Nicht-Ort, die zweite

Ach hallöchen, liebes V., alte Kackbratze. Lange habe ich nicht mehr über dich hergezogen, da müsste es doch eigentlich einmal wieder Zeit werden, dachtest du dir ganz bestimmt, denn als wenig liebgewonnene Einöde im Brachland der Zülpicher Börde gibt ja auch sonst für dich und deine Nörgelbürger nichts zu lachen. Ja, jedenfalls, V., eben diese Nörgelbürger haben sich nun einen neuen Nörgelstreich ausgedacht, der mir recht gut in dein perfektioniertes Bild zu passen scheint, ja deinen gesamten Existenzsinn: nämlich möglichst jeden Besuch von außerhalb maximal unangenehm zu gestalten. Dies gelingt dir heute auf neue, perfide Art, denn die Ordnungshüter, die du gezielt auf die den Seminarstandort umgebenden Parkplätze ansetzt, haben es natürlich auf uns, die völlig überbezahlten und daher finanziell teilungsfreudigen Referendare abgesehen.

Freilich, V., man muss es dir lassen: In Deutschland gelten immer noch Recht und Ordnung. Darauf legst du Wert, das ist dir wichtig. Bei dir kann nicht einfach jeder irgendwo sein Auto abstellen. Wo kämen wir denn da hin – also schon schon mal nicht zu dir. Vor allem darf man seinen Wagen auf keinen Fall auf den Parkplätzen rund um das von dir so verhasste Studienseminar für die Lehrerausbildung abstellen, denn wir seien ja schließlich, wie deine Ordnungshütenden mahnend feststellen, Zitat, „jung und dynamisch (…) und können gefälligst vom Ortseingang zum Seminar laufen.“ Was du dabei ignorierst: Jung und dynamisch ist bei End-20ern und Anfang-30ern durchaus schon mal Definitionssache, und selbst wenn es so wäre, scheint diese wohlfeile Charakterisierung bei strömendem Regen nicht zielführend. Aber egal, was kümmert’s dich, V., du musst schalten und walten und die leeren Parkplätze leer halten. Und natürlich mit den Ordnungsgeldern deine Finanzen aufbessern. Drum können auch deine Nörgelnden brav hinter ihren Gardinen hocken und darauf lauern, dass erneut fußlahme und überraschend wenig dynamische Referendare die maximale Parkdauer von zwei Stunden um wenige Minuten überschreiten.

Was ich dir jedoch dringend empfehlen möchte: Schaffe Verbindungen mit Bus und Bahn zu dir. Auch wenn deine eigenen Schildbürger möglicherweise nie mit solchen Verkehrsmitteln führen, denn wozu sollte man schon über seinen eigenen Horizont blicken – viele von uns würden sie sicher nutzen. Und: Stelle Schilder in deinen Seitenstraßen auf. Zum Beispiel solche hier: Halteverbot

Dann wird sich auch niemand mehr mit seinem Auto in deine Sträßchen verirren. Sowieso wird sich ab September niemand mehr von uns in deinen Ortskern verirren. Wozu auch? Man kommt ohne Auto nicht hin, darf aber gleichzeitig nirgendwo parken und zu sehen oder zu verweilen gibt es gleich auch nichts.

10/10

Es gibt so einen Punkt in diesem Referendariat… den ich jetzt mal als 10/10 bezeichne (sprich: zehn von zehn). Halten wir das bisher Erreichte einmal kurz fest:

  • zehn Unterrichtsbesuche: Done. 10/10. Finito. Pflichtprogramm erledigt.
  • über ein Jahr mehr oder weniger guter Unterricht in
    • Ausbildungsklassen und -kursen, also denen, wo einem ständig ein/e Mentor/in auf die Finger schaut und man regelmäßig zerlegt wird
    • „bedarfsdeckendem Unterricht“ – also jenen Kursen, für die man selbstständig die Verantwortung über das ganze Schuljahr trägt und die dem Land die Einstellung von mehr Lehrern ersparen, da es ja auf absehbare Zeit immer genug Referendare geben wird…
  • zahlreiche Klassenarbeiten und Klausuren, die alle zeitnah korrigiert werden wollten. Was vor allem dazu führte, dass ich den Begriff „zeitnah“ völlig neu definieren musste. In der Tat: Die endlos scheinende Dauer für eine einzelne korrigierte Oberstufenklausur (aber auch zum Beispiel eine Deutsch-Klassenarbeit in einer 9. Klasse) ist mit die größte Überraschung, die der Lehrerberuf für mich mit sich brachte.
  • das Erkennen der eigenen Stärken – und der Tatsache, dass Classroom Management und Akzeptanz bei SchülerInnen jeglicher Altersgruppen wohl mein geringstes Problem ist. Wieder eine Überraschung: Ich erwartete das definitiv anders und auch Außenstehende sprechen einen, sobald das Thema Lehrer fällt, zumeist in einem suggestiven „Ist bestimmt krass mit den Kindern heutzutage, oder?“-Duktus an. Also halten wir das hier offiziell für alle fest: Nein, ist es nicht. Die Kinder heutzutage sind viel netter als wir in unserer eigenen Schulzeit.
  • die Einsicht, dass das Berufsbild unfassbar komplex und anspruchsvoll ist, enorme Selbstdisziplin und -Strukturierung voraussetzt, gleichzeitig aber auch richtig Spaß macht. Meistens kam ich zwar nie zu den Sachen, die richtig Spaß machen, aber egal. Theoretisch macht es wirklich richtig Spaß. Zum Beispiel Lektüren mit SchülerInnen durchnehmen. Super Sache.
    • bis auf Woyzeck. Woyzeck habe ich hassen gelernt. War bis dato gar nicht so klar. (Ja, auch Lehrer finden manche Bücher aus dem Lehrplan doof. Kommt vor.)
  • last but not least: Don’t even try to hide in the internet. They will find you. Ist aber in Ordnung. Meinen Umgang mit sozialen Medien habe ich nicht im Ansatz geändert. Auch das gehört für mich dazu: sich einfach nicht zu verstellen. Denn auch SchülerInnen können ruhig wissen, dass der komische Vogel vor der Tafel ein Mensch ist.

Wie geht es nun weiter? Ruhiger. Noch drei Wochen Schule, Gutachten hinterher rennen, Bürokratie meistern, Arbeiten fertig korrigieren, Noten festlegen, Sommerferien, Spaß mit Johannes und Sascha, Spaß in Schottland, Staatsexamen planen, und im September folgt dann der große Tag X mit zwei praktischen und einer theoretischen Prüfung. Läuft.

Aus Versehen im Trend: Metalshirts jetzt „in“

Hoppla. Was geht denn jetzt ab… der alt-ehrwürdige Metal Hammer erklärt, dass Metalshirts für diesen Sommer kraft diverser Mode-Mags zum Trend erklärt würden. Dabei nimmt man auf die Modeseite Harper’s Bazaar Bezug, die jetzt nicht wirklich eine Referenz in Sachen Subkultur ist, aber den Look wohl gerade cool findet. Auch die deutsche GQ schließt sich dem an und empfiehlt uns auch direkt passende Kombinationen – darunter ein Karohemd und eine lochfreie (!) schwarze Hose. Das ist das Gruselige an Trends – plötzlich findet sich der/die kleine, ziemlich vom Mainstream angenervte MetallerIn selbst mitten im absoluten Mainstream. Aus Versehen trendy. Mir kanns ja relativ egal sein, ich trage kaum noch öffentlich Bandshirts (was mehr der Tatsache geschuldet ist, dass meine Shirts teilweise sehr alt sind und nur noch zu besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt werden, als dass ich sie blöde fände).

Andere hingegen werden sich in diesem Sommer vermutlich wundern. Denn Shirts oder Batches mit klaren musikalischen Ansagen dienen dem bewanderten Subkultur-Connaisseur seit tausenden von Jahren zum Erkennen gleichgesinnter und geschmacklich ästhetischer Menschen. Was unter jenen Gleichgesinnten nicht selten zu interessanten Gesprächen und neuen, netten Bekanntschaften führt. Nicht zuletzt ging mir das auch schon öfter so – man hat einfach sofort ein Gesprächsthema, fremde Leute sind per Definition nicht mehr komplett fremd, wenn sie dieselbe Lieblingsband haben wie man selbst. Und nun… nun stelle ich mir die Gesichter der Modehipster in Metalshirts vor, die keinen blassen Schimmer von der Musik haben und dann von richtigen Metalfans kumpelig angequatscht werden.

Grundsätzlich ist die Metalszene ja gottlob sehr offen – man muss nicht alle Alben von Slayer auswendig kennen und auf Gitarre und Schlagzeug rauf und runter spielen können, um dazuzugehören. (Ich mag Slayer zum Beispiel überhaupt nicht, Asche auf mein Haupt.) Aber so ein bisschen Bezug zur Musik sollte man dann schon haben, ein Bandshirt als reines Accessoire kann ich mir nur schwer vorstellen. Ein Glück, dass diesem Trend nur die Halbwertszeit eines Sommers prophezeit wird. (Oder sollte ich mit meiner Band schon mal, rein präventiv, versteht sich, massenhaft Shirts in Druck geben, damit wir im Sommer das Geschäft unseres Lebens machen können?)

Und überhaupt: Wie stehen eigentlich die Bonner ModebloggerInnen so dazu? Bitte benachrichtigt mich doch, falls das Thema dort irgendwo aufgegriffen wird. Nur so aus Interesse ;-)

Muss das jetzt wirklich sein?

Anscheinend schon.

Dass ein Beitrag wie dieser heutzutage überhaupt noch geschrieben wird… es ist schon bitter, in einem Land zu leben, in dem ein Herr Gauland als führendes Mitglied einer 10+X Prozent-Partei offen rassistisch rumpöbelt. Und andere hohle Fritten aus eben jener Politgruppierung ebenfalls, teilweise läuft das ja schon seit Jahren. Unwidersprochen bleiben solche bewusst lancierten Aufmerksamkeitsakionen in den sozialen Netzwerken natürlich nicht, aber ich finde es dennoch traurig, dass sich überhaupt jemand traut, sein Profil offen mit derart verblödeten Aussagen zu schärfen.

Ja, dumm, verblödet, völlig gehirnamputiert. Was anderes fällt mir dazu nicht mehr ein. Dumm im Sinne von biologisch falsch. Dieses ganze Gelaber von Rassen und Hautfarbe, was gerade – im Jahr 2016! – aus dem Gullideckel der Geschichte wieder hoch blubbert: Es kotzt mich an. Menschen, die sich solcher Aussagen bedienen, wenden sich rhetorisch gegen jede Form von Miteinander und Zusammenleben und offenbaren darüber hinaus ein fundamentales Nichtwissen über Genetik und Biologie. Professor Harald Lesch bringt das mit den vermeintlichen Menschenrassen schön auf den Punkt und mehr möchte ich darüber auch gar nicht verlieren.

Laufen gehen II: Kondition aufbauen

Man sagte mir, dass man schnell Kondition aufbauen könne.

Man sagte mir auch, dass man recht schnell ohne Pausen durchlaufen könne.

Und was soll ich sagen: Es stimmt. Etwas über einen Monat versuche ich nun, mir ein paar Ausdauer-Grundlagen zu legen. Ohne wirklich ambitionierte Ziele, es geht nur darum, etwas fitter, etwas wacher zu werden, dabei die Distanzen und Längen zu steigern, daraus eine Regelmäßigkeit, ein Ritual zu schaffen. Bei winzig kleinen 1,3 Kilometern bin ich Mitte April gestartet, und selbst die konnte ich nur mit zwei Geh-Pausen und sehr langsamem Tempo bewältigen. Mein Körper reagierte völlig ermattet, mein Herz war auf Belastung überhaupt nicht eingestellt. Seitdem: Jeden zweiten/dritten Morgen lockeres Laufen, vor der Arbeit, manchmal um kurz nach fünf, dabei ab und zu die Strecke und die Zeit verlängert. Eine bessere Ernährung versuche ich mir auch anzugewöhnen, das geht schon ganz gut. Seit heute dann: 5,3 Kilometer ohne Pause. Und zum ersten Mal spürte ich das seltsame Gefühl in den Beinen, dass man ewig weiterlaufen könnte. Wie gesagt, das ist nur ein Monat. Und es ist auch nur eine kurze Momentaufnahme. Es geht wirklich enorm schnell und so langsam muss ich mir wohl doch mal richtige Laufschuhe kaufen, wenn ich die Distanzen weiter steigern oder etwas schneller laufen möchte. Was mir nur logisch erscheint.

Und noch so ein Nebeneffekt: Tagsüber ist man wacher, fitter, aufmerksamer, die Wirkung von einem Morgenlauf ist, zumindest mal bei mir, mit der einer großen Tasse Kaffee gleichzusetzen.

Fazit: Kondition aufbauen funktioniert in sehr kurzer Zeit auch ohne große Marathon-Ziele und man tut sich damit wirklich etwas Gutes.

Notizen: Referendariat – dickes Fell

Derzeit häufen sich meine persönlichen Jubiläen – manche weniger, manche mehr erwähnenswert. Zu letzteren gehören definitiv die zwei Jahre Blog mit *.de-Domain und quasi auch noch zeitgleich ein Jahr Referendariat. Von den Betroffenen zumeist nur „Ref“ genannt – die Zeit, die einem gefühlte 99 Prozent der erfahrenen LehrerInnen bei jeder Begegnung als ihre persönliche Hölle beschreiben.

Auch die Zeit, in der einem die für die eigene Ausbildung verantwortlichen Leute erläutern, man solle auch unbedingt auf seine Partnerschaften aufpassen, die fielen ja zu schnell hinten runter. Stets in diesem „Wir wissen, worüber wir reden“-Duktus.

Die Zeit, in der die FachleiterInnen Witzchen darüber machen, dass man als Referendar gar nicht erst versuchen sollte, Rechtfertigungen zu verhindern, da man sich eh dauernd rechtfertigen müsse.

Tatsache: Man braucht wirklich ein verdammt dickes Fell. Tatsache Nr. 2: All das wusste ich vorher und habe mich trotzdem darauf eingelassen. Sehenden Auges in die Kreissäge rennen, oder so. Es ist eine Zeit voll Rechtfertigungsdruck und Dauerbewertung. Phasen ständiger Korrektur, Kritik und Benotung von außen wechseln sich mit Zeiten kritischer Selbstreflexion, ständigen Verbesserungsversuchen, erneuten Feedback-Loops und  gelegentlichen Totalzusammenbrüchen ab. Ganz nebenbei trägt man auch noch eine riesige Verantwortung für einen Haufen SchülerInnen.

Und dabei habe ich echt noch Glück. Mein Seminar ist im Großen und Ganzen gut strukturiert, über die Schule würde mir kaum ein schlechtes Wort über die Lippen gehen. Eigentlich also eine perfekte Ausgangslage: Man kommt gut mit den KollegInnen klar, die Kids sind völlig in Ordnung und ziehen bei Unterrichtsbesuchen gut mit, das Feedback der MentorInnen und FachleiterInnen ist zumeist konstruktiv.

Und trotzdem treibt einen das Dauerfeuer an die eigenen Grenzen: Es geht richtig an die Substanz. Die Kombination aus Workload (ich bin zum ersten Mal in einer Situation in meinem Leben, in der mir die Benutzung dieses Worts gerechtfertigt scheint) und Dauerbewertungssituation bei gleichzeitig extrem hoher Verantwortung schleift mich so langsam runter. Man kommt nicht selten an den Punkt, an dem man sich fragt, ob man wirklich noch etwas lernen kann. Und dabei gibt es – wie überall im Leben – immer etwas zu lernen. Im Ref ist dieses Lernen nur eben ökonomisch komprimiert auf anderthalb Jahre. Verdammt wenig Zeit. Und oft bleibt nur das Gefühl, nicht hinterher zu kommen.

Endspurt bis September. Wie in meiner Branche üblich gibts dazu nur eine unübersichtliche Aussicht auf die Zukunft.

Motivieren muss man sich mit anderen Dingen. Indem man sich zum Beispiel immer wieder vor Augen hält, wie hart es anderen Refs ergehen kann. Jenen, die keine so gute Schule und nicht so ein angenehmes Seminar erwischt haben.

Absolutes Glück im Chaosfall, man weiß das zu schätzen.

Zwei Jahre und Spaß dabei

Bisschen lang. Bisschen kurz. Keine Ahnung. Mehr als zwei Jahre lang schon lebt dieses Blog und dokumentiert damit den langsamen, aber stetigen Niedergang seines Autors. Gestartet als Tiger, gelandet als Bettvorleger. Was mal als Vernetzungsgedöns während meiner kurzen Zeit in Bonn gedacht war (und auch noch funktionierte), dann mit einigen, vornehmlich digitalen, manchmal auch politischen Themen glänzte (naja…), schließlich Zeugnis über Lebenskrisen und Lebensveränderungen ablegte, mutierte letzten Endes zu einem recht unbunten Sammelsurium von flapsigen Kommentaren zu meinem Privatleben, manchmal auch Musikpräferenzen. Völlig flach und Spaß dabei, passt schon, oder? Zwischenfazit: Den professionellen roten Faden gibts nicht, gabs nie, für eine spätere Business-Visitenkarte oder gehobene Lehrer-Homepage muss dann wohl wieder was Neues her.

Aber, weil es so Spaß macht – mein Vorsatz für die nächsten zwei Jahre: Hier muss eindeutig mehr Literatur rein. Gemeint sind damit: Texte über Literatur. Wenn man schon von Berufs wegen viel lesen muss und das auch gerne macht, wäre es doch ein Leichtes, das hier schriftlich zu dokumentieren. Dann schauen wir mal.

Notizen: Der Maibaum

Sowas wie ein Maibaum.
Sowas wie ein Maibaum.

Vor dem Haus steht nun ein Maibaum. Oder eher ein Mai-Ast. Mutmaßlich das, was irgendwie noch zu bekommen war. Der nächste Ikea ist dann doch ein bisschen zu weit weg und Wald gibt es, bis auf den Privatwald am Golfplatz, auch nicht wirklich. Vielleicht gab die Böschung der Autobahn gerade noch etwas karges Geäst her. Gleichwohl stelle ich mir die Frage, wer denn nun der Adressat dieses wider aller Größenprobleme stolz und liebevoll geschmückten Stückchen Holz sein soll. Denn mir war bislang nicht bekannt, dass in diesem feinen Hause junge Frauen (= U30) wohnten. Männer könnten derweil schon infrage kommen, schließlich ist Schaltjahr. Aber wer bloß? In diesem Fall träfe nämlich wohl dasselbe Problem wie bei den Damen zu. Und mich, zarte, zerbrechliche 30, wird es kaum getroffen haben, da ich es bisher (vor allem in Anbetracht der Arbeit) äußerst erfolgreich umgangen habe, irgendjemanden in diesem Ort – außer meiner Nachbarn und meiner Vermieter – kennenzulernen. Mangels Beschilderung verbleiben wir also bei einem vorerst unlösbaren Rätsel und verweisen stattdessen auf einen schönen Text, den Sascha Gaul bei bundesstadt.com zum Thema verfasst hat. Da gehts auch um Maibäume und auch ein bisschen um Jugenderfahrungen beim Stellen selbiger.

Meine Jugenderfahrung dazu ist übrigens in zwei Sätzen erzählt: Mit 17 (?) zogen wir los, um Maibäume in der Stadt zu stellen und landeten danach irgendwann auf dem Hänger eines Traktors, mit welchem wir in die umliegenden Dörfer fuhren, um den bereits besinnungslos betrunkenen Junggesellen auszuhelfen. Da eine Gruppe Teenager – Junggesellen oder nicht – nun aber zumeist dazu neigt, den Alkoholpegel gruppenintern zu homogenisieren, zog der Abend auch nicht völlig spurlos an meiner Verfassung vorüber und so kam es, dass es irgendwann wieder Tag und meine Kleidung vom ganzen Schlamm und den Traktorfahrten sehr schmutzig war.

Aus irgendwelchen Gründen kam ich seither nicht mehr dazu, mich mit der rheinischen Maibaum-Tradition aktiv auseinanderzusetzen.

Irgendwie nicht gestrandet: Gojira

Gojira. Hat auch was mit Godzilla zu tun. Ist, um es genau zu sagen, der japanische (Original-) Name für die berühmteste radioaktive Echse des kontemporären SciFi-Geschehens. Aber dieser vergleichsweise kurze Beitrag ist nicht dazu angelegt, um Echsen zu diskutieren. Sondern Musik. Gute Musik. Ehrlich, harte, bittere, authentisch aus jeder Pore herausgeschwitzte, der eigenen Emotion viel abverlangende Musik. Musik, die mir schon mal Gänsehaut bereitet. Die Band nennt sich wie die erwähnte Echse, Gojira, irgendwie französisch ausgesprochen, [Go⁠ʒ⁠irá], oder so; jedenfalls sind die vier Franzosen in der Lage, mit ihrem Sound mein Gehirn und das, was ich mir als Herz einbilde, in nicht unerheblichem Maße in Schwingung zu versetzen. Das schon recht lange, ich lernte sie einst, im Jahr 2007, als Vorband der legendären In Flames im Kölner Palladium kennen. Als schlecht für die ruhmreiche Hauptband stellte sich bei besagtem Konzert allerdings heraus, dass diese nach dem phänomenalen Abriss ihrer Einheizer nur noch einen eher farblosen Eindruck hinterließ. Im Metal jetzt auch kein Drama, nur liebe ich seitdem eben diese Franzosen, im Grunde viel mehr als die Schweden; Gojira, diese irren Öko-Aktivisten mit ihren starken Texten. Und diese Liebe kommt nicht allein dadurch, weil sie durch letztere schon fast eine Alleinstellung im Genre innehaben. Gojira waren mein Einstieg in das gesamte Progressive-Œu­v­re, sie öffneten mir die Tür zu einer Musik, zu der ich bis heute regelmäßig zurückkehre. Oder besser gesagt, die, wie in diesem Fall, zu mir zurückkehrt. Denn man hat seitens der Echsenmenschen ein neues Album aufgenommen – erschienen ist noch nicht, gleichwohl gibt es nun die erste Single auf die Ohren. Meine Helden aus dem Jahr 2007, wegen derer ich heute an diesen verschwitzten Abend zurückdenke, sind wieder da. Und sie sind ganz stark. Der Titel Stranded vermag nicht nur zu beeindrucken, er jagt Gänsehaut ein. Das Stichwort heißt Authentizität, den Jungs nimmt man einfach jede Regung ihrer durch die Musik transzendierenden Wut ab. Alles, was hier in puncto Gefühl, Emotion, Herz und Empfindsamkeit (ja!) transportiert wird, hämmern die Gitarrenwände konsequent und direkt auf den Nervus vestibulocochlearis. Mit dem Presslufthammer. Kein Wunder, dass das gesamte zentrale Nervensystem mitschwingt. Gänsehaut – wenn man dieses Stück richtig laut hört. Was konsequent empfohlen wird und vor der zu erwartenden Gema-Sperre dringend getan werden sollte.

Notizen: Laufen gehen

Eine Hassliebe. Ich hasse Sport. Wirklich. Es gibt kaum etwas, dass mir aus logischer Sicht unnötiger erscheint: Wieso sollte man sich abquälen und seinen an sich gesunden Körper mittels „Laufen gehen“ verschleißen, wenn man ihn nicht viel besser auf der Couch schonen und die Jahre mit Bier und Chips überdauern lassen kann?

Und doch, verdammt, ja, bin ich 30 und so langsam „in einem Alter“ (wie ich diesen Satz hasse*), in dem man so langsam anfangen sollte, auf sich aufzupassen. Nicht nur in puncto Finanzen (haha) oder Beziehung (haha²), sondern eben auch körperlich. Und da gerade die letzten Wochen arg an meiner Substanz zehrten und mein Konditionsproblem bei den letzten Bühnenauftritten auf überdeutliche Weise offenbar wurde, laufe ich jetzt. Wieder. Schon wieder.

Denn da war schon mal was. Bereits vor etwas über einem Jahr konstatierte ich mir selbst ein ähnliches Problem und ging dann konsequenterweise zum ersten Mal joggen. Allerdings zum ersten und dann auch einzigen Mal, denn einen Tag später gönnte sich der widerspenstige, matte Körper erst einmal einen veritablen grippalen Infekt – quasi nach Lehrbuch. Mitten in der Examensphase war ich ein paar Tage ausgeknockt, wertvolle Lernzeit ging verloren und mein gesunder (naja) Geist war ob des kranken Körpers reichlich genervt. Und vom Laufen hatte selbiger vorerst auch genug.

Jetzt, über ein Jahr später: Selbe Situation, besser funktionierendes Gehirn. Nicht übertreiben ist die Devise. Denn wer am Anfang, völlig untrainiert, zu viel Gas gibt (und die Gefahr, dies zu tun, ist schon sehr groß), sorgt dafür, dass der eigene Körper ein bisschen zu viel auf die Reserven geht. Und dadurch das Immunsystem schwächt. Da man also nicht krank werden will, wird jetzt nur entspannt ums Dorf gelaufen. Für den Anfang reichen mir 1,3km, jeden zweiten Morgen vor der Schule. Meine Kondition ist so mies, dass ich die erst einmal durchlaufen können will, ohne mich dabei wild keuchend zu verausgaben. Das ist das Ziel. 30 Jahre alt und ein völliger Lauch in Anti-Bestform.

Aber deswegen scheint mir Laufen opportun. Keiner nervt mich, kein Wettbewerb (ich hasse Wettbewerbe), und morgens ist der Pfad ums Dorf wirklich menschenleer. Kleine Brötchen backen. Zwei, drei Wochen lang. Dann eine Schippe drauf. Und dann noch eine. So oder so, ich hasse Sport. Ich verachte Bewegung. Aber was muss, das muss.

*ein schönes Lied, welches diesen weniger schönen Satz auf herrliche Art neu interpertiert – wir sind ja jetzt alle furchtbar gesund und das Kochen lerne ich dann auch noch, oder so: