pasteten und Teilchen… unbedingt mal entspannt Kaffee trinken, lohnt sich!
  • die Möglichkeit, einfach mal nach Schweden rüberzufahren: Mit Malmö findet man auf der anderen Seite der Ostsee, in Schweden, eine ihrem Image um einiges überlegene Stadt. Sauber, aufgeräumt, mit dem Chique einer Altstadt, aber auch wesentlich übersichtlicher und weniger von Touristen geflutet als Kopenhagen. Es gibt hier ein paar schöne Cafés, ein spannendes Technikmuseum und einen herrlich einsamen Strand (Ribergborgsstranden). Über den Öresund braucht man auf dem Hinweg aus der Innenstadt etwas über 50 Minuten, was aber nur an den Ausweiskontrollen am Bahnhof liegt. Der kontrollfreie Rückweg ist mit 30 Minuten deutlich zügiger und umsteigefrei.
  • ein leeres Konto: Ja, wie irgendwie alles in Skandinavien ist Kopenhagen (und auch Malmö) extrem teuer. Wer die britische Insel für kostspielig hält, wird hier ganz neue Dimensionen des Geldausgebens entdecken. Zusätzlich erschwert wird das durch den ungünstigen Wechselkurs, so wollte mir das Umrechnen in Euro bis zum Schluss nicht intuitiv gelingen. In diesem Zusammenhang auch erwähnenswert: In Dänemark schrieb ich wegen des Portos die teuersten Postkarten meines Lebens. Wer also zu den wenigen Leuten gehört, die eine von mir bekommen: Eure Freundschaft ist mir sprichwörtlich viel wert :p
  • Wind: Da wir die geniale Idee hatten, im Herbst rüberzumachen, war es natürlich nicht nur ziemlich kalt, sondern auch verdammt windig. Darauf waren wir zum Glück einigermaßen vorbereitet. Diese Erfahrung verbuche ich dennoch unter der Kategorie „interessant“.